15 Jahre nach dem 11. September: Die zerrissenen Staaten von Amerika

15 Jahre nach dem 11. September: Die zerrissenen Staaten von Amerika

, aktualisiert 11. September 2016, 11:52 Uhr
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Nach den Anschlägen in New York gab es eine beispiellose Solidaritätswelle in den USA. Die Zeiten sind vorbei.

Quelle:Handelsblatt Online

Die New Yorker Terroranschläge erschütterten die USA – und stärkten Gemeinschaftsgefühl und Nationalstolz. 15 Jahre später ist der Zusammenhalt geschwunden. Szenen aus einem gespaltenen und zersplitterten Land.

New YorkEine Zeitlang sah es aus, als hätten die Anschläge vom 11. September 2001 die Menschen in den USA nicht nur erschüttert, sondern auch näher zusammengebracht. In fast allen Vorgärten wehte buchstäblich über Nacht die US-Flagge. Auf den Stufen des Kapitols in Washington ließen Abgeordnete plötzlich die Parteigrenzen außer Acht, um gemeinsam „God bless America“ anzustimmen.

Doch am 15. Jahrestag der Terroranschläge ist von diesem Zusammenhalt nicht mehr viel zu spüren. Der Nationalstolz der Amerikaner ist laut einer Umfrage des Gallup-Instituts auf den niedrigsten Stand seit 2001 gefallen. Zermürbende Debatten über Einwanderung, nationale Sicherheit und Ethnien spalten das Land. Menschen, die sich damals vom Zusammengehörigkeitsgefühl getragen glaubten, bedauern heute dessen Verlust.

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Jon Hile aus Louisville in Kentucky etwa meldete sich 2001 als Freiwilliger für Aufräumarbeiten am Ground Zero. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der Einsatz sein Leben veränderte. Hile, der bis dahin in der industriellen Luftreinhaltung arbeitete, ließ sich nach seiner Rückkehr zum Feuerwehrmann umschulen. Er erinnert sich an eine Zeit allgemeiner Wertschätzung. „Jeder hat erkannt, wie schnell sich die Dinge ändern können“, sagt er. „Und wie schnell man sich angreifbar fühlen kann.“

Eineinhalb Jahrzehnte später hätten im Land wirtschaftliche Nöte die Oberhand gewonnen, erklärt Hile. Viele Menschen kümmerten sich nur noch um ihre eigenen Bedürfnisse und verließen ihre Komfortzone nicht mehr. „Ich wünschte, wir würden uns wirklich (an den 11. September) erinnern“, sagt er. „Indem wir sagen, dass wir es nie vergessen werden.“

Noch Anfang September 2001 hatte Angst vor Terror für die Amerikaner kaum eine Rolle gespielt. Wichtiger waren ihnen wirtschaftliche Sorgen. Laut Gallup waren nur 43 Prozent der Menschen insgesamt zufrieden. Doch dann kam „9/11“, und die USA verloren innerhalb von weniger als zwei Stunden fast 3000 Menschen, zwei ihrer höchsten Gebäude und ihr Gefühl der Unverwundbarkeit.

Doch aus Schock, Angst und Trauer entstand auch der Eindruck, Verlorengegangenes zurückzuerobern: eine gemeinsame Identität und die Treue zu einem unteilbaren Land. Von der Ost- bis zu Westküste versammelten sich die Menschen zu Mahnwachen, spendeten Blut und Milliarden von Dollar, jubelten Feuerwehrleuten und Polizisten zu. Viele junge Leute meldeten sich in dieser Zeit freiwillig zum Wehrdienst.


Parteiübergreifende Einigkeit

Der Kongress verabschiedete drei Tage nach den Anschlägen in parteiübergreifender Einigkeit ein 40 Milliarden Dollar schweres Anti-Terror- und Hilfspaket. Die Beliebtheitswerte für Abgeordnete und den damaligen Präsidenten George W. Bush kletterten auf Rekordhöhen. Eine Sonderbriefmarke erschien mit dem Aufdruck „United We Stand“, und die Amerikaner stimmten zu: In einer Umfrage des Magazins „Newsweek“ zeigten sich 79 Prozent der Befragten überzeugt, dass der 11. September das Land stärken und einen werde.

„Ich habe Leute gesehen, die buchstäblich aufgestanden sind für Amerika“, erinnert sich die pensionierte Bibliothekarin Maria Medrano-Nehls aus Lincoln in Nebraska. „Und ich war sehr stolz darauf.“ Doch inzwischen habe die Ernüchterung wegen der Kriege in Afghanistan und im Irak die US-Bevölkerung gespalten, sagt Medrano-Nehls. Ihre Nichte, eine Soldatin, wurde 2004 bei einer Bombenexplosion im Irak getötet.

Larry Brook erinnert sich noch gut an eine interkonfessionelle Mahnwache in einem Amphitheater in seiner Heimatstadt Pelham in Alabama vor knapp 15 Jahren. Die vielen Teilnehmer hätten ein großes Bedürfnis gehabt zusammenzukommen, sagt er. „Davon sind wir heute weit entfernt“, sagt Brook, der ein jüdisches Magazin herausgibt. Er macht für die Zerrissenheit eine politische Spaltung unter anderem wegen der Nahost-Politik verantwortlich.

Der New Yorker Polizist Joseph Esposito stand am 14. September 2001 an den Trümmern von Ground Zero, als Präsident Bush sich ein Megafon griff und den Attentätern ankündigte, sie würden „bald von uns hören“. Dieser Moment wurde zum Symbol amerikanischer Stärke und Entschlossenheit.

Esposito erinnert sich an eine faszinierende „Kameradschaft und Einheit“ in diesen Tagen. Die Polizei habe große Zustimmung erfahren.

Doch spätestens seit den Occupy-Protesten in der Wall Street 2011 habe sich der Ton drastisch verändert, sagte Esposito. Damals nahm die Polizei mehrere Hundert Demonstranten fest, von denen viele den Beamten ein zu hartes Vorgehen vorwarfen. Heute ist Esposito in New York für das Notfallmanagement zuständig und beobachtet, wie sich in den vergangenen Jahren eine landesweite Protestbewegung gebildet hat nach der Tötung unbewaffneter Schwarzer durch Polizisten. Mehrere Beamte fielen Vergeltungsaktionen zum Opfer.


Hass gegen Minderheiten

Schon unmittelbar nach dem 11. September dauerte es trotz aller Geschlossenheit nur vier Tage bis zum ersten Rückschlag. Damals wurde der indische Sikh-Einwanderer Balbir Singh Sodhi erschossen, als er an seiner Tankstelle in Mesa in Arizona Blumen für die Terroropfer niederlegt. Nach Angaben der Ermittler hielt der Schütze Sodhi für einen arabischen Muslim weil dieser wie alle Sikhs einen Turban trug.

Als sich nach der Bluttat Hunderte Menschen in Trauer um seinen Bruder versammelten, habe er viel Eintracht verspürt, sagt Rana Singh Sodhi aus Gilbert in Arizona. In den vergangenen zwei Jahren dagegen sei die Stimmung wieder in viel Hass gegen Einwanderer und Minderheiten umgeschlagen.

Imam Abdur-Rahim Ali geht das ähnlich. Nach „9/11“ hatte er Rettungskräfte in das Islamische Zentrum in Denver eingeladen, um zu zeigen, dass Muslime „normale Amerikaner sind“, wie er sagt. Heutzutage hat der Afroamerikaner das Gefühl, Muslime und Farbige würden durch „aufhetzende und spaltende“ Bemerkungen dämonisiert.

Ob die USA zu ihrem Zusammenhalt zurückfinden können? Einige Amerikaner befürchten, dass nur eine neue Katastrophe das herbeiführen könnte - wenn überhaupt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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