Der Volkswirt Wider alten Wirtschaftsstrukturen

Die Konservierung alter Strukturen hilft der Wirtschaft nicht weiter: Für US-Nobelpreisträger Robert Solow gehören Wachstum und technischer Fortschritt untrennbar zusammen.

"Es wird zu viel für die Bild vergrößern "Es wird zu viel für die Autoindustrie getan - und damit für den Erhalt alter Strukturen", sagt Robert Solow dpa

Weder bei Opel in Rüsselsheim noch bei General Motors in Detroit wird dieser Satz Robert Solows gut ankommen: „Es wird zu viel für die Autoindustrie getan – und damit für den Erhalt alter Strukturen.“ Einer der profiliertesten Ökonomen der Welt, Nobelpreisträger von 1987, verreißt damit laut und deutlich die Politik der Krise. Das sitzt. Und man ahnt, was Solow zur Verlängerung der Abwrackprämie zu sagen hätte.

Die wenigen Worte enthalten Robert Solows ökonomische Kernbotschaft: Wirtschaftliches Wachstum entsteht vor allem durch technischen Fortschritt, Festhalten an alten, überkommenen Strukturen ist ökonomisch schädlich. Der Ökonom publizierte seine Überlegungen zum ersten Mal 1956 in dem Aufsatz „A Contribution to the Theory of Economic Growth“. Sein dort vorgelegtes Modell wirtschaftlichen Wachstums wurde zu einem Eckpfeiler der Volkswirtschaftslehre, an dem auch 50 Jahre später kein VWL-Student vorbeikommt. Solow entwickelte eine Produktionsfunktion, die sich nicht nur aus den variabel einsetzbaren Faktoren Arbeit und Kapital speist. Langfristiges Wirtschaftswachstum ist bei Solow mehr als das Resultat des Zusammenspiels von Arbeitskraft, Maschinen und Rohstoffen. Er zeigt, wie zusätzlich eingesetzte Produktionsfaktoren nicht zu parallel stetig weiter steigender Produktion führen – das Prinzip abnehmender Grenzerträge. Um nachhaltiges Wirtschaftswachstum erklären zu können, führt Solow deshalb den technologischen Fortschritt in sein Modell ein: Produktion ist für ihn Arbeit plus Kapital plus Innovation. Für dieses Konzept, dargelegt auf 30 Seiten, bekommt er knapp drei Jahrzehnte später den Nobelpreis.

Vorsprung durch Wissen ist Leitmotiv

Vorsprung durch Wissen ist für den Sohn eines eingewanderten Pelzhändlers, aufgewachsen in Brooklyn, ein Leitmotiv. Solow und seine zwei Schwestern waren die ersten der Familie, für die überhaupt eine akademische Ausbildung greifbar war. Der eifrige Schüler nutzte seine Chance und erhielt ein Stipendium des Harvard College. „Wie viele Kinder der Depression“, schreibt er später, „war ich neugierig, wie die Gesellschaft tickt.“ Das Studium der Soziologie und Anthropologie wird 1942 durch Kriegsdienst in Italien und Nordafrika unterbrochen. 1945, nach der Rückkehr nach Amerika und an die Universität, wechselt Solow die Disziplin. Allerdings, bekennt er später, sei seine Wahl der Ökonomie „ziemlich zufällig“ gewesen.

Robert Solow (geboren 1924) erweiterte das klassische Wachstumsmodell um den Produktionsfaktor Innovation.

Zufällig vielleicht, aber folgenreich. Dem Bachelor-Abschluss folgt 1951 die Promotion. Bereits zwei Jahre zuvor ist Solow an das Massachusetts Institute of Technology (MIT) gewechselt, verbunden mit einer Assistenzprofessur. Das MIT wird zum Mittelpunkt seines professionellen Lebens. Er arbeitet in Büro 383 B der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Wand an Wand mit seinem Lehrer Paul Samuelson, ebenfalls Nobelpreisträger. Diese Nachbarschaft wird für Jahrzehnte zu einer der produktivsten und erfolgreichsten der Zunft. Ein Leben mit „nahezu täglichen Gesprächen über Ökonomie, Politik, unsere Kinder, Gott und die Welt“ beginnt. Für Solow ist das Zusammenspiel mit Samuelson „ein unschätzbar wichtiger Teil meines Berufslebens“.

Die Büronachbarn machen das MIT zu einem Mekka der Ökonomie. Zu den Schülern Solows, dem „genialen Didaktiker“ (Carl Christian von Weizsäcker), gehörte etwa der – mittlerweile ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnete – US-Ökonom Joseph Stiglitz. Sie alle verbindet neokeynesianisches Denken. Die Auffassung also, dass dem Staat eine wichtige Rolle in der Steuerung der Wirtschaft zukommt; dass Wachstum keine Frage einer ausschließlich angebotsorientierten Politik sein könne. Wenn die Politik aber — siehe Autoindustrie — den Strukturwandel verhindern will, trifft sie dennoch Solows Zorn. Vielleicht ist dieser Pragmatismus ein Grund, warum Solow sich nie in ideologische Kämpfe mit liberalen Kollegen verstrickte.

In seinen zahlreichen Positionen als Wirtschaftsberater, etwa im Wirtschaftsrat des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy, konnte Solow seine akademischen Forderungen immer wieder selbst für die Politik übersetzen. Selbst aktuelle deutsche Diskussionen um die „Bildungsrepublik Deutschland“ und die Ressource Wissen fußen letztlich auf Solows ökonomischen Vorarbeiten. Denn sie sind politische Antworten auf die Frage, wie der technologische Fortschritt, den Solow für die Ökonomie entdeckte, überhaupt in die Welt kommt.

Dieses Jahr wird der rüstige Professor 85 Jahre alt. Er hält weiterhin Vorträge und Vorlesungen (ein Beispiel unter http://www.youtube.com/watch?v=tjs2uVXj6aQ), reist um die Welt und erteilt Ratschläge. Und man darf gespannt sein, was er sich für seine Geburtstagsvorlesung im August einfallen lässt.

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3 Kommentare zu “Wider alten Wirtschaftsstrukturen”

von Hägar Schmidt am 17.06.2009 14:41 Uhr

von Klartexter am 16.06.2009 16:58 Uhr

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