Asiens stärkster Tigerstaat wählt: Südkorea ersetzt Kraft durch Kreativität

18. Dezember 2012, aktualisiert 18. Dezember 2012, 17:37 Uhr
Südkoreas Exportschlager: Roboter tragen das Konterfeit des Sängers Psy, der mit "Rangam Style" einen Megatrend losgetreten hatte.Bild vergrößern
Südkoreas Exportschlager: Roboter tragen das Konterfeit des Sängers Psy, der mit "Rangam Style" einen Megatrend losgetreten hatte.
von Martin Kölling und Martin Kölling Quelle: Handelsblatt Online

Die Clans der Großindustrie haben Südkorea reich gemacht. Doch vor der Präsidentschaftswahl an diesem Mittwoch setzt sich die Erkenntnis durch, dass ihre Zeit vorbei ist. Schlau statt stark lautet das neue Rezept.

SeoulWer Südkoreas Zukunft sehen will, muss Männer wie Choi Jin-Hwan besuchen. Der drahtige Firmengründer und Software-Professor empfängt Besucher nicht im Anzug. Es gibt keine Konferenzräume mit schweren Ledersesseln und Kalligraphien an den Wänden wie in altgedienten Großkonzernen, keine rauchenden Schlote vor dem Fenster. In seiner Firma FunctionBay herrscht globale Start-up-Atmosphäre. Hier wird Simulationssoftware für den Test komplexer Bauteile hergestellt - und hier lässt sich das südkoreanische Erfolgsmodell studieren.

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Ruheräume laden die Belegschaft zu schöpferischen Pausen ein. In der Lobby hat Choi eine Traumwand eingerichtet: ein hölzerner Baum, an den jeder Mitarbeiter seinen ganz persönlichen Traum anpinnen muss.

„Ich will ihnen helfen, sich zu entfalten“, erklärt Choi seine Philosophie. „Sie sollen jeden morgen in die Firma kommen, ihren Traum sehen und ihn verfolgen.“

Das ist es, was Südkorea 2.0 ausmacht. Überall im Land ist der neue Geist zu spüren. Statt die Weltmärkte nur mit Fleiß und Billigprodukten zu erobern, will Korea nun zum kreativen Zentrum der globalen Wissensgesellschaft werden. Es gibt einen Minister für Wissenwirtschaft, der unter anderem für die Regulierung der Industrie und des Energiesektors zuständig ist.

Kunstgalerien schießen überall aus dem Boden. In der Hauptstadt grüßen Plakate mit dem Schriftzug „Hi Seoul, Soul of Asia“ die Touristen. Und der Musikhit „Gangnam Style“ des Sängers Psy, der mit fast einer Milliarde Abrufen populärste Clip bei der Videoplattform YouTube, machte das Land zur kreativen Großmacht in der internationalen Jugendkultur.

Auch in der Präsidentschaftswahl, die an diesem Mittwoch stattfindet, weht plötzlich der neue Geist: Sowohl die Kandidatin der Konservativen, Park Gyun-Hye, als auch Moon Jae-In, ihr Rivale der linken Vereinten Demokratischen Partei, haben sich „wirtschaftliche Demokratisierung“ auf die Fahnen geschrieben.

Unter diesem Slogan versprechen sie viel: Sie wollen die Macht der riesigen der riesigen, familieneigenen Konglomerate beschneiden, mit denen Südkorea in nur einer Generation den Sprung vom bitterarmen Bauernstaat zu einer der führenden Industrienationen geschafft hat. Im Gegenzug soll der Mittelstand geschützt und ausgebaut werden.

Denn zu hoch erscheint den Menschen die Konzentration wirtschaftlicher Macht durch wenige Mischkonzerne, die Koreaner Chaebol nennen. Die zehn größten Chaebol kontrollieren selbst heute noch 40 Prozent des südkoreanischen Bruttoinlandsprodukts.


Die Kehrseite der Erfolgsstrategie

Verantwortlich für die Unzufriedenheit ist ausgerechnet der riesige Erfolg der südkoreanischen Entwicklungsstrategie. 1961 putschte sich der Vater der Präsidentschaftskandidatin Park, der General Park Chun-Hee, an die Macht und gab sie bis zu seiner Ermordung durch seinen Geheimdienstchef im Jahr 1979 nicht wieder ab.

Park setzte früh auf eine exportorientierte Industrialisierung des Südens, der weit ärmer als Nordkorea war, wo die japanischen Besatzer zwischen 1910 und 1945 Bergwerke und Stahlhütten errichtet hatten. Dabei schreckte Park auch vor brutaler Unterdrückung von Widerstand und unpopulären Maßnahmen nicht zurück. So normalisierte er 1965 gegen massive Widerstände die Beziehungen mit dem einstigen Kolonisator Japan, um japanische Reparationszahlungen und Kredite als Startkapital für die Industrialisierung zu nutzen.

Um genug Schub zu entfalten, konzentrierte Park die mageren staatlichen Ressourcen auf wenige Familienunternehmen, die mit Hilfe des Staats zu Brückenköpfen in der Weltwirtschaft ausgebaut wurden. Im Gegenzug bauten die Firmen mit ihren Gewinnen andere Wirtschaftszweige auf.

Die Strategie war erfolgreich: Südkorea ist ein Ausnahmeathlet. Wirtschaftlich ist das Land während der Weltwirtschaftskrise als einziges Industrieland nicht geschrumpft. Finanzpolitisch wurde die Kreditwürdigkeit des Landes erst im Herbst von den Kreditagenturen Standard & Poor's und Fitch aufgewertet, weil die Schulden niedrig und die Wachstumsaussichten gut sind. Und die Konzerne haben den Sprung vom Billiganbieter zu Hightechschmieden geschafft.

Hyundai Motor fordert VW heraus, Samsung Electronics Apple. Ein Ende ihres Vorwärtsdrangs ist nicht in Sicht. „Die Konzerne haben eine beeindruckende Produktpipeline“, sagt Carsten Lienemann, der als Chef des TÜV Rheinland in Korea, der die neusten Produkte sieht, lange bevor sie auf den Weltmarkt kommen. Denn sein Unternehmen testet und zertifiziert Koreas kommende Kreationen für den Export.

Sein Urteil: „Südkorea ist sehr innovativ."


Fehlender Mittelstand mehr als ein Schönheitsfehler

Nur führt der enorme Erfolg der Konglomerate inzwischen zu massiven Unwuchten in der Gesellschaft und zu Protest bis weit in die Mittelschichten. Zum einen verschärft das hohe Lohngefälle zwischen Jobs in den Chaebol und dem Rest der oft sehr kleinen Firmen die soziale Spaltung. Die oberen 20 Prozent der Arbeitnehmer verdienen nach dem Better Life Index der OECD fünf Mal so viel wie die unteren 20 Prozent, in Deutschland sind es vier Mal so viel.

Zum anderen beklagt sich der Mittelstand, dass die Chaebol auf der Suche nach Wachstum wie gierige Kraken ihre Tentakeln nach allem ausstrecken, was Gewinne verspricht. Mit kleinen Supermärkten und schicken Cafés dringen sie nun sogar in Bereiche wie den Einzelhandel und Bäckereien vor, die im bisherigen, ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag als Refugium für kleine Familienbetriebe galten.

Selbst der staatliche Fernsehsender KBS porträtierte die Chaebol am 5. Dezember, dem Tag des Handels, als gierige Unternehmen, die die Gewinne aus dem Außenhandel in ihren Kassen behalten und nicht in die Gesellschaft sickern lassen.

Dass ein Chaebol-Boss nach dem anderen wegen Korruption oder Veruntreuung ins Gefängnis musste, verstärkt den Unmut über die Konzentration der Macht in den Händen weniger Familien noch. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Selbst der jetzige Präsident Lee, früher Chef von Hyundai Engineering and Construction, versinkt im Affärensumpf. Mehrere Familienmitglieder sind unsauberer Machenschaften angeklagt


Vorbild Deutschland

Auch die Wirtschaftsplaner und selbst die Chaebol sorgen sich seit ihrer Nahtoderfahrung während der Asienkrise 1997, als die Wirtschaft abschmierte und sogar der Chaebol Hyundai auseinanderbrach, dass ihr Land von der finnischen Krankheit infiziert werden könnte: Der Abhängigkeit von wenigen Riesenkonzernen.

In Finnland ist es Nokia, von dem das Wohl und Wehe der Wirtschaft abhängt, in Südkorea Samsung und Hyundai Motor. Samsung produziert rund ein Fünftel des Exports. Denn unter den Chaebol gibt es nichts, was die Konjunktur auffangen könnte, wenn die Großen einmal straucheln.

„Der Mittelstandsbauch mit Betrieben zwischen 50 und 500 Mitarbeitern, den wir in aus Deutschland als tragende Säule der Wirtschaft kennen, ist hier in Südkorea sehr dünn ausgeprägt“, sagt Friedrich Stockinger, Chef des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf in Korea und derzeit Präsident der deutschen Handelskammer in Seoul.

Korea hat zwar etwas mehr als drei Millionen Betriebe. Doch nur einige tausend haben mehr als 100 Mitarbeiter. Und selbst die größeren sind meist als Zulieferer in die Lieferkette der Chaebol eingespannt und verfügen daher über wenig eigene technische Entwicklung und noch weniger internationale Erfahrung.

Das ist zwar wunderbar für deutsche Maschinenbauer, die mit Lieferung hochmodernen Maschinen für die Chaebol und deren Zuarbeiter satte Umsatzzuwächse einfahren. Aber die Mittelstandsdiät sorgt die Planer in Korea. Sie studieren daher Deutschlands „hidden champions“, Mittelständler mit Weltmarktdominanz in einer Nische, sowie das duale Ausbildungssystem aus Berufsschule und Lehre.


Die neue Mittelstandspolitik

Ein extremes Beispiel für die Politik der Mittelstandförderung ist der linke Bürgermeister von Seoul, Park Won-soon. Er hat sich in Deutschland Produktionsgenossenschaften angeschaut, um die Idee in der kapitalistischen Millionenmetropole einzupflanzen. Anfang Dezember begann das Förderprogramm.

„Bislang hat sich die Wirtschaftsförderung auf Chaebol konzentriert“, erklärt Kim Eui-Seung, der als Wirtschaftsplanungsdirektor der Stadt für die Umsatzung von Parks Visionen zuständig ist.

Nun will Park die Graswurzelebene stärken. „Er glaubt, dass die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen zur Verbesserung der Chaebols wie der Gesellschaft beitragen kann“, sagt Kim.

Südkoreas Chaebol warnen zwar über ihr Sprachrohr, den Verband der koreanischen Industrie, davor, die Großkonzerne nach den Wahlen zu gängeln und so Südkoreas internationale Wettbewerbsfähigkeit zu schädigen. Aber auch die Firmenführer erkennen langsam, dass sie dabei sind, sich mit ihrem Erfolg den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, meinen Experten.

„Die Spaltung zwischen den Chaebol und den kleinen Firmen hat in den vergangenen 15 Jahren noch zugenommen“, meint Lim Chong-In, Senior Director des Korea Industrial Complex, der in Seoul den Guro Digital Complex managt, einen Cluster mit 11000 kleinen IT-Firmen. „Falls sich dieser Trend fortsetzt, drohen die kleinen Unternehmen, die die Chaebol unterstützen, zusammenzubrechen.“

Darüber hinaus verstehen sie immer mehr, dass sie in ihrem Vielfrontenkrieg mit den globalen Marken auf der einen und den aufstrebenden Konzernen aus China knowhowstarke Mittelständler als schlagkräftige Mitstreiter gut gebrauchen könnten.


Hoffnungsanker Pangyo Techno Valley

Doch selbst der Aufbau eines gewissen Maßes an Mittelstands wird eine Generation dauern, mutmaßt Lim, der aus leidvoller Erfahrung spricht. Viele der Firmen in seinem Cluster sind Ausgründungen großer Konzerne oder deren abhängige Lieferanten. Denn die Konzerne wollen durch die Verbreitung von Mikrounternehmen Kosten senken. „Wir haben hier vielleicht 60 Hidden Champions“, meint Lim.

Doch auch Lim hegt die Hoffnung, dass es letztlich klappt. Sein Hoffnungsanker ist der Cluster, in dem Chois Firma liegt: das Pangyo Techno Valley, einem Tal 20 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Seoul.

Seit 2001 hat die Regierung hier eine Art staatlich geplantes Silicon Valley aus dem Boden gestampft. Moderne Wohnungen für 80.000 Menschen und riesige Quader aus Glas, Stahl und Beton, eine der größten Fabrikanlagen der Welt für das wichtigste Produkt des Digitalzeitalters: neuen Ideen.

Auf engstem Raum sollen hier kleine Unternehmen wie die Chois gemeinsam mit staatlichen und konzerneigenen Forschungseinrichtungen werkeln und sich gegenseitig befruchten. Der Plan ist, dass aus dem Nebeneinander an Software, Nano-, Bio- und Informationstechnik neue Produkte und möglicherweise Firmen entstehen, die Südkorea auch im Digitalzeitalter in der Weltspitze halten.

Pangyo dürfte zum Erfolg werden, meint ein westlicher Top-Manager: „Das Positive am Verhältnis zwischen den Chaebol und der Regierung ist: Wenn der Präsident etwas sagt, schlagen die Unternehmen die Hacken zusammen."

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