Atom-Verhandlungen: Irans steiniger Weg in die moderne Welt

Atom-Verhandlungen: Irans steiniger Weg in die moderne Welt

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Zwei Sicherheitsbeamtinnen steht vor dem Atomkraftwerk in Buschehr im Iran

von Hans Jakob Ginsburg, Mark Fehr, Jürgen Salz und Florian Zerfaß

Nach dem Abkommen von Lausanne hoffen die Menschen des Landes auf das Ende der Sanktionswirtschaft und auf eine vorsichtige Öffnung gegenüber dem Westen. Auch deutsche Unternehmen sehen große Chancen in dem bisher geächteten Land. Doch noch bereiten sie sich nur in aller Stille auf bessere Zeiten vor – denn ob die politische Entspannung eintritt und von Dauer ist, bleibt ungewiss.

Als wären sie Fußballweltmeister geworden, machten die Teheraner nach dem kaum noch für möglich gehaltenen Durchbruch der internationalen Verhandlungen in Lausanne am 2. April die Nacht zum Tage. Sie feierten den Erfolg eines Regimes, das vor knapp sechs Jahren die nächtlichen Demonstrationen genau solcher Menschen zusammenschießen ließ, wie man sie jetzt beim Autokorso jubeln sah: junge Leute, für iranische Verhältnisse eher teuer und eher unreligiös gekleidet, viel eher Freunde des Westens als der Scharia.

Ihre Begeisterung galt dem großen außenpolitischen Erfolg ihrer eigentlich ungeliebten Regierung: Der Iran und seine sechs Kontrahenten – die fünf UN-Vetomächte plus Deutschland – hatten sich soeben in Lausanne nach quälend langen Verhandlungen auf den Abbau der meisten iranischen Atomanlagen und im Gegenzug auf ein Ende der entsprechenden Sanktionen geeinigt. Die jungen Teheraner erhoffen sich davon nicht nur ein möglichst baldiges Ende der vielen materiellen Entbehrungen durch das Sanktionsregime, sondern freuen sich nun auf den Beginn einer Öffnung ihres seit Jahrzehnten isolierten Landes zur modernen Welt.

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Andere Teheraner blieben vorsichtig und nüchtern, allen voran die viel Leid durch staatliche Maßnahmen gewohnten Banker und Devisenhändler. In den Tagen nach der Autokorso-Nacht blieb der in den vergangenen Jahren scharf abgesunkene Wechselkurs der Landeswährung, wo er schon seit Monaten ist: Für einen Dollar müssen Iraner um die 28.000 Rial zahlen – vor drei Jahren, als die Sanktionen der Staatengemeinschaft einsetzten, waren es rund 10.000 gewesen.

Iraner feiern das Abkommen von Lausanne Quelle: dpa

Iraner feiern das Abkommen von Lausanne.

Bild: dpa

Schwieriges Land

„Unser Devisenmarkt ist nicht abhängig von den Nukleargesprächen“, erklärt der Börsenhändler Bahaeddin Hosseini Haschemi. Wichtiger seien der sinkende Ölpreis, das darum wachsende staatliche Defizit und die drohende Beschleunigung der Inflationsrate, die jetzt schon um die 20 Prozent im Jahr liegt.

Noch ist der Iran ein schwieriges Land. Jahrzehntelange Misswirtschaft, jahrelange Sanktionen und der seit Monaten andauernde Ölpreisverfall haben ihre Spuren hinterlassen. Die Weltbank hat für dieses Jahr ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von knapp 5300 Dollar pro Kopf der 78 Millionen Iraner prognostiziert. Das steht aber infrage, solange sich der Ölpreis an den Weltmärkten nicht erholt. Annähernd die Hälfte der iranischen Exporterlöse kommen aus dem Öl- und Gasgeschäft. China und Indien, aber auch das Nachbarland Türkei haben sich trotz der Sanktionen weiter aus dem Iran beliefern lassen.

Dennoch hat der Iran zuletzt mit seinem Erdöl viel weniger verdient als früher, und an einen dramatischen Wandel glauben die meisten Experten nicht. Man dürfe die technischen Probleme nicht vergessen, schreiben die Fachleute der amerikanischen Wirtschaftsberatungsfirma Raymond James: „Wenn auf einem Ölfeld die Arbeit eingestellt worden ist, geht keine Produktionsaufnahