
Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Finanzminister Wolfgang Schäuble leben es vor, und 56 Prozent der Deutschen machen mit: Sie arbeiten auch noch jenseits von 55 Jahren. Im internationalen Vergleich ist das ein gutes Ergebnis – durchschnittlich stehen in den OECD-Ländern rund 54 Prozent der Menschen zwischen 55 und 64 Jahren noch im Berufsleben. Deutschland hat kräftig aufgeholt. Noch vor gut zehn Jahren lag die Oldie-Erwerbsquote hierzulande bei 37,8 Prozent.
Es geht aber noch besser: In Schweden und Norwegen arbeiten rund 70 Prozent der älteren Bevölkerung, im kleinen Island sind es mehr als 80 Prozent. Die skandinavischen Staaten gelten denn auch als vorbildlich bei der Arbeitsmarktpolitik für Ältere. „In Schweden ist die Erwerbstätigenquote bei den Älteren traditionell überdurchschnittlich hoch“, sagt Jens Oelgemöller von der Universität Münster. Ein Grund: Die Schweden haben schon sehr früh begonnen, sich intensiv um ihre älteren Arbeitslosen zu kümmern. Vom Staat unterstützt, bilden sich die Schweden zudem auch im hohen Alter noch überdurchschnittlich oft weiter.
Skandinavien vorn

Auch andere Nord-Staaten haben stark zugelegt. Beispiel Finnland: Von 1999 bis 2009 stieg der Anteil der erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen um 16 Prozentpunkte auf knapp 56 Prozent (siehe Grafik). „Die finnische Regierung hat eine Reihe von Anreizen für ältere Arbeitnehmer geschaffen, länger zu arbeiten“, lobt die EU-Kommission. So bekommen die Finnen bis zum Alter von 62 Jahren pro Arbeitsjahr 1,5 bis 1,9 Prozent ihres Bruttoeinkommens für ihre Rente angerechnet. Dann macht der Faktor einen großen Sprung: 63- bis 68-Jährige erhalten pro Jahr 4,5 Prozent gutgeschrieben. In Deutschland gibt es so etwas nur in sehr kleinem Ausmaß: Wer mit über 65 Jahren noch arbeitet, erhält pro Arbeitsmonat 0,5 Prozent mehr Leistungen. Wer früher in Rente geht, dem werden pro Monat 0,3 Prozent abgezogen.
Weiterbildung wichtig
Um die Erwerbstätigenquote älterer Arbeitnehmer zu erhöhen, sei aber auch deren Weiterbildung wichtig, sagt Lutz Bellmann, Forschungsbereichsleiter Betriebe und Beschäftigung beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. „In dem Bereich tut Deutschland noch zu wenig.“ Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt, dass sich nur 21 Prozent der Mitarbeiter über 55 Jahre im Betrieb weiterbilden. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur im unteren Mittelfeld. Experte Bellmann sieht hier nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Arbeitnehmer in der Pflicht. Sie müssten schon im mittleren Alter überlegen, wie lange sie ihren Beruf ausüben können, und sich entsprechend orientieren. Helfen müsse aber auch die Politik – wie etwa in den Niederlanden. Dort gibt es seit vier Jahren die sogenannte „Levensloopregeling“: Die Niederländer können bis zu zwölf Prozent ihres Gehaltes steuervergünstigt sparen. Wenn sie sich weiterbilden und dafür ihre Arbeit unterbrechen, können sie sich das Sparguthaben auszahlen lassen.
Prinzipiell, so fordern Experten, müssten der demografische Wandel und die Folgen für die Arbeitswelt auf der politischen Agenda weiter nach oben rücken. Die australische Regierung geht da mit gutem Beispiel voran: Sie hat schon seit 1988 einen Minister, der sich einzig und allein um das Thema Alterung kümmert.













