Abschied von Italien: Vom Sehnsuchtland zum Sorgenkind

Abschied von Italien: Vom Sehnsuchtland zum Sorgenkind

, aktualisiert 13. November 2011, 14:09 Uhr
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Silvio Berlusconi trieb die Staatsschulden seines Landes auf 1,9 Billionen Euro.

von Sven PrangeQuelle:Handelsblatt Online

Mit dem Zug hat sich Handelsblatt-Autor Sven Prange auf die Reise durch sein geliebtes, aber von der Schuldenkrise gebeuteltes Italien gemacht. In einem Brief nimmt er nun Abschied von Bella Italia.

Während ich diesen Brief schreibe, sitze ich im Zug und reise durch Deine schönen Landschaften. Ich sehe, wie die Sonne auf die Hügel der Lombardei scheint und merke dennoch, wie dunkle Wolken einen Schatten auf die Szenerie werfen. Deswegen schreibe ich Dir. Ich sorge mich um Dich, Bella Italia, um Deine Schönheit, Deinen Charme, Deinen Beitrag zu Europa – ja, um Deine wirtschaftliche Zukunft.

Denn ich lese üble Sachen über Dich in den Zeitungen, sehe im Fernsehen, wie Deine Politiker Dich immer weiter in die Ausweglosigkeit führen, verfolge an den Finanzmärkten, wie jene Investorenwelt Dich plötzlich auf Entzug setzt, von der Du bisher wie ein Junkie Deinen Stoff bezogen hast, der Dir Dein Dolce Vita erst so richtig ermöglichte.

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Der Freccia Rossa, wie die italienische Bahn ihren Schnellzug nennt, saust wie ein Pfeil durch Dein Land, von Mailand über Bologna, Florenz und Rom nach Neapel, während ich durch das Fenster das sehe, was Dich einst stark machte, wofür wir Deutschen Dich lieben – und was Dich am Ende ruiniert hat.

Während meiner Reise erfahre ich von findigen Mittelständlern, genialen Unternehmern, engagierten Bürgern, die an Dir leiden. Vor allem aber treffe ich Menschen, die misstrauen – sich untereinander und dem Staat: Funktionäre aus dem Gestern, Akademiker auf der Flucht, Staatsdiener außer Kontrolle.

Wenn ich Dich darauf anspreche, wiegelst Du immer ab, zeigst auf andere, auf böse Politiker, fiese Märkte, gemeine Regierungen anderer Länder, die Dir das eingebrockt haben. Du kannst nicht anders, willst Du damit sagen. Ich glaube aber: Du willst nicht anders.


Berlusconis Erbe

Silvio Berlusconi dankt ab – Deine Probleme aber löst das nicht. Zu lange hast Du Dich hinter Deinem Skandal-Premier versteckt. Einem Mann, der Dein Wirtschaftswachstum erst drückte und dann zum Stillstand brachte, der Deine Staatsverschuldung auf 1,9 Billionen Euro hochschraubte, der den Akteuren an den Finanzmärkten so suspekt war, dass Du für die Ausweitung Deiner Staatsschuld heute mit sieben Prozent Risikoaufschlag im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen auf dem Niveau eines Schwellenlandes angekommen bist.

Aus Dir, jenem Belpaese, dem von Glück, Sonne und gutem Essen geküssten Landstrich, der jedes Jahr 40 Millionen Touristen anzieht, ist ein Malpaese geworden – ein geschundenes Sehnsuchtsland. Wenn Du Dich nicht änderst, bleibt Berlusconis Abtritt nicht der Höhepunkt der Krise, sondern nur eine Episode. Denn Du krankst nicht nur an einem absurd schlechten Regierungschef, Du brauchst einen neuen Gesellschaftsvertrag.

