Anschlag in Istanbul: IS reklamiert Terrorangriff in Silvesternacht für sich

Anschlag in Istanbul: IS reklamiert Terrorangriff in Silvesternacht für sich

, aktualisiert 02. Januar 2017, 18:26 Uhr
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Trauergäste tragen den Sarg eines der Opfer des Anschlags in Istanbul.

Das Ziel des Angriffs in Istanbul war ein mondäner Tanzclub, die Bluttat trug die Handschrift von Islamisten. Nun übernimmt die Terrormiliz IS die Verantwortung - und rühmt sich, „Feiern in Trauer umgewandelt“ zu haben.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat die Verantwortung für den verheerenden Angriff auf eine Silvesterfeier in einem Nachtclub in Istanbul übernommen. Ein „Soldat des Kalifats“ sei für die Tat in der türkischen Millionenmetropole verantwortlich, hieß es in einer im Internet verbreiteten Erklärung des IS. Zwei der 39 Getöteten kamen nach Angaben des Auswärtigen Amtes aus Bayern. Einer davon habe die deutsche und die türkische, der zweite nur die türkische Staatsangehörigkeit besessen, sagte ein Sprecher. Drei Deutsche seien bei dem Terrorangriff verletzt worden.

Die Echtheit des IS-Bekennerschreibens ließ sich zunächst nicht überprüfen. Der IS hat in Teilen des Iraks und Syriens ein Kalifat ausgerufen. Bei dem Terrorangriff auf eine Silvesterparty in dem bekannten Club Reina waren 39 Menschen getötet worden, darunter mindestens 26 Ausländer. Die meisten der getöteten Ausländer stammten aus arabischen Ländern. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, auch unter den 69 Verletzten seien mehrere Ausländer.

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Mindestens ein bewaffneter Angreifer war kurz nach Anbruch des neuen Jahres in den exklusiven Club am Bosporusufer eingedrungen und hatte wahllos das Feuer auf Hunderte Feiernde eröffnet. Dem Täter gelang die Flucht. Anti-Terror-Polizisten nahmen in Istanbul im Zusammenhang mit dem Angriff acht Verdächtige fest, wie Anadolu berichtete. Der Angreifer sei aber nicht darunter.

Chronologie: Schwere Anschläge in der Türkei

  • Dezember 2016

    Bei einem Doppelanschlag im Istanbuler Stadtteil Besiktas nahe einem Fußballstadion sterben am 10. Dezember mindestens 45 Menschen, überwiegend Polizisten. Zu den Anschlägen bekennt sich die TAK, eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Eine Woche später kommen in der zentraltürkischen Stadt Kayseri bei einem Selbstmordanschlag mindestens 13 Soldaten ums Leben. Der Attentäter hat eine Autobombe neben einem Bus mit Militärangehörigen gezündet haben. Auch hierzu bekennt sich die TAK. Am 19. Dezember wird der russische Botschafter Andrej Karlow in Ankara von einem türkischen Polizisten niedergeschossen. Die türkische Regierung verdächtigt die Gülen-Bewegung, hinter dem Attentat zu stecken.

  • November 2016

    Bei einem Autobombenanschlag in der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir werden mindestens elf Menschen getötet, die meisten davon Zivilisten. Erstmals übernimmt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung. Auch die TAK bekennt sich zu der Tat. Zu der Explosion war es kurz nach den Festnahmen von zwölf Abgeordneten der pro-kurdischen HDP gekommen.

  • Oktober 2016

    In der südosttürkischen Provinz Hakkari bringt ein Attentäter einen mit Sprengstoff beladenen Kleinlaster vor einem Kontrollposten der Gendarmerie zur Explosion. Bei dem Selbstmordanschlag der PKK kommen 16 Menschen ums Leben.

  • August 2016

    Ein Attentäter sprengt sich inmitten einer kurdischen Hochzeitsfeier in der südtürkischen Stadt Gaziantep in die Luft. Es gibt mehr als 50 Tote.

  • Juni 2016

    Am internationalen Terminal des Atatürk-Flughafens in Istanbul sprengen sich drei Selbstmordattentäter in die Luft. Sie reißen 45 Menschen mit in den Tod. Die türkische Regierung macht den IS dafür verantwortlich.

  • März 2016

    Bei einem Autobombenanschlag in der Hauptstadt Ankara werden mindestens 37 Menschen getötet. Zu dem Anschlag bekennt sich die TAK.

