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Anschlagserie in Bombay: Twitter macht CNN Konkurrenz

von Thomas Knüwer Quelle: Handelsblatt Online

Das Telefonsystem ist zusammengebrochen, doch die Web-Verbindung steht noch: So erweist sich der Kurznachrichtendienst Twitter während der Terroranschläge in Bombay als schnellste Drehscheibe für News. Hier mutieren schockierte Einwohner zu Ein-Personen-Nachrichten-Agenturen - und die Twitteraner helfen bei der Suche nach vermissten Angehörigen.

Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen vor dem Taj Mahal Hotel in Bombay. Quelle: ap
Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen vor dem Taj Mahal Hotel in Bombay. Quelle: ap
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Dina: Nachrichtensender behaupten, es habe Schießereien gegeben - Schüsse, Granaten in Süd-Bombay - Taj, Oberoi betroffen.

Netra: Gucke Nachrichten ... Traurigerweise einige Schießereien in Colaba :-(

Netra: Etwas passiert beim Hotel Oberoi ...? Schüsse im Oberoi Hotel ...

Netra Parikh arbeitet für die Online-Marketingagentur Pinstorm. Dina Mehta ist Gründerin der Unternehmensberatung Mosoci und in Indien eine bekannte Bloggerin. Beide leben in Bombay.

Es ist Mittwoch am frühen Abend deutscher Zeit. Noch weiß die Welt nicht, was in Indien passiert. Keine Nachrichtenagentur und keine Internetseite in Deutschland meldet, dass in Bombay Schüsse fallen. Minute um Minute aber füllt sich eine andere Plattform mit Beobachtungen aus der Stadt. Sie heißt Twitter. Und dort berichten Menschen aus Bombay über Schüsse, Explosionen, Sirenengeheul.

Twitter ist seit Monaten auf gigantischem Wachstumskurs. Mehr als fünf Millionen Menschen nutzen den Dienst - fünfmal mehr als vor einem Jahr. Auch Netra Parikh und Dina Mehta. Sie schreiben auf Twitter Texte bis 140 Zeichen Länge - das entspricht einer SMS. Jeder, der mag, kann sich andere Nutzer aussuchen, deren Kommunikation er kontinuierlich mitlesen oder "folgen" kann, wie es bei Twitter heißt. Der Autor weiß jederzeit, wer und wie viele Menschen ihn lesen - und jeder kann ihn kontaktieren.

In dieser Nacht vernetzen sich die Nutzer in atemberaubender Geschwindigkeit. Sie twittern, was klassische Medien berichten, vermengen das mit eigenen Beobachtungen und Informationen von Freunden. Schockierte Einwohner mutieren zu Ein-Personen-Nachrichtenagenturen. Die von Medienwissenschaftlern heiß diskutierte Idee der Bürger als Journalisten wird Realität. Noch bevor deutsche Nachrichtenagenturen oder Onlinedienste berichten, fürchten schon Twitteraner aus den USA, dass in der indischen Metropole deutlich mehr vorgefallen ist als eine Schießerei - ein Terroranschlag.

Vinu: War erschüttert, als ich die Polizei-Reaktion sah. Nur rund 10 Polizisten nach 15 bis 30 Minuten Schießerei.

Vinukumar Ranganathan arbeitet ebenfalls in der IT-Branche. Er hat Schüsse gehört und eine Explosion. Ein Zwischenfall, mehr nicht. Er geht raus und fotografiert, lädt die Resultate bei dem Online-Bilderdienst Flickr hoch. Einige Stunden später werden die eindrucksvollen Fotos Hunderttausende von Abrufen haben, unter jedem Bild finden sich Dutzende von Kommentaren: Menschen sprechen ihr Beileid aus oder machen sich ihrem Ärger Luft.

Dina: Wenn jemand Freunde in Bombay erreichen will, lasst es mich wissen.

Das Telefonsystem ist zusammengebrochen, doch die Web-Verbindung steht noch. Dina Mehta startet ein Weblog, auf dem Menschen, die Angehörige nicht erreichen, deren Nummer hinterlassen können. Mehta schickt dann eine SMS - die einzige Kontaktmöglichkeit in diesem Moment. Sie veröffentlicht Notrufnummern und Aufrufe zur Blutspende. Und die Unternehmensberaterin startet das Twitter-Konto "Mumbaiattacks", auf dem sie Nachrichten aus Bombay sammelt.

Dina: Twitteraner in Bombay, wenn ihr von BBC interviewt werden wollt, meldet euch.

Vinu: Ich rede mit CNN International in fünf Minuten!

Die ausländischen Medien haben ein Problem: Die meisten haben ihre Korrespondenten in Delhi. Sie sind angewiesen auf die Bilder der indischen Sender, eigene Stimmen können sie kaum beschaffen. Aber auf Twitter, da finden sie Menschen aus Bombay. Und Mehta wird zur Anlaufstelle Nummer eins. Die BBC fragt zuerst an. Die Briten überwachen seit den schweren Erdbeben in China, die ebenfalls zuerst bei Twitter zu finden waren, die Seite systematisch nach Worten wie "Erdbeben" oder "Evakuierung". In ihrem Nachrichtenticker stehen Blogs und Twitter neben Agenturmeldungen.

Mumbaiattacks: Leute, die live vor Ort berichten, werden angewiesen aufzuhören. Könnt ihr das bestätigen?

Es ist früher Morgen in Deutschland, und den indischen Behörden wird klar, dass nicht nur die klassischen Journalisten berichten. Sie kontaktieren Twitter und versuchen, den Suchbegriff "Mumbai" blockieren zu lassen. Das erfährt Mark Bao von den Twitter-Betreibern. Bao ist 16, hat eine eigene Software-Firma - und sitzt in Boston. Er twittert Medienberichte der Anschläge unter dem Namen "Mumbaiupdates". Und er fordert die Twitter-Nutzer vor Ort auf, die Berichte einzustellen, um die Militäraktion nicht zu gefährden. Nur: Warum überträgt das Fernsehen weiter? Bao veröffentlicht die Kontaktdaten des indischen Senders, der noch Live-Bilder sendet, damit dies gestoppt wird - mit Erfolg. Kurze Zeit läuft nur eine Wiederholungsschleife.

"Solche Berichte lassen sich nicht kontrollieren. Sie lassen sich nicht aufhalten", sagt Jeff Jarvis. Der Medienberater und Journalismusprofessor an der New York City University hat darauf gewartet: "Es könnte der Durchbruch für Twitter sein", sagt er. Was die Kurznachrichtenschreiber in Bombay leisten, sei eine "epochale Veränderung des Nachrichtenflusses".

Vinu: Zwei laute Schüsse aus dem Taj. Bin erschöpft.

Fast 24 Stunden mit nur wenig Schlaf - die Erschöpfung ist auch auf 140 Zeichen spürbar. Die Bürgerjournalisten haben keine Schichten und keine Entlohnung. Sie schreiben, weil sie wissen, dass Menschen sich für authentische Meldungen aus Bombay interessieren. Der Web-Branchendienst Techcrunch schreibt: "Vergesst CNN" und: "Ich kann nicht glauben, dass es noch Menschen gibt, die behaupten, Twitter sei keine Nachrichtenquelle"

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