Abschwung: Türkische Wirtschaft im freien Fall

Abschwung: Türkische Wirtschaft im freien Fall

Bild vergrößern

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip, Bundeskanzlerin Angela Merkel

Der politischen Krise in der Türkei folgt jetzt auch ein Abschwung in der Wirtschaft. Noch stützen sich die Unternehmen auf den Export, doch die Verbraucher sind tief verunsichert.

Drei bayrische Bergsteiger werden am Berg Ararat im Osten der Türkei von der kurdischen PKK entführt. In Istanbul sterben am selben Tag sechs Menschen bei einer Schießerei vor dem amerikanischen Konsulat. Währenddessen treibt das Verfassungsgericht das Verbot der Regierungspartei von Ministerpräsident Recep Erdogan voran. Und weil dieses dubiose Verfahren einigen pensionierten Generälen nicht schnell genug geht, wollten sie mit Terroranschlägen das Land destabilisieren und so einen Militärputsch provozieren. Jetzt sitzen sie im Gefängnis.

Die Krise verschärft sich, und es wäre kein Wunder, würden Ausländer wie einheimische Geschäftsleute deswegen auch ihr Vertrauen in das Wirtschaftswunderland Türkei verlieren. Tatsächlich rutschte der türkische Börsenindex ISE 100 im ersten Halbjahr 2008 um 37 Prozent ab, also stärker als die Werte in den meisten Schwellenländern. Doch Anfang Juli, als die Katastrophenmeldungen sich zu häufen begannen, ging er paradoxer Weise wieder leicht nach oben. „Die Türken halten ihre führenden Unternehmen zu Recht weiter für stark“, sagt Semih Incedayi, Top-Manager beim Telefonkonzern Türkcell, „wenn wir Geld anlegen wollen, gehen wir nicht mehr ins Ausland wie früher.“

Anzeige

Im Gegenteil: Ausländisches Geld fließt weiter in die Türkei. Zwar profitiert davon – anders als in den vergangenen Boomjahren – weniger die Börse. Dafür aber nehmen die Direktinvestitionen zu.

Vor wenigen Wochen hat der spanische Zementhersteller Group Essentium angekündigt, er werde 400 Millionen Euro in den Bau von zwei Zementwerken stecken – eines bei Istanbul, wo nach wie vor ein Hochhaus nach dem anderen in den Himmel wächst, das andere an der östlichen Mittelmeerküste mit Blick auf die Länder des Nahen Ostens. Die Türkei als hervorragenden Standort für Exporte in die Wachstumsmärkte Asiens will zum Beispiel auch der Indesit-Konzern ausbauen, drittgrößter Produzent von Konsumelektronik in der EU. Die Italiener wollen außerdem den international sehr erfolgreichen türkischen Herstellern von Fernsehapparaten im eigenen Land Konkurrenz machen.

Ungebrochenes Interesse

Einer der größten potenziellen Investoren kommt aus Österreich: Das Energieunternehmen Verbund will gemeinsam mit dem türkischen Sabanci-Konglomerat für mehr als 1,2 Milliarden Dollar den Stromversorger Baskent in Ankara erwerben.

Im vergangenen Jahr summierten sich die ausländischen Direktinvestitionen in die Türkei auf 19,25 Milliarden US-Dollar. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres flossen 7,4 Milliarden Dollar ins Land, eine immense Steigerung gegenüber den Vorjahresmonaten. „Das Interesse ist ungebrochen“, sagt der Kölner Unternehmensberater Michael Maasmeier, der die staatliche türkische Agentur zur Förderung von Investitionen in Deutschland vertritt.

Deutsche Unternehmen, die schon längere Zeit in der Türkei aktiv sind, bauen derzeit ihre Stellung weiter aus. Die großen, wie Mercedes-Benz Türk in Aksaray oder Bosch in Izmir, profitieren immer mehr vom Export ihrer Produkte in die unmittelbaren oder etwas entfernteren asiatischen Nachbarn der Türkei. Im Lande selbst ist die Daimler-Tochter zum Beispiel mit Marktanteilen von über 62 Prozent bei Überlandbussen und mehr als 30 Prozent bei Lastwagen der Marktführer. „Viel mehr ist da vielleicht nicht zu erreichen“, meint ein westeuropäischer Unternehmensberater in Istanbul.

Aufschwung mit wachsenden Hindernissen

Zuwachs des türkischen Bruttoinlandsprodukts seit 2002 (in Prozent)

Sicherlich sind Wachstumsraten der türkischen Wirtschaft von mehr als neun Prozent, wie in den besten Quartalen 2005 und 2006, nicht mehr wahrscheinlich. Doch das Land hat die weltwirtschaftlichen Verwerfungen, ausgelöst durch die Finanzkrise und die Abschwächung der Weltwirtschaft, überraschend gut überstanden. Das Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 6,6 Prozent im ersten Quartal 2008 mag ein Ausrutscher nach oben sein. Denn auch in der Türkei, so der Orhan Kocagöz, Herausgeber des Newsletters „Turconomics“, treiben „die Energie- und Nahrungsmittelpreise die Inflation in die Höhe, und die befürchtete Schwächephase der europäischen Wirtschaft wird den boomenden Außenhandel negativ beeinflussen“.

Doch der türkische Export hat vergleichsweise gute Chancen. Zwar gehen 51 Prozent in die EU. Doch der Rest wird zum großen Teil in Erdölstaaten von Russland bis Saudi-Arabien verkauft, deren Nachfragekraft steigt. Wirklich bedrohlich ist darum nur die innere Entwicklung.

Das Konsumentenvertrauen befindet sich „im freien Fall“, sagt Kocagöz: Übers Jahr ist der entsprechende Index von 95 auf 75 Punkte gesunken. Die Ursachen liegen für den Experten auf der Hand: Inflation, die schwächer werdende Landeswährung, und vor allem die politischen Gefahren. Auch wenn sich ausländische und türkische Unternehmen davon bislang nicht allzu sehr stören ließen – die türkischen Normalverbraucher sind so verunsichert, dass der Wirtschaft eine neue schwere Krise droht.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%