
Gelegentlich fühlt sich Georg Nassauer wie der Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes, vor dem sich plötzlich eine 20 Meter hohe Monsterwelle auftürmt. Permanent funkt der Mann auf der Brücke SOS-Signale in alle Richtungen. Die ganze Welt soll erfahren, wie sich die Lage an Bord dramatisch zuspitzt. Doch niemand scheint seinen Hilferuf zu erhören. Ein paar Matrosen sind schon über Bord. Nur noch wenige Minuten bleiben, bis das Schiff Schlagseite bekommt und in die Tiefe gerissen wird.
Nassauer ist kein Schiffskapitän, sondern der Betriebsratsvorsitzende bei Nokia Siemens Networks. Und die Monsterwellen, die derzeit über dem deutsch-finnischen Netzausrüster zusammenschlagen, haben ihren Ursprung im fernen China. Mit einer bisher nicht gekannten Aggressivität greifen zwei Neulinge, die noch vor Kurzem völlig unbekannten Unternehmen Huawei und ZTE, die europäischen Marktführer beim Bau von Telekommunikationsnetzen an. Nicht nur Nokia Siemens Networks, auch der schwedische Marktführer Ericsson und die französisch-amerikanische Alcatel-Lucent fühlen sich ein ums andere Mal überrollt – von Dumpingpreisen, Niedriglöhnen und Milliardenstaatskrediten, mit denen Huawei und ZTE ihnen einen Großauftrag nach dem anderen wegschnappen.
Huawei/ZTE ist kein Einzel- und kein Zufall. Die Methoden des Gespanns markieren den Beginn einer Strategie, die es in der Geschichte des Kapitalismus in dieser Form noch nicht gegeben hat. „Targeting“ heißt das Wort aus der englischen Sprache, das die Betroffenen dafür zunehmend gebrauchen und das frei übersetzt so viel bedeutet wie Anpeilen, Angreifen, Ausschalten. Dahinter steckt die Absicht der chinesischen Regierung, bis Ende 2010 in ihrem Land 30 bis 50 „Global Champions“ zu schaffen, die mit Spitzentechnik das Potenzial zum Weltmarktführer haben.
Ein Nobody
Die Milliarden, die Peking dazu einsetzt, stellt die Subventionen westlicher Regierungen, die linke Kritiker vor einigen Jahrzehnten als staatsmonopolistischen Kapitalismus („Stamokap“) geißelten, weit in den Schatten. Und keines der auserwählten Unternehmen geht bei der verordneten weltweiten Expansion so rigoros und teilweise so skrupellos vor wie Huawei. „Wer wissen will, was anderen Branchen blüht“, meint ein China-Kenner, „muss nur Huawei studieren.“
Hua... wer? Noch vor wenigen Jahren kannte kaum jemand die im südchinesischen Shenzhen beheimateten Spezialisten für Kommunikationsnetze und -komponenten aller Art. Die Firma war mit einem Umsatz von wenigen Milliarden US-Dollar vorwiegend auf dem Heimatmarkt aktiv und international ein Nobody. Das Geschäft mit dem Bau von Fest- und Mobilfunknetzen lag zu 80 Prozent in Händen europäischer Konzerne wie Ericsson, Nokia, Siemens und Alcatel. Den Rest teilten sich US-Unternehmen wie Lucent, Motorola und Nortel.
Sprung auf Platz Zwei
Heute ist Huawei, zu Deutsch: „China kann was“, der erste echte globale Champion aus dem Reich der Mitte und steht kurz davor, hinter dem schwedischen Konzern Ericsson auf Platz zwei der weltgrößten Fest- und Mobilfunknetz-Ausrüster aufzusteigen. Fast alle großen Mobilfunkunternehmen der Welt stehen inzwischen auf der Kundenliste der Chinesen. Vodafone etwa kauft bei Huawei Handys, T-Mobile bezieht Steckkarten für den drahtlosen Internet-Zugang. Die spanische Telefónica setzt im O2-Netz verstärkt Huawei-Technik ein. Und der Kölner Internet-Anbieter QSC, der als Erster in Deutschland einen Großauftrag an Huawei vergab, hat das gesamte Netz von den Chinesen bauen lassen.
Rund 22 Milliarden US-Dollar hat der Konzern im vergangenen Jahr umgesetzt, rund zwei Drittel davon werden außerhalb Chinas erwirtschaftet. „Huawei kann inzwischen Produkte liefern, die genauso gut sind wie die der internationalen Konkurrenz, nur zu chinesischen Preisen“, sagt Wei Wang von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Düsseldorf. Wang berät chinesische Unternehmen bei der Expansion ins Ausland.








