Annäherung an China: Taiwans Präsidentschafts-Favorit auf pragmatischem Kurs

Annäherung an China: Taiwans Präsidentschafts-Favorit auf pragmatischem Kurs

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Wahlkämpfer Ma Ying-jeou: Taiwans Unternehmen sollen in China expandieren

Ma Ying-jeou, Favorit bei den Präsidentschaftswahlen in Taiwan, will die Beziehungen zu China vertiefen – die Wirtschaft des Landes ist begeistert.

Wenn irgendwie möglich, vermeidet Hector Yeh Reisen in seine Heimat. Vor 16 Jahren zog der Unternehmer von der Inselrepublik Taiwan nach Shanghai und gründete dort seine erste Niederlassung auf dem chinesischen Festland. Inzwischen stellen in Yehs Unternehmen Long Fong 4000 Mitarbeiter gefrorene Fleischklöße, Teigtaschen und Fischbällchen her.

Der Flug von Shanghai nach Taipeh dauert gut sieben Stunden, klagt Yeh, der auch in seiner Heimat noch ein Werk mit 150 Mitarbeitern betreibt. Dabei liegt Taiwans Hauptstadt nur knapp 700 Kilometer südöstlich von Shanghai. Doch weil es aus politischen Gründen keine direkten Flüge zwischen dem chinesischen Festland und Taiwan geben darf, fliegt der Unternehmer einen weiten Umweg über Hongkong. „So geht ein ganzer Tag für einen Flug verloren, der eigentlich ein- bis eineinhalb Stunden dauern könnte“, schimpft Yeh.

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Der Grund für die Strapazen liegt in der jüngeren Geschichte beider Länder. Seit 1949 chinesische Nationalisten vor der Roten Armee auf die Insel flüchteten, betrachtet Peking diese als abtrünnige Provinz. Direktflüge auf die Insel will China nur erlauben, wenn die Regierenden in Taipeh das sogenannte Ein-China-Prinzip anerkennen wonach Taiwan Teil der Volksrepublik ist. Das aber war bislang ausgeschlossen. Denn Präsident Chen Shui-bian und seine Demokratische Fortschrittspartei (DPP), die Taiwan seit acht Jahren regieren, verteidigt strikt die Unabhängigkeit der Inselrepublik.

Nun aber könnte Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen zwischen Taipeh und Peking kommen. Am 22. März finden in Taiwan Präsidentschaftswahlen statt. Nach Umfragen wird die oppositionelle Nationale Volkspartei (KMT) mit Ma Ying-jeou an der Spitze die Regierungspartei klar schlagen.

Gegenüber Peking verfolgt Ma einen deutlich moderateren Kurs. Sollte der in Harvard ausgebildete Politiker die Wahl gewinnen, will er mit Peking nicht nur über Direktflüge reden. Der Chef der KMT möchte eine ganze Reihe von Gesetzen und Vorschriften abschaffen oder lockern, die den Bewegungsspielraum taiwanischer Unternehmen auf dem chinesischen Festland einschränken. So schreiben die Regierenden in Taipeh vor, wie viel ein Unternehmen aus Taiwan in der Volksrepublik investieren darf – die Obergrenze liegt bei 40 Prozent des Nettowertes der Firma. „Solche Beschränkungen gehören ersatzlos gestrichen“, sagt Ho Szu-yin, Mitglied des Zentralkomitees der KMT.

Die Volksrepublik China ist schon jetzt einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Taiwans, und die KMT will das Potenzial des Riesenmarktes künftig noch stärker nutzen. Zwischen einer und zwei Millionen Taiwaner leben schätzungsweise auf dem chinesischen Festland. Etwa 100.000 Unternehmen der Inselrepublik unterhalten beim großen Nachbarn Niederlassungen und Fabriken. Nach offiziellen Angaben haben sie bis heute 64 Milliarden Dollar auf dem Festland investiert. In der Rangliste der wichtigsten Investoren liegt Taiwan damit auf Platz vier. Doch inoffizielle Schätzungen gehen von einer weitaus höheren Summe aus. Denn viele Unternehmen aus Taiwan dirigieren ihre China-Investitionen über Briefkastenfirmen in Hongkong oder Singapur, um die rigiden Investitionsbeschränkungen zu umgehen. Insgesamt bis zu 250 Milliarden Dollar, schätzen Experten, dürften taiwanische Investoren bis heute in die Volksrepublik gepumpt haben.