  • Februar 2016

    Bei einem Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi im Regierungsviertel von Ankara sterben 30 Menschen, darunter der Selbstmordattentäter. Zu dem Attentat bekennt sich die TAK.

  • Januar 2016

    Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden zwölf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in die Luft. Er gehörte nach Angaben der türkische Regierung dem IS an.

  • Oktober 2015

    Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht den IS dafür verantwortlich.

In dem Bekennerschreiben hieß es: „In Fortsetzung der gesegneten Operationen des Islamischen Staates gegen die Beschützerin des Kreuzes, die Türkei, hat einer der heldenhaften Soldaten des Kalifats gegen den berühmten Nachtclub zugeschlagen, wo die Nazarener (Christen) ihr polytheistisches Fest feiern. Er hat sie mit Handgranaten und seiner automatischen Waffe angegriffen und ihre Feiern in Trauer umgewandelt.“

Der Angreifer hatte das Feuer mit einer automatischen Waffe eröffnet. Von einem Einsatz von Handgranaten bei dem Angriff ist von offizieller Seite bislang nichts bekannt. Die Zeitung „Hürriyet Daily News“ berichtete unter Berufung auf die Ermittlungen, der Angreifer habe mehr als 180 Kugeln aus sechs Magazinen abgefeuert. Augenzeugen hätten angegeben, er habe auf dem Boden liegenden Menschen gezielt in den Kopf geschossen. Er habe sich dann umgezogen und seine Waffe gereinigt. Der Mann habe danach inmitten der Panik den Club verlassen und sei mit einem Taxi vom Tatort weggefahren.

Nach dem türkischen Einmarsch in Syrien im August hatte der IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi Anfang November zu Anschlägen in der Türkei aufgerufen. Türkische Truppen liefern sich in der nordsyrischen Region um die Stadt Al-Bab seit einiger Zeit heftige und verlustreiche Gefechte mit IS-Kämpfern. Der IS beherrscht Al-Bab.

PremiumTürkei Die Normalität, eine Ausnahme

Unser Korrespondent zog vor einem Jahr in das Land – seither sind Terror und Angst stete Begleiter. Aber er glaubt, dass die Vernunft siegen wird.

Macht und Ohnmacht: Immer neue Gewalt hinterlässt nichts als Trauer und Zorn. Quelle: Getty Images

Der türkische Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus sagte in Ankara, der Anschlag sei auch als Reaktion auf den Einsatz der türkischen Armee in Syrien zu verstehen. Dieser werde jedoch weitergehen. Man werde alle Terrororganisationen „in die Knie zwingen“. Eine Verlängerung des nach dem Putschversuch vom 15. Juli verhängten Ausnahmezustands schloss er nicht aus.

Das Büro des Ministerpräsidenten teilte mit, Nachrichten in den sozialen Medien, die polarisierten, würden dem Terror in die Hände spielen. Die Nation müsse in diesen Tagen zusammenstehen.

Die Zeitung „Hürriyet“ berichtete am Montag unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, es gebe Hinweise darauf, dass der Angriff auf den Club von derselben IS-Zelle ausgeführt worden sei wie der Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen.

Bei dem Angriff auf den größten Flughafen des Landes hatten im Juni 2016 mehrere Selbstmordattentäter 45 Menschen mit in den Tod gerissen. Die türkische Regierung machte den IS dafür verantwortlich, der sich nicht dazu bekannte. Die drei Angreifer am Flughafen waren nach Angaben der Regierung aus Usbekistan, Kirgistan und Russland. Die Zeitung „Hürriyet“ berichtete, auch bei dem Angreifer aus der Silvesternacht werde untersucht, ob er aus einem der beiden zentralasiatischen Länder Usbekistan oder Kirgistan stamme.

Dem IS wurden seit Sommer 2015 mehrere Anschläge in der Türkei zur Last gelegt. Die Terrormiliz hat vor dem Angriff in der Silvesternacht aber nur ein einziges Mal die Verantwortung für einen Anschlag in der Türkei übernommen. Dabei handelte es sich um einen Autobombenanschlag in der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir im November, bei dem elf Menschen getötet wurden. Allerdings hatte auch die TAK - eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK - diese Tat für sich reklamiert.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kündigte nach dem Anschlag in der Silversternacht an, weiter entschlossen gegen den Terrorismus zu kämpfen. Die Türkei werde alles tun, um „die Sicherheit und den Frieden ihrer Bürger zu gewährleisten“. International wurde die Bluttat scharf verurteilt. Bereits 2016 hatte die Türkei eine ganze Reihe verheerender Anschläge erlebt.

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