Interview Clemens Fuest "Wir brauchen einen Aufstand der Jungen"

Der Finanzwissenschaftler und Regierungsberater Clemens Fuest über die schlechte Lobby der Jugend in der Hauptstadt.

Clemens Fuest, Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford Bild vergrößern Clemens Fuest, Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford Michael Dannemann für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Fuest, Zinsen auf die Staatsschulden und Zuschüsse für die Renten zählen zu den dicksten Brocken im Bundeshaushalt. Auch die neue Regierung macht keine Anstalten, daran etwas zu ändern. Warum geht Politik so oft zulasten der Jungen?

Fuest: Generell gibt es in der Politik eine Neigung, Lasten in die Zukunft zu verschieben. Staatsverschuldung zum Beispiel ist für Politiker ungeheuer attraktiv, weil die Schulden vor allem von künftigen Generationen bedient werden müssen, die heute noch nicht zur Wahl gehen. Da fällt es leicht, großzügige Zuschüsse an die Sozialkassen zu gewähren...

...weil die Rentner so viel Macht haben?

Polit-ökonomisch sind Rentner eine sehr schlagkräftige Wählergruppe. Da die deutsche Bevölkerung altert, wird es in den nächsten Jahren immer schwerer, die Renten oder Leistungen der Pflegeversicherung zu begrenzen. Das verstieße gegen die Interessen der Älteren. Daher spricht man ja auch von einer drohenden Gerontokratie in Deutschland, der Herrschaft der Alten.

Zur Person

Fuest, 41, ist Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford. Er leitet den Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium.

Sind deren Interessen tatsächlich so eng?

Natürlich nicht. Viele ältere Menschen haben Kinder und Enkel und wollen gar nicht auf Kosten der jüngeren Generation leben. Wenn es aber konkret wird, bringt man ältere Wähler mit Rentenkürzungen gegen sich auf. Daher neigt die Politik dazu, vor einer Wahl Geschenke an die Älteren zu verteilen.

Warum haben die Jungen in Berlin eine so schlechte Lobby?

Die 20 Millionen Rentner haben ein starkes, gemeinsames Interesse an Rentenerhöhungen. Sie sind als Wählergruppe gut mobilisierbar. Für die jüngere Generation gilt das nicht: Die Jungen arbeiten in unterschiedlichen Branchen und sind unterschiedlich ausgebildet, manche haben Kinder, andere nicht. Daher sprechen sie nicht mit einer Stimme.

Was ist denn der größte politische Kniefall vor der Macht der Alten?

In letzter Zeit sicherlich die vor der Bundestagswahl gewährte Rentengarantie. Das ist ein schlimmer Anschlag auf die Generationengerechtigkeit. Die Versuchung für die Politik war einfach zu groß, eine breite Wählergruppe durch dieses Geschenk für sich zu gewinnen.

Diese Garantie hebelt drohende Rentenkürzungen aus. Schwarz-Gelb hält daran fest, soll die Kürzungen aber später nachholen. Steht zu befürchten, dass die neue Regierung dabei kneift?

Zu Kürzungen wird es nicht kommen, aber es stellt sich die Frage, ob die Koalition es überhaupt durchhält, den Rentnern eine Reihe von Nullrunden zuzumuten. Ich fürchte, die Koalition wird spätestens vor der nächsten Wahl einknicken und die Renten erneut erhöhen.

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13 Kommentare zu “"Wir brauchen einen Aufstand der Jungen"”

von Andreas am 07.12.2009 13:47 Uhr

von Andreas am 07.12.2009 13:40 Uhr

von Observer am 27.11.2009 08:38 Uhr

von Max am 27.11.2009 00:40 Uhr

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