
ST. MARGARETHEN. Erik Baktay ist ein bescheidener Mann. Erst will er gar nicht so recht erzählen, was er bei dem am Ende historisch so eminent wichtigen Ereignis an der österreichisch-ungarischen Grenze im Juni 1989 gemacht hat. "Natürlich hatte ich Lust dazu, damals zu dolmetschen", ist dem Diplomaten aus dem Budapester Außenministerium immerhin zu entlocken. In absolut akzentfreiem Deutsch sagt er das übrigens - ein Resultat von zwölf Jahren in Deutschland als Kind und Jugendlicher.
Der heute 48-jährige Baktay gehörte vor 20 Jahren zu der ungarischen Regierungsdelegation, die zum Treffen mit dem damaligen österreichischen Außenminister Alois Mock an die Grenze gereist war. Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn nahmen zwei schwere Bolzenschneider in die Hand und durchtrennten vor laufenden Kameras die Stahldrähte, die Österreich und Ungarn 40 Jahre voneinander getrennt hatten. Erik Baktay hatte ordentlich zu tun, vor der Reporterschar musste viel hin- und her übersetzt werden.
Baktay war damals allerdings nur so etwas wie eine Aushilfskraft. "Schon in meinen Anfangsjahren im Außenministerium habe ich hin und wieder für Gyula Horn und andere Minister gedolmetscht", erzählt er rückblickend. Weil er während seiner Kindheit so extrem gut Deutsch gelernt hatte, sollte er auch den Ministern helfen. Obwohl er schon damals im Budapester Ministerium eine ganz andere Aufgabe hatte und vor allem für die Beziehungen in Richtung Nordamerika verantwortlich war. Auch sein Vater war schon Diplomat, vor allem an der ungarischen Vertretung in Köln. Deshalb kennt sich Baktay im Rheinland auch heute noch ziemlich gut aus.
Das Foto mit den beiden Außenministern nahe des kleinen österreichischen Örtchens St. Margarethen sollte um die Welt gehen. Und manche meinen, dass es auch zum endgültigen Untergang der DDR beigetragen hat. Etwa Bernhard Holzner, ein Fotograf aus Wien, der damals die Aufnahmen an der ungarisch-österreichischen Grenze machte. "Die Leistung der Ungarn ist unglaublich", sagt er. Weil viele DDR-Deutsche dieses Foto im Westfernsehen gesehen haben, sei es erst zum Massenexodus über Ungarn gekommen.
Dass die Ungarn beim Fall des Eisernen Vorhangs eine wichtige Rolle gespielt haben, steht außer Zweifel. Innerhalb des sowjetischen Machtbereichs hatte die Führung in Budapest immer schon versucht, Sonderrechte für das eigene Land herauszuschlagen. Resultat des ungarischen Vorgehens war der "Gulaschkommunismus" - die Regierung gewährte ihrer Bevölkerung größere Freiheiten, gerade auch in der Wirtschaft.
Im Mai 1989 wagten sich die Ungarn weit hinaus und begannen mit dem Abbau der Sperranlagen zu Österreich. Deshalb ist das Foto der beiden Außenminister vom 27. Juni eigentlich eine historische Schwindelei. Da die Ungarn schon sechs Wochen zuvor mit der Beseitigung des Stacheldrahts begonnen hatten, gab es für Horn und Mock zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel zu durchschneiden. Bei St. Margarethen stand der letzte stählerne Rest, der sich noch durchzuknipsen lohnte.
Fotograf Holzner hatte mitbekommen, dass die Ungarn schon eifrig dabei waren, die Grenzanlagen zu beseitigen. "In der Weltöffentlichkeit hatte das bloß kaum jemand mitbekommen", erzählt er heute. Schon damals arbeitete er manchmal für das österreichische Außenministerium, deshalb hatte er gute Kontakte ins Büro Mock. Holzner war es letztlich, der die Idee für das berühmte Foto von St. Margarethen hatte und den Minister für das gestellte Foto gewinnen konnte. Auch die Ungarn mussten nicht lange überredet werden. Alois Mock bezeichnete Holzner später als den "Vater der Initiative". Erst das Foto habe viele Menschen in der DDR auf den Gedanken gebracht, "auf dem Weg über Ungarn nach Österreich die Flucht in die Freiheit anzutreten."
Zur Jahresmitte von 1989 war der Stacheldraht zwischen Österreich und Ungarn also schon weitgehend verschwunden. Das bedeutete damals allerdings nicht automatisch, dass die Grenze nach Westen sofort frei war für die DDR-Bürger, die sich in Ungarn aufhielten und auf die Flucht nach Österreich spekulierten. Denn an der Grenze nach Westen patroullierten weiterhin ungarische Soldaten; sie schickten die Ostdeutschen wieder zurück.
Das galt allerdings nur für die ersten Sommermonate. Mitte August ließen ungarische Grenzsoldaten ebenfalls in der Nähe von St. Margarethen in einer spektakulären Aktion 700 DDR-Deutsche nach Westen ziehen. Das war ein bewusst kalkulierter Versuch der ungarischen Regierung. Sie wollte sehen, wie die DDR-Führung auf eine solche Massenflucht reagiert. Der Rest ist schnell erzählt: Aus Ost-Berlin kam kein Protest. Daraufhin begannen Geheimverhandlungen zwischen Bonn und Budapest, die die Ausreise von tausenden DDR-Bürgern aus Ungarn nach Westdeutschland regelten. Was ein kleines Foto so alles auslösen kann.
Ungarns eigener Weg
1987/88 In Ungarn bilden sich die ersten Oppositionsgruppen, die den Systemwechsel fordern. Die sowjetischen Truppen sollen das Land so schnell wie möglich verlassen.
1988 Lange vor anderen sozialistischen Ländern kommt es in Ungarn zum Führungswechsel. Parteichef Janos Kadar, der das Land über Jahrzehnte beherrscht hatte, tritt zurück.
Mai 1989 Ungarn beseitigt ohne Rücksicht auf andere Ostblockländer die Sperranlagen zum Nachbarn Österreich.
August 1989 "Pannonisches Frühstück" an der Grenze zu Österreich. 700 DDR-Deutsche nutzen das Treffen zur Flucht, das als Annäherung zwischen Österreich und Ungarn gedacht war.
Frühherbst 1989 Westdeutschland und Ungarn einigen sich darauf, dass Tausende DDR-Bürger ausreisen dürfen. Ost-Berlin kann nichts mehr dagegen unternehmen.











