Arabien: Der tunesische Funke

Arabien: Der tunesische Funke

Knüppel und Geschenke: Wie arabische Herrscher jetzt gegen Oppositionelle vorgehen.

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Tunesien

Freiheitsfreude und Höllenqualen. Neben den jubelnden Tunesiern scheinen Selbstverbrennungen zum Symbol dieser arabischen Selbstbefreiung zu werden. So begann der Aufstand in Tunesien, am Ende stürzte der Diktator. Nun haben sich auch in Algerien, Mauretanien und Ägypten Menschen mit Benzin übergossen und Feuer am eigenen Leib gelegt, um gegen die Tyrannei zu protestieren. Im Jemen skandieren Demonstranten "Tausend Grüße ins freie Tunis" – über 4500 Kilometer hinweg. In Jordanien demonstrieren Tausende gegen Inflation und Wirtschaftspolitik. Zeitgleich zerbricht im Libanon die Regierung. Plötzlich gerät alles in Bewegung. Die Araber im Nahen und Mittleren Osten starren nach Tunesien, wo seit vorigem Freitag nichts mehr ist, wie es war.

Sofort kommen Erinnerungen auf. An den kurzen arabischen Frühling von 2005, als halb freie Wahlen in mehreren Ländern die Menschen hoffen ließen. An das Zerbrechen des Ostblocks, das mit dem Ausstand der polnischen Werftarbeiter 1980 begann.

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Doch Tunis ist nicht das Danzig der arabischen Welt. Damals, in Osteuropa waren die Regime aus ein und derselben sozialistischen Gussform gemacht, aller Herrschersegen kam aus Moskau. Als die Sowjetunion schwächelte, kippten die Regime. Zusammenkünfte der Arabischen Liga mögen manchmal an eine ZK-Sitzung im Kreml erinnern. Doch zwischen Atlantik und Golf regieren ganz unterschiedliche Könige und Fürsten, Generäle und Präsidenten. Ein jeder herrscht, so lange die eigene Kraft reicht. Sie küssen und sie hassen sich, es gibt keine Hierarchie und keine Vormacht, von der alles abhängt.

Deshalb ist die tunesische Revolution nur ein Funke, der überspringen oder nach einiger Zeit auch erlöschen kann. Ob nach dem Sturz von Präsident Ben Ali in Tunesien auch andere Regime ins Wanken geraten, hängt in jedem Land von vier Fragen ab: Was läuft im Fernsehen? Wer hat was zu sagen? Was gibt’s zu essen? Wer hat das Geld?

Neue arabische Öffentlichkeit

Beginnen wir mit dem Fernsehen, dem Albtraum der Diktatoren. Seit der Al-Dschasira-Revolution von 1996, der Gründung des ersten arabischen Nachrichtenkanals über Satellit, wird die arabische Welt mit frischen Gedanken bestrahlt. Heute ist es nicht mehr nur der legendäre Sender aus Qatar, der auf Hocharabisch die meisten Araber erreicht. Hinzu gekommen sind der von Saudis finanzierte Kanal al-Arabija in Dubai sowie libanesische Sender. Noch vor 20 Jahren blieben viele Informationen in den Filtern der Staatssender hängen. Die Bilder von Tunis hätte niemand zu sehen bekommen. Dank al-Dschasira und Co. waren die Araber beim Umsturz in Tunesien live dabei, sahen die Panzer auf den Straßen, die Plakate ("Game over") , die lachenden Demonstranten, den verzagten Ben Ali in der Nacht vor dem Sturz. Andere Diktatoren und Könige mögen weiter schalten und walten, aber sie werden dabei beobachtet. So wächst eine neue arabische Öffentlichkeit, in der die Menschen über die eigenen Belange erstaunlich frei reden können: über die Lügen der Herrscher und die Korruption ihrer Günstlinge, über die ungerechte Verteilung des Reichtums und die Entmündigung des Volkes. Zuschauer telefonieren ihre Wut über die Regierenden live in die Sendung. Oder drücken sie in Blogs, Facebook-Foren und Twitter-Gemeinden aus. Diese Medien binden die vielfältige arabische Welt stärker zusammen als es die Religion, der Islam vermag. Sie machen wirklich einen Raum daraus. Für selbstherrliche Regierungen wird es darin enger.

Schon im arabischen Frühling 2005 halfen Fernsehbilder und Internet-Blogs bei der Verbreitung der Freiheitsbotschaft. Die wehenden Fahnen der Zedernrevolution im Libanon sah jeder Araber auf al-Dschasira und den libanesischen Kanälen. Damals übten die Vereinigten Staaten Druck auf arabische Regierungen aus, Wahlen zuzulassen. Präsident George W. Bush gelobte, die "Fackel der Freiheit" in jedes Land zu bringen. Auch wenn der Irak deshalb lichterloh brannte, hofften einige Araber auf Besserung. Saudi-Arabien ließ zum ersten Mal Lokalräte wählen, in Ägypten stellte sich der Präsident zur Wahl. Das Volk stimmte nach Plan ab. Doch der Frühling war vorbei, als in Palästina 2006 die Falschen gewannen: Hamas. Geschockt vom Sieg der Islamisten, begruben die Amerikaner abrupt ihre Demokratie-Agenda für die arabische Welt nach ihren Vorstellungen. Seither geht die Angst vor der arabischen Opposition auch im Westen um.

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