
ChicagoEinen geläufigen Vorwurf brauchen sich amerikanische Ökonomen derzeit nicht gefallen zu lassen: Dass sie sich für nichts anderes als für US-Angelegenheiten interessieren. Die Euro-Krise war am vergangenen Wochenende in Chicago eines der zentralen Themen auf der Jahrestagung der American Economic Association, dem wichtigsten Ökonomen-Kongress der Welt.
Für die Regierungen in Europa hatten hochkarätige Makroökonomen dabei gleich mehrere unangenehme Botschaften parat: Sie machten das Krisenmanagement im Euro-Raum für die Eskalation der Probleme mitverantwortlich – und mahnten Reformen an, die deutlich tiefer gehen, als die im Dezember in Brüssel beschlossenen strengeren Haushaltsregeln.
„Wenn Europa überleben will, muss es seinen institutionellen Rahmen umbauen“, sagte der ehemalige Bundesbank-Chef Axel Weber, derzeit Gastprofessor an der Universität in Chicago. Die gemeinsame Geldpolitik erfordere auch eine gemeinsame Finanz- und Arbeitsmarktpolitik. „Das im Dezember in Brüssel beschlossene neue Fiskalpaket ist nicht genug“, sagte Weber. „Europa hat noch einen weiten Weg zu gehen.“
Einflussreiche Makroökonomen warnten die Politiker in der Euro-Zone davor, strengere Regeln für Defizitsünder als alleinigen Ausweg aus dem Dilemma zu sehen. „Wir brauchen eine solide Haushaltspolitik, aber sie allein löst nicht alle Probleme“, sagte IWF-Chefökonom Olivier Blanchard.
Neben den Staatsfinanzen sollten die Regierungen vor allem den gewaltigen Leistungsbilanzdefiziten von Staaten wie Spanien und Griechenland mehr Aufmerksamkeit schenken. „Große, über lange Zeit anhaltende Leistungsbilanzdefizite haben sich als sehr gefährlich erwiesen“, sagte Blanchard in Chicago.
In der Krise werden private Schulden schnell zu Staatsschulden
Eine negative Leistungsbilanz bedeutet, dass eine Volkswirtschaft ökonomisch über ihre Verhältnisse lebt und dauerhaft mehr konsumiert, als sie selbst produziert. Um das finanzieren zu können, muss sie sich im Ausland verschulden. Das mache ein Land anfälliger für Wirtschaftskrisen und zwinge im Fall der Fälle zu schmerzhaften Anpassungsprozessen, warnte Blanchard.
Auch Maurice Obstfeld, Makroökonom an der University of California, Berkeley, mahnte an, Leistungsbilanzdefizite nicht zu ignorieren: „Private und öffentliche Schulden lassen sich nicht immer klar voneinander trennen.“ Wenn es zu einer Krise komme, würden private Verbindlichkeiten durch Bailouts schnell zu Staatsschulden.
IWF-Chefvolkswirt Blanchard illustrierte die Gefahr von Leistungsbilanzdefiziten am Beispiel Spaniens: Das Mittelmeerland ist einer der von der Schuldenkrise am stärksten betroffenen Staaten – war aber zwischen 2000 und 2007 ein Musterschüler in Sachen Haushaltsdisziplin. Die Staatsschulden sanken in diesem Zeitraum von 60 auf 40 Prozent der Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig aber waren die Defizite in der Leistungsbilanz gewaltig, und parallel dazu entwickelte sich im Immobiliensektor eine massive Spekulationsblase. Ihr Platzen hat Bankensystem und Realwirtschaft destabilisiert.
Dafür, dass sich die Schuldenkrise auf den gesamten Euro-Raum ausdehnte, machten viele Volkswirte das schlechte Krisenmanagement der Regierungen verantwortlich. Ungewöhnlich deutliche Kritik kam dabei von Chef der zypriotischen Zentralbank Athanasios Orphanides: „Wir in Europa sind seit 2009 einem Ansatz gefolgt, der fürchterlich ineffizient war.“ Im Vergleich zu den USA, Großbritannien und Japan seien die Staatsfinanzen fundamental betrachtet gar nicht in so schlechter Verfassung. Eskaliert seien die Probleme nur aus einem Grund: „Die Regierungen in der Euro-Zone haben eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die das Vertrauen der Investoren erschüttert haben“, betonte Orphanides. Als Beispiele nannte er die im Herbst 2010 von den EU-Staaten beschlossene Beteiligung privater Gläubiger an Bailouts und den 2011 beschlossenen Hair-Cut für die griechischen Staatsanleihen.
„Die derzeitige Krise ist eine reine Vertrauenskrise“
Ähnlich argumentierte James Dean von der kanadischen Simon Fraser University: „Die derzeitige Krise ist eine reine Vertrauenskrise, die man schon vor einem Jahr hätte eindämmen müssen.“ Das wäre laut Dean leicht möglich gewesen. Die EZB hätte nur erklären müssen, dass sie im Zweifel unbegrenzt Staatsanleihen der Krisenländer aufkauft.
Vor allem Italien und Spanien steckten derzeit in einem Teufelskreis, warnte Jordi Galí, Professor an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona und einer der weltweit führenden Makroökonomen. Die Panik unter den Anlegern lasse die Risikoaufschläge steigen und erschwere den Regierungen die Refinanzierung. Dies wiederum verstärke die Sorgen und lasse die Risikoaufschläge weiter steigen. Galí: „Die Angst der Anleger wird dadurch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung.“
Die strikte Sparpolitik, die die Euro-Zone den Krisenländern verordnet hat, sei kein Ausweg aus diesem Dilemma, argumentierte der Spanier. Die Austeritätspolitik verschärfe die Probleme eher noch weiter. „Die Sparprogramme in den Peripheriestaaten werden das Wirtschaftswachstum deutlich bremsen und die Arbeitslosigkeit erhöhen.“
Nach Ansicht von Galí wäre es zudem ein schwerer Fehler, wenn sich die EU-Staaten künftig zu strenge Budget-Regeln auferlegen. „Natürlich bin auch ich nicht für rücksichtsloses Schuldenmachen“, betonte er. „Wir müssen uns aber auf jeden Fall den Handlungsspielraum für antizyklische Fiskalpolitik erhalten.“ Die Option, eine Rezession mit einem schuldenfinanzierten Konjunkturprogramm bekämpfen zu können, sei gerade in einer Währungsunion wichtig, weil die einzelnen Mitgliedstaaten keine eigene Geldpolitik mehr verfolgen können. „Wir müssen daher Budget-Regeln, die zu einer prozyklischen Haushaltspolitik führen, um jeden Preis vermeiden.“