Einige Zahlen reichen, um das zu verstehen: Die etwa eine Milliarde Euro, die allein der Fuhrpark der Bundesbehörden im Jahr kostet, hat nicht Berlusconi alleine gefahren. 27 Prozent aller Italiener sind auf dem Papier selbstständig. Trotzdem wächst die Wirtschaft nicht, kommen aus Italien kaum Patente, wenig Ideen – die Selbstständigkeit ist für viele nur ein Steuersparmodell. Die Löhne wuchsen seit 2000 um 27 Prozent mehr als in Deutschland. In der Rangordnung der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten schaffst Du nur Platz 48. Selbst Erfolgsgeschichten aus dem ökonomisch starken Norden haben ihre dunklen Seiten – Rechtsextreme sitzen an den Schaltstellen, flüstern Eingeweihte. Ausländerfeindlichkeit ist vielerorts gesellschaftlicher Konsens.

Bella, Du liegst mir am Herzen – und auf der Geldbörse. Denn die 300 Milliarden Euro, die Du allein in den nächsten Monaten an den Märkten refinanzieren musst, bedrohen auch meinen Wohlstand. Kriegst Du das Geld nicht zusammen, zerbricht die Euro-Zone.


Schweigen, Aussitzen, Tabuisieren

Der italienische Staat feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. Eigentlich, ich gebe es zu, kommt mein Brief so gesehen zu einem unverschämten Zeitpunkt. Wer sich so lange nicht meldet, sollte nicht an einem Ehrentag mit Kritik zurückkommen. Non si fa. Das macht man nicht, sagt man bei Dir. Aber vielleicht ist genau dieses ominpräsente „non si fa“, dieses Schweigen, Aussitzen und Tabuisieren, das sich durch Deine Gesellschaft zieht, eines Deiner Probleme.

Vielleicht passt es also sogar ganz gut, Dir diesen Brief im Jahr Deines 150. Bestehens zu schreiben. Dein Geburtstag erinnert daran, warum es Dich eigentlich gibt. Damals zogen Giuseppe Garibaldi und die Seinen aus, um Dir eine Zukunft zu schaffen. Es war eigentlich eine gute Idee: Sie wollten Deine vielen Kleinststaaten zu einem mächtigen Land zusammenfügen – und schufen so die heute drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Aber irgendwo auf dem Weg ist etwas schief gegangen. Du hast Garibaldi Denkmäler gesetzt – und hast sein Werk doch nie zu leben und zu vollenden versucht. Du wolltest diesen einen einheitlichen Staat nie. Selten hatte ein Land mehr Potenzial. Selten aber, scusa, ist ein Land damit so krachend gescheitert. Ich weiß, die Worte sind hart, vielleicht auch deshalb, weil aus ihnen enttäuschte Liebe spricht.

Non si fa? Si fa!

Du bist ein Land geblieben, das nie ein Land werden wollte. Ich muss während meiner Fahrt mit dem Schnellzug nur aus dem Fenster schauen. In Mailand, im Norden, reist der Freccia Rossa durch eine Landschaft, die zu den vitalsten Europas gehört. Ein Wirtschafts- und Finanzzentrum, das sich hinter Frankfurt nicht zu verstecken braucht, links und rechts zeugen die Fabrikhallen, die viele Mittelständler hier in den vergangenen Jahren hochgezogen haben, von Wohlstand. Ihr Erfindergeist hat weltweite Marken wie Ferrari, Ferrero, Armani oder Versace hergebracht. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von fast 30.000 Euro ist die Lombardei eine der reichsten Regionen der Welt.

Am Ende der Strecke liegt Neapel, Deine drittgrößte Stadt. Mailand ist der Garant für Dein Überleben, Rom verkörpert Deinen Machtanspruch. In Neapel aber, da bist Du einfach Du. So schön, so verstörend zerstört. Hier trifft der wichtigste Mittelmeerhafen auf eine sich auflösende Wirtschaft, protzt an der Strandpromenade eine Festung von Deiner einstigen Größe. Während nebenan die Häuser verfallen, fahren hochmoderne Straßenbahnen durch sechsspurige Straßen aus Kopfsteinpflastern.


Die Flucht der Schlauköpfe

Als ich in Mailand aus dem Zugfenster schaute, sah ich Erfolg, hier, in Neapel sehe ich Armut. Gerade einmal halb so viel Pro-Kopf-Einkommen wie sein Mailänder Mitbürger hat der Neapolitaner. Er stellt sich allerdings auch nicht ganz geschickt an.

