Afghanistan-Konferenz: Viel Aufwand, wenig Ertrag

Afghanistan-Konferenz: Viel Aufwand, wenig Ertrag

, aktualisiert 05. Dezember 2011, 17:54 Uhr
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Vertreter von 100 Staaten und Organisationen sind am Montag zu der internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn zusammengekommen. Die rund 1.000 Konferenzteilnehmer beraten über die Zukunft des Landes.

von Till HoppeQuelle:Handelsblatt Online

100 Delegationen, 1000 Teilnehmer: Die Afghanistan-Konferenz in Bonn ist eine Mammutveranstaltung. Konkrete Fortschritte wird sie voraussichtlich aber kaum bringen.

BonnEs ist eine dieser Konferenzen, wo jeder zu Wort kommt, der das Bedürfnis dazu hat. Der jordanische Außenminister etwa streicht den Beitrag seines Landes zum Wiederaufbau Afghanistans heraus, der unter anderem daraus besteht, mehrere Religionsgelehrte zu schicken. Seine spanische Kollegin betont, dass 40 Ausbilder der Guardia Civil vor Ort ihr Wissen an afghanische Grenzpolizisten weitergäben. Zwischen den beiden Redebeiträgen meldet sich auch der estnische Außenminister zu Wort und betont, wie wichtig seinem Land die Stabilisierung Afghanistans sei.

100 Delegationen sind zur heutigen Afghanistan-Konferenz nach Bonn gereist, sie bringen 1000 Teilnehmer mit, darunter mehr als 60 Minister. Trotz der weltumspannenden Präsenz, trotz des riesigen Aufwandes, trotz des symbolträchtigen Termins fast exakt zehn Jahre nach der ersten Konferenz in Bonn: Echte Ergebnisse wird das Treffen wohl nicht bringen. Noch schreiben die Macher an der Abschlusserklärung, aber mehr als warme Worte für Afghanistan dürfte sie nicht enthalten. „Über symbolische Unterstützungserklärungen hinaus, die unter finanziellem Vorbehalt stehen, ist nichts Konkretes zu erwarten,“, sagt Thomas Ruttig vom Think Tank Afghanistan Analysts Network. Das wiederum ist weit weniger, als sich die Organisatoren und die Menschen in Afghanistan von dem Treffen einmal versprochen hatten.

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Die Geberländer versichern, das Land auch nach dem Abzug der meisten Truppen nicht fallen zu lassen. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der Konferenz. Mit solch wagen Zusicherungen müssen sich die Afghanen wohl zufriedengeben: Verbindliche Zusagen wird es nicht geben, konkrete Hilfssummen sollen erst auf späteren Konferenzen ausgehandelt werden.

Afghanistans Präsident Hamid Karsai drängt die Partner dazu, die Regierung nach 2014 mit rund zehn Milliarden Dollar pro Jahr zu unterstützen. Diese Summe sei nötig, um Sicherheitskräfte und Verwaltung zu finanzieren. Die Afghanen fürchten, dass der Westen angesichts seiner eigenen wirtschaftlichen Probleme und trotz gegensätzlicher Beteuerungen die Hilfe nach 2014 stark reduzieren wird. Deshalb drängt Kabul darauf, die Zusagen möglichst verbindlich zu machen.


Afghanistan ist finanziell vom Ausland abhängig

Schon heute ist klar, dass das Land hochgradig abhängig von ausländischen Geldern bleiben wird: Nach Schätzung der Weltbank flossen im vergangenen Jahr 15,7 Milliarden Dollar an Hilfen, mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird damit direkt oder indirekt von außen finanziert. Sobald die Geber ihre Überweisungen reduzieren, gerät der Staatshaushalt ins Wanken. Laut den Weltbank-Experten ist es kaum vorstellbar, dass Kabul seine dann 350.000 Polizisten und Soldaten selbst bezahlen wird können, die nach dem Abzug weitgehend allein die Verantwortung für die Sicherheit im Land haben werden.

Auch auf anderen Gebieten, die für die Stabilisierung des Landes von höchster Bedeutung sind, wird sich Teilnehmern zufolge kaum etwas bewegen. Da ist zum einen die Einbindung der Taliban, um einen tragfähigen Frieden zu erreichen: Die USA sprechen seit einigen Monaten im Geheimen mit den radikalen Islamisten, die Verhandlungen kommen Experten zufolge aber kaum voran. Von der Bonner Konferenz hatten sich Beobachter Fortschritte erhofft, einige sogar eine Einigung darauf, dass die Taliban ein erstes eigenes Büro einrichten, in Doha, der Hauptstadt Katars. Dieser Schritt hätte die Verhandlungen auf eine festere und regelmäßigere Grundlage gestellt.

Innerhalb der US-Regierung ist der Schritt aber hoch umstritten, da er die als Terrororganisation eingestuften Taliban erheblich aufwerten würde. Washington setzt vorerst darauf, mit aller militärischen Härte gegen die Aufständischen vorzugehen und lässt seine Spezialkräfte gezielt deren Kommandeure töten. Dadurch, so das Kalkül, werde die Verhandlungsposition der Taliban geschwächt. Ruttig fordert dagegen von den USA, die Fronten nicht weiter zu verhärten und auf die andere Seite zuzugehen. Auch Merkel plädierte ausdrücklich dafür, den Versöhnungsprozess zu intensivieren.

Die Hoffnungen auf Fortschritte in der Taliban-Frage hatten bereits vergangene Woche einen herben Rückschlag erlitten, als Pakistan seine Teilnahme an der Konferenz abgesagt hatte. Das Nachbarland begründete den Entschluss mit der Tötung von 24 pakistanischen Soldaten bei einem Nato-Angriff. Ohne die Taliban-Schutzmacht läuft in den Verhandlungen aber praktisch nichts. 

Auch bei der Einbindung der anderen Nachbarstaaten bringt Bonn wohl kaum die einmal erhofften Fortschritte. Die Regierungen Chinas, Indiens, Russlands und des Iran hatten sich Anfang November auf einem Treffen in Istanbul zugesichert, Kabul etwa bei der Bekämpfung des Drogenhandels zu unterstützen, sich aber aus den inneren Machtkämpfen herauszuhalten. Allerdings blieben die Zusagen unverbindlich, ähnliche Versprechen wurden in der Vergangenheit nicht eingehalten. „Alle, die sich an einen Tisch setzen und miteinander arbeiten sollten, arbeiten in Wirklichkeit gegeneinander“, sagte Candace Rondeaux von der International Crisis Group, einer Denkfabrik.

Quelle:  Handelsblatt Online
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