Angst ums Öl: Die Revolution in der arabischen Welt bedroht die Energieversorgung

Angst ums Öl: Die Revolution in der arabischen Welt bedroht die Energieversorgung

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Tahrir-Platz in Kairo bei Nacht

von Hans Jakob Ginsburg, Henning Krumrey und Andreas Wildhagen

Der Aufstand in Ägypten bringt den gesamten Nahen Osten in Aufruhr - eine Region, in der 61 Prozent der weltweiten Ölreserven liegen. Die Reaktion kam prompt: Der Preis für Rohöl schnellte hoch. Denn im Exrtemfall drohen Lieferausfälle, Inflation und ein Ende des Aufschwungs - auch in Deutschland.

Gut sah es aus für ein paar Stunden am vergangenen Mittwoch: „Wir sind wieder da, wir schaffen es und sind stolzer denn je, Ägypter zu sein“ – erste Facebook-Nachricht aus Kairo für die WirtschaftsWoche nach Tagen der vom Regime verfügten Abschaltung des Internets. Fünf Stunden später dann der Aufschrei: „Das ist der Tag der nationalen Schande!“ Unsere Informantin, Wirtschaftswissenschaftlerin mit Diplom aus London und ungewissen Berufsaussichten, beobachtet mit dem Blackberry in der Hand das Geschehen auf dem Platz der Befreiung, den die Feinde des Wandels offenbar in einen Platz des Himmlischen Friedens verwandeln wollen: Im schlimmsten Fall nicht Berlin 1989 mit dem Sieg der Demokratie, auch nicht Teheran 1979 mit dem Triumph islamischer Fundamentalisten, sondern Peking 1989 mit einem blutigen Sieg der alten Herrscher. „Die Mubarak-Anhänger bekommen 50 Pfund (sechs Euro) pro Person fürs Demonstrieren“, hat ein Freund unserer Informantin die Gegenseite ausgeforscht. „Ich bot mich an, für zwölf Euro ein Pro-Mubarak-Poster zu tragen, aber sie sagten mir, dafür bekäme ich auch nur sechs Euro plus einmal Essen bei Kentucky Fried Chicken.“ Für ägyptische Arme, die am Tag keine zwei Euro zum Leben haben, ein verlockendes Angebot.

Während in Kairo die Demokraten verzweifelt demonstrieren und der staatliche Geheimdienst Schlägertypen zu Chicken Wings einlädt, steigt weltweit der Ölpreis. 83 Dollar kostete das Barrel Rohöl in London noch vor drei Monaten; die guten Aussichten der Weltkonjunktur ließen den Preis zum Jahreswechsel auf 93 Dollar steigen. Mitte vergangener Woche trieben die Nachrichten von den Ausschreitungen im Nahen Osten den Preis über die 100-Dollar-Grenze.

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Langsam wird es kritisch. Christoph Weil von der Commerzbank in Frankfurt hat in einer Simulation berechnet, was ein leicht vorstellbarer Ölpreis von 120 Dollar in diesem Frühjahr bedeuten würde:

 einen Anstieg der Inflation auf drei Prozent im Euro-Raum und etwa 2,5 Prozent in Deutschland, falls die Europäische Zentralbank nicht intervenieren sollte; das Wirtschaftswachstum würde im ungünstigen Fall um 0,5 Prozent abbremsen. Bei einer für den gesamten Euro-Raum bislang prognostizierten Wachstumsrate zwischen 1,5 und 2,0 Prozent wäre das ein empfindlicher Rückschlag für Deutschland und seine Nachbarn.

Stillstand der Produktion gar nicht so ungewöhnlich

Aus welchen Ländern Deutschland Rohöl und Erdgas importiert

Aus welchen Ländern Deutschland Rohöl und Erdgas importiert

Aber was hat das mit der Krise in Ägypten zu tun, einem Land mit geringen Erdgas- und noch geringeren Ölvorkommen? Ganz einfach: Ägypten ist das einwohnerreichste Land und auch das politische und kulturelle Zentrum der arabischen Welt. Jede Nahost-Analyse wird in Zukunft unterscheiden zwischen den Epochen „vor Ägypten“ und „nach Ägypten“, schreibt der amerikanische Publizist und Arabien-Kenner Thomas Friedman, Autor des Globalisierungsbestsellers „Die Welt ist flach“. Der gesamte Nahe Osten befindet sich im Umbruch.

Dabei hatten sich in den vergangenen Monaten mehrere deutsche Großunternehmen bei der Bundesregierung gemeldet, um sich verstärkt in der Region zu engagieren. Daimler interessierte sich ebenso für Algerien wie VW. Auch EADS sprach im Außenamt vor, weil die High-Tech-Spezialisten das neue algerische Grenzsicherungssystem aufbauen wollen.

Im Bundeswirtschaftsministerium hält man die Ausgangslage für heimische Investoren noch nicht für beunruhigend. Selbst der Stillstand der Produktion in einigen deutschen Unternehmen in den Krisenstaaten sei gar nicht so ungewöhnlich. Dergleichen gebe es in Nordafrika immer wieder einmal. Entsprechend sieht das Ministerium bislang auch keine Notwendigkeit, die Risikoeinschätzung bei Export- und Investitionsgarantien zu ändern oder Deckungszusagen für die Maghreb-Länder Tunesien, Algerien und Marokko abzulehnen.

Chancen nutzen

Hinter dem Eindruck der Fernsehbilder, den wirtschaftlichen und politischen Gefahren des Wandels dürfen aber die Chancen des Aufstands der gebildeten arabischen Jugend für Europa nicht verschwinden: das mögliche Ende des schwer erträglichen wirtschaftlichen und mentalen Gefälles zwischen Nord- und Südufer des Mittelmeers. Viel spricht dafür, dass Tunesien und Ägypten als demokratische Marktwirtschaften in wenigen Jahren zumindest das Niveau der Türkei oder Süditaliens erreichen könnten – und solche Erfolgsmodelle sollten die Nachbarländer Algerien, Marokko oder Libyen schnell nach sich ziehen.

Nur kann es auch viel schlechter kommen. Beim arabischen Aufstand dieser Tage spielen islamistische Gruppen, die auf gottesstaatliche Modelle und Konfrontation mit dem Westen setzen, eine überraschend geringe Rolle. Das kann sich allerdings schnell ändern, und Skeptiker zitieren jetzt immer das Beispiel der Revolution im Iran 1978/79, die auch erst nach Monaten der Wirren mit dem Machtantritt der religiösen Fanatiker endete – die dort freilich, ganz anders als heute in den arabischen Ländern, die bestimmende Kraft schon bei den ersten Demonstrationen gegen das alte Regime waren.

Doch den Ölmärkten ist erst einmal gleichgültig, ob am Ende der Wirren verknöcherte Offiziere, weltläufige Liberale oder unheimliche Islamisten in Kairo den Ton angeben. Solange die Situation unklar ist  – und das kann noch sehr lange so sein –, werden die Deutschen mehr Geld für Heizöl und Benzin zahlen müssen.

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