Etwa Bruno Bisogni, ein zierlicher Herr, zuständig für Außenkontakte des Industrieverbands in der Region Kampanien. Er residiert wie viele italienische Manager in einer Umgebung aus dunklem Holz, Gold, hohen Sälen, mit viel Plüsch und wenig Technik. Bisogni soll vermarkten, was eigentlich nicht vorhanden ist: eine Industrie-Region. Ein Gespräch auf englisch, hat er vorher klar gemacht, sei nicht möglich. Es gebe niemanden im Management des Industrieverbandes, der ausreichend englisch spreche. Wie aber, frage ich Dich, soll er dann die Kontakte in die globalisierte Welt bringen? Und wie willst Du Investoren locken?

Du bist ein gigantisches Wolkenkuckuksheim. Wenn auch ein betörend schönes.

In Neapel treffe ich auch Chiara Caracciolo. Sie ist 29, sie hat studiert, spricht mit englisch, deutsch und spanisch drei Fremdsprachen. Gerade hat sie sich um ein Stipendium beworben. Denn einen Job, meine Schöne, kannst Du ihr nicht bieten – trotz aller kulturellen Schätze, trotz kulinarischer Tradition, trotz Grandezza und Dolce Vita. Ihre Antwort wird Dich enttäuschen: „Das alles“, sagt Caracciolo, „bringt nichts, weil es keine Zukunft schafft. Ich will so schnell wie möglich nach Deutschland auswandern.“

Die Menschen, Bella, die Dich in eine bessere Zukunft führen sollten, suchen sich ihre Zukunft woanders. Die „Fuga die Cervelli“, die Flucht der Schlauköpfe, ist Dein größtes Zukunftsproblem. Allein 21.500 italienische Wissenschaftler haben Dich im vergangenen Jahr verlassen. Auch wenn einige ausländische Wissenschaftler ins Land gekommen sind – Du weist den schlechtesten Saldo in ganz Europa auf. Und das, obwohl mit der Universität Bologna, den Hochschulen in Neapel und Rom sowie der Business School Bocchoni in Mailand einige der besten Universitäten Europas im Land stehen.

„Du studierst hier gut, aber auch teuer“, sagt Caracciolo. 1000 Euro muss sie pro Studienjahr bezahlen. „Trotzdem stellt Dich danach keiner ein.“ Denn Jobs in Italien werden entweder über Beziehungen vergeben oder sie sterben einfach mit ihrem Inhaber weg – weil es keine Perspektiven gibt.

„Eine Wohnung“, gesteht die junge Frau, „kann ich mir nicht leisten.“ Selbst in Neapels zerfallener Altstadt kosten eineinhalb Zimmer 600 Euro – unerschwinglich für Absolventen ohne Anstellung. So wohnt Caracciolo in der Eigentumswohnung ihrer Eltern. Ihr etwas älterer Freund wohnt ebenfalls bei seinen Eltern. Kein Wunder, dass Italien die niedrigste Geburtenrate Europas hat.

In Deinen Städten, Bella, wächst eine Generation Hoffnungslos heran. Ohne Perspektive. Ohne Vision. Ohne Kinder.

Es gibt aber, das will ich nicht verschweigen, kleine Zeichen der Besserung. Es sind Menschen wie Daniele Lo Genio, die für ein Licht der Hoffnung sorgen. Der Jungunternehmer hat in Apulien, einer ebenso armen Region wie Neapels Kampanien, eine Modefabrik eröffnet. Er stellt Kleidung her, die sich verkauft, gibt ein paar Dutzend Menschen Arbeit. „Wir müssen uns zeigen, zeigen, zeigen, damit die Welt sieht, dass hier etwas entsteht“, sagt er. „Wir möchten weiter wachsen, auch in diesen Zeiten, auch in Süditalien.“

Ganz habe ich Dich darum noch nicht aufgegeben, Bella. Vielleicht sollten wir es doch noch einmal miteinander versuchen. Du musst Dein Leben ändern, damit es wieder lebenswert wird.     

Saluti, Dein Sven Prange

Quelle:  Handelsblatt Online
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