ABB-Chef über Klimaschutz: "Die Welt verträgt keinen Aufschub"

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InterviewABB-Chef über Klimaschutz: "Die Welt verträgt keinen Aufschub"

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Der vergangene Gipfel in New York lässt ABB-Chef Ulrich Spiesshofer auf große Fortschritte in der Klimaschutzpolitik hoffen.

von Martin Seiwert

Ulrich Spiesshofer, CEO des Technologiekonzerns ABB, hat als einziger Chef eines Industriekonzerns beim Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York gesprochen. Was ihn dort besonders bewegte.

WirtschaftsWoche: Herr Spiesshofer, schon wieder ein Klimagipfel. Wie viele Gipfel soll es eigentlich noch geben, bis sich die Staatengemeinschaft auf neue Klimaschutzziele einigt?

Spiesshofer: Es muss jetzt schnell gehen, denn es ist fünf vor zwölf beim Klimaschutz. Die Welt verträgt keinen weiteren Aufschub. Ich hoffe, dass im kommenden Jahr der Durchbruch kommt.

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Was lässt Sie hoffen?

Was ich hier in New York erlebt habe, bestärkt meine Hoffnung. Ich habe gesehen, dass alle an einem Strang ziehen – Politik, NGOs und Industrie. Ich bin jetzt optimistischer als bei meiner Ankunft in New York.

Was für ein Klimaschutzabkommen erhoffen Sie sich?

Es muss ambitioniert, konkret und verlässlich sein. Wir als Industrieunternehmen müssen wissen, wohin die Reise geht. Wenn wir in großem Umfang investieren sollen, müssen wir absehen können, wie groß in etwa der Markt für unsere klimaschützenden Produkte sein wird.

Der Klimawandel in Zahlen

  • 70.000km²

    Um 70.000 km² – das entspricht etwa der Größe Bayerns – ist der Eispanzer der Arktis in diesem Sommer gegenüber 2007 geschrumpft. 2050 könnte das nördliche Polarmeer im Sommer eisfrei sein.

  • Fast verfünffacht

    Fast verfünffacht hat sich die Zahl der Wetterkatastrophen in Nordamerika seit 1980. In Asien legte sie um das Vierfache, in Europa um das Zweifache zu.

  • Ein Drittel

    Rund ein Drittelsaurer sind die Meere geworden. Folge: Korallen, Muscheln und Fische wachsen langsamer. Bis 2100 könnte die Versäuerung um 150 Prozent steigen.

  • 0,4°C

    0,4°C ist die Erde seit 1980 wärmer geworden. Bis 2100 könnte sich das Klima um rund vier Grad aufheizen.

  • 5cm

    Um 5 cm sind die Meeresspiegel seit 1990 im Mittel gestiegen. Bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad werden die Pegel wahrscheinlich um 2,7 m höher sein.

  • 15 Prozent

    Um 15 Prozent sinkt die Reisproduktion bis 2050 in den Entwicklungsländern als Folge der globalen Erwärmung. Bei Weizen werden 13 Prozent weniger geerntet werden.

Sie kämpfen für eine entschlossene Klimaschutzpolitik, weil Sie mehr von ihrer energiesparenden Technik verkaufen wollen. Andere Industrien, etwa die Stahlindustrie oder Energieversorger, begreifen Klimaschutz eher als Bedrohung. Haben Sie für deren Klagen Verständnis?

Es mag sein, dass einzelne Unternehmen, aus welchen Überlegungen auch immer, kein Interesse an mehr Klimaschutz haben. Aber das kann nicht ausschlaggebend sein, wenn die Politik im Sinne der ganzen Gesellschaft die Weichen stellen muss.

Mancher Technologiekonzern, der grüne Technik zunächst als große Chance verstanden hat, ist vorsichtig geworden. Bosch etwa hat sich mit der Solartechnik Milliardenverluste eingebrockt. Und Ihr Wettbewerber Siemens scheint sich unter dem neuen Vorstandschef Joe Kaeser vom Greentech-Konzern eher zu einem Ausrüster der Öl- und Gasindustrie zu wandeln. Wie lange wollen Sie mit Ihrem grünen Kurs noch durchhalten?

Es gehört einiges dazu, mit grüner Technik Geld zu verdienen. Nicht jedem Unternehmen gelingt das. Wir bei ABB haben schon vor neun Jahren die Weichen in diese Richtung gestellt und es gibt keinen Grund den Kurs zu ändern. Wir verdienen gut damit. Von einer Abkehr kann also keine Rede sein. Im Gegenteil, nie zuvor waren die Potenziale, die wir für uns sehen, größer.

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Was sagen Sie Kollegen in der Industrie, die mehr Klimaschutz für überflüssig halten, weil sie den von Menschen verursachten Klimawandel für wissenschaftlich nicht erwiesen halten?

Ich sage Ihnen, dass man selbst dann in klimaschützende Technik investieren müsste, wenn es gar keinen Klimawandel gäbe. Denn es geht uns um Technik, die effizienter ist. Sie ist auch unter ökonomischen Gesichtspunkten sinnvoller. Auch wer nur auf der Ausgabenseite vorankommen will, landet zwangsläufig bei klimafreundlicher, effizienter Technik. Bislang ist Wirtschaftswachstum mit einem höheren Energieverbrauch verknüpft. Wenn es uns gelingt, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln, dann ist dem Klima geholfen und den Unternehmen. 

Es ist auch für den Chef eine großen Konzerns nicht alltäglich, bei einer UNO-Vollversammlung zu sprechen. Was wird Ihnen im Gedächtnis bleiben?

Gar nicht so sehr der eigene Auftritt. Ich denke etwa an die Rede einer jungen Frau von Marshallinseln in der Südsee. Dieser Lebensraum ist die durch den Klimawandel und den steigenden Meeresspiegel unmittelbar bedroht. In wenigen Jahrzehnten könnten die Inseln untergegangen sein. Sie hat darüber gesprochen, was der Klimawandel ganz konkret für ihre kleine Tochter bedeutet. Nach der Rede kam das kleine Kind auf die Bühne zu ihrer Mutter. Es sind solche Momente, die ich mit nach Hause nehme.

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