Auch der Handel zwischen Taiwan und China funktioniert immer besser. Bei 102 Milliarden Dollar lag das bilaterale Handelsvolumen im vergangenen Jahr – im Vergleich zum Vorjahr ein sattes Plus von 16 Prozent. Dabei ist Taiwan eines der wenigen Länder der Welt, mit denen China ein Handelsbilanzdefizit verzeichnet. Die China-Niederlassungen der taiwanischen Unternehmen importieren in großem Stil elektronische Bauteile aus der Heimat. Auf dem chinesischen Festland bauen sie diese dann zu Laptops, Plasma-TVs oder MP3-Spielern zusammen und exportieren sie in alle Welt.

Nicht nur Taiwans Großkonzerne wie der Halbleiterhersteller TSMC, der in der Volksrepublik mehr als 100.000 Mitarbeiter beschäftigt, setzen auf den Riesenmarkt China. Wie der Tiefkühlkosthersteller Yeh können auch zahlreiche kleine und mittlere Betriebe auf ihre Niederlassungen auf dem Festland kaum noch verzichten. Su Laide, Chef von Wei Jun Electronics, fing 1996 damit an, Teile seiner Produktion von Taiwan in die Volksrepublik China zu verlegen. Für fünf Millionen Dollar baute er eine Fabrik in Kunshan, etwa eine Autostunde von Shanghai entfernt. Dort produziert er Leiterplatten und Platinen für große Elektronikhersteller wie LG und Philips. Der Umsatz steigt jedes Jahr um etwa 15 Prozent. „Wir sind nach China umgezogen, weil fast alle unsere großen Abnehmer dort ihre Produktion haben“, sagt Sun. Aus ihrer Sympathie für die von der KMT propagierten Entspannungspolitik machen beide Unternehmer kein Geheimnis: „Die jetzige Regierung behindert doch nur unsere Aktivitäten in China“, klagt Yeh.

Die Hoffnung der Unternehmer bezieht sich auch auch auf die Liste von Gütern, die nicht in die Volksrepublik China exportiert werden dürfen. Hierzu zählen rund 100 Produkte der Chemie- und High-Tech-Branche, deren Ausfuhr nach China die jetzige Regierung aus Furcht vor Technologieklau untersagt. Darüber hinaus will die KMT im Fall der Regierungsübernahme das Gesetz kippen, nach dem Taiwans Banken nicht in China investieren dürfen. Langfristig träumt Ma sogar von einem gemeinsamen Markt mit Festlandchina – ganz wie in der EU.

Um dieser Vision ein Stück näherzurücken, will der KMT-Kandidat den Machthabern in Peking politisch entgegenkommen. Zwar ist auch er unter den gegenwärtigen Bedingungen gegen eine Vereinigung mit der Volksrepublik. Doch gewisse Abstriche an der Unabhängigkeitsrhetorik Taiwans erscheinen möglich. KMT-Außenpolitiker Ho spricht von „einem China mit verschiedenen Interpretationen“. Was das genau bedeutet, bleibt im Dunkeln. Aber so kommt man vielleicht mit Peking ins Gespräch.

So kompromissbereit ist die derzeit noch amtierende Regierung nicht. „Wir lassen uns nicht unter Druck setzten“, sagt die DPP-Außenpolitikerin Hsiao Bi-khim. Die umstrittene Volksbefragung, ob die Inselrepublik unter dem Namen Taiwan die Aufnahme in die Vereinten Nationen beantragen soll, findet darum wie geplant zusammen mit den Präsidentschaftswahlen statt.

Ökonomen wie Liu Yau-jr vom Taiwan Institute of Economic Research plädieren indes für eine rasche wirtschaftliche Annäherung an China. „Von einem offeneren Austausch kann Taiwan nur profitieren“, sagt der Experte. Erleichterungen im Personen- und Warenverkehr, so Liu, dürften beispielsweise dazu führen, dass taiwanische Unternehmen höherwertige Dienstleistungen wie Forschung und Entwicklung oder Produktdesign wieder vermehrt in die Heimat verlagern, zumal immer mehr taiwanische Unternehmen auf dem chinesischen Festland über steigende Kosten durch strengere Arbeitsgesetze, anziehende Löhne und den Wegfall von Steuervorteilen klagen.

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