Ägypten: Mursi lässt auch Nerds hoffen

Ägypten: Mursi lässt auch Nerds hoffen

von Hans Jakob Ginsburg

Offiziell wurde am Sonntagnachmittag der Islamist Mohammed Mursi zum Präsidenten proklamiert. Die ägyptischen Moslembrüder jubeln, aber überraschenderweise nicht nur sie.

Der WirtschaftsWoche-Reporter sitzt im klapprigen Taxi zwischen Kairoer Flughafen und Innenstadt, als der Fahrer das Radio andreht und intensiv dem langen und feierlichen Sermon eines offenbar älteren Herren lauscht. Es klingt ein bisschen wie Predigten in der Moschee, aber die paar auch mir verständlichen arabischen Wörter, die man dabei sonst hört ("Allah", "Islam" und so weiter), die kommen nicht vor. Dafür ganz viele Zahlen, weiter reicht mein Arabisch nicht und der Taxifahrer kann nur so viel Englisch, dass er 150 ägyptische Lira für die Fahrt verlangen kann, die laut Reiseführer 100 kosten sollte. Und als ich ihm zwei Hunderte in die Hand gebe, gibt er mir 20 wieder, "no morr change misterr". Also umgerechnet 15 Euro für eine Entfernung, die in Düsseldorf doppelt so viel kosten würde, auch gut, und ich beeile mich ins Hotelzimmer und zappe mich durch die Fernsehsender.

Schöne Worte vom Wahlsieger

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Sofort habe ich den feierlichen Sermon auf Arabisch, schnell auch auf Englisch: Der Leiter der Wahlkommission proklamiert den Moslembruder-Kandidaten zum Sieger der ersten demokratischen Wahl eines ägyptischen Staatsoberhauptes seit Pharao Cheops, und das erklärt auch die Menschenmassen auf den Straßen, die mein Taxi gerade zum Umwege fahren gezwungen haben. Ägyptische Gesprächspartner sind an diesem Nachmittag und Abend nicht ans Telefon zu bekommen, aber Mohammed Mursi kennt man als langweiligen Spitzenmann der gar nicht so langweiligen Moslem-Bruderschaft, deren Sprecher - und auch eine Sprecherinnen! - den ausländischen Journalisten versichern, man werde demokratisch regieren, Zusammenarbeit mit anderen Demokraten suchen, die Frauen nicht diskriminieren und die christliche Minderheit auch nicht.

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Erst mal also schöne Worte, darf man die glauben? In einer gewissen Weise schon: Mursis Wahl fand statt unter und trotz der Herrschaft der Junta namens Oberster Militärrat, die vor ein paar Tagen erst dafür gesagt hat, dass das von Mursis Parteifreunden beherrschte neue Parlament aufgelöst wird. Es gibt kein Parlament, keine wirklich geltende Verfassung - und der neue Präsident muss sich jetzt irgendwie zwischen Junta und weltlichen Landsleuten behaupten. Was er jetzt braucht, ist die Kampfbereitschaft seiner Anhänger, damit die Junta nicht auf dumme Gedanken kommt, und die Bündnisbereitschaft der weltlichen Landsleute, schon damit seine frommen Parteifreunde nicht auf noch dümmere Gedanken kommen.

Ägypten hat jetzt alle Chancen

Auf beides kann er wahrscheinlich setzen. Die Riesendemonstration auf dem Tahrir-Platz, so laut, dass ich von meinem Hotelzimmer im 14. Stockwerk nur mit Mühe telefonieren kann, ist vor allem eine entsprechende Bekundung in Richtung der de facto immer noch herrschenden Generale. Und die Weltlichen? Habe ich gerade erfahren.

Denn so furchtbar einfach ist es im Schwellenland Ägypten mit seiner mäßigen Infrastruktur nicht, den Server der WirtschaftsWoche zu erreichen. Mein Laptop jedenfalls schafft es erst einmal nicht, und darum kontaktiere ich die Rezeption, die angesichts eines fast leeren Riesenhotels wenig zu tun hat. Es dauert Minuten, da steht ein Hotelbediensteter mit dicker Brille und Kurzhaarschnitt in meinem Zimmer, der mit mir erst mal einen Computerschnellkurs macht und dann irgendwie das Problem löst, das für ihn keines zu sein scheint. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn, was er vom Wahlausgang hält. Glücklich sei er über Mursis Wahl, sagt er. Weil er auch Islamist sei? Nein, ganz im Gegenteil, aber es wäre schrecklich gewesen, wenn jetzt ausgerechnet ein Zögling des Diktators Mubarak ans Ruder gekommen wäre. Jetzt habe Ägypten alle Chancen. Weiß ich nicht, erwidere ich, sind die Islamisten nicht ein Problem gerade für den Tourismus, also seine Branche? "Ach was, so leer wie jetzt, das wird besser, und das gilt für die ganze ägyptische Wirtschaft. Und Sie wissen ja gar nicht, wie schlimm es auch für uns zuletzt unter Mubarak war!" Mal sehen, ob die ökonomischen Fachleute mir in den nächsten Tagen dasselbe sagen wie der Computerexperte. Schön wäre es ja, wenn er Recht behält.

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