Alois Stutzer: "Angst kostet Freiheit"

InterviewAlois Stutzer: "Angst kostet Freiheit"

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Laut einer aktuellen Umfrage haben 63 Prozent der Deutschen Angst vor terroristischen Anschlägen.

von Kristin Schmidt

Der Wirtschaftsprofessor von der Universität Basel erklärt, warum wir auf Terrorismus übertrieben reagieren – und wie er uns beeinflusst.

Herr Stutzer, laut einer aktuellen Umfrage haben 63 Prozent der Deutschen Angst vor terroristischen Anschlägen. Überrascht Sie diese hohe Quote?

Nein. Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen seltene jedoch momentan präsente Ereignisse, wie einen Terroranschlag, systematisch überschätzen. Selbst wenn ich auf dem Bürgersteig gehe, ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Auto angefahren zu werden, höher, als einem Anschlag zum Opfer zu fallen.

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Warum haben wir dann so viel mehr Angst vor Terroristen als vor Autos?

Neue Risiken erhalten in den Medien eine viel höhere Aufmerksamkeit. Als vor einigen Wochen der Verdacht auf eine Terrorzelle in der Schweiz publik wurde, gab es in unseren Nachrichten eine Vielzahl von Beiträgen dazu. Die Berichterstattung verzerrt die Wahrnehmung.

Der Wirtschaftsprofessor der Universität Basel, Alois Stutzer, im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Der Wirtschaftsprofessor der Universität Basel, Alois Stutzer, im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Es sind aber nicht nur die traditionellen Medien, die berichten. Die Terroristen selbst verbreiten ihre Videos über soziale Kanäle. Macht das die Bedrohung für uns unmittelbarer?

Das gehört zur Strategie der Dschihadisten. Ein normaler Mensch kann diese Grausamkeit überhaupt nicht begreifen, bekommt sie aber dennoch in Bild und Ton präsentiert. Das überfordert uns. Die Medien sollten darüber nachdenken, solche Gräueltaten nicht mehr zu zeigen. Damit würden sie weniger Angst verbreiten und den Islamisten einen Hebel – auch bei der Rekrutierung – entziehen.

Im Internet wären die Bilder dennoch auffindbar.

Dort muss man sie aber aktiv suchen. Aber klar, eine koordinierte Selbstzensur ist in Zeiten der sozialen Medien kaum möglich.

Hat die diffuse Furcht vor Terror auch Auswirkungen auf unser Handeln?

Sicher. Nach dem 11. September 2001 etwa haben viele US-Amerikaner auf Flüge verzichtet und sind auch weite Strecken mit dem Auto gefahren. Mit fatalen Folgen: Viele sind bei Unfällen gestorben, weil sie total übermüdet gefahren sind.

Zur Person

  • Alois Stutzer

    Alois Stutzer, 42, lehrt Wirtschaft an der Universität Basel und erforscht das Zusammenspiel von Ökonomie und Psychologie.

Haben die Deutschen auch schon solche vermeintlichen Sicherheitsstrategien gegen den „IS“-Terror entwickelt?

Ja, aber in kleinerem Ausmaß. Touristen suchen sich etwa andere Reiseziele. Diese Reaktion kennen wir schon länger: Wenn beispielsweise die ETA in Spanien angekündigt hatte, an der Costa Brava Touristen ins Visier zu nehmen, sind die Buchungen runtergegangen. Vielleicht halten sich die Deutschen unterbewusst auch schon seltener an öffentlichen Plätzen auf. Aber für weitere Gegenstrategien ist die Gefahr hierzulande zu diffus.

Folgen gibt es dennoch, wenn sich die Bevölkerung vor Terrorismus ängstigt?

Natürlich. Zum Beispiel wächst derzeit die Skepsis gegenüber dem Islam. Das könnte den Zusammenhalt unserer Gesellschaft belasten. Und auch das Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit droht sich erneut zu verschieben, weil Staaten ihre Bürger beschützen wollen – neue Kameras an öffentlichen Plätzen, verschärfte Kontrollen im Internet. Hier kostet Angst nicht nur Geld, sondern auch Freiheit. Wichtig wäre, dass solche Maßnahmen mit einem Ablaufdatum versehen werden, sodass sie automatisch wieder außer Kraft treten.

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Welche konkrete Auswirkung auf unser ökonomisches Handeln hat Angst?

Die Forschung zeigt, dass Menschen, die nicht direkt bedroht sind – also wie die Deutschen –, in solchen Situationen eher sparen. Sie wollen sich absichern, weil turbulente Zeiten bevorstehen. Menschen aus den Krisengebieten reagieren anders. Sie konsumieren stärker, denn wer baut schon ein Haus, wenn es morgen vielleicht zerstört wird.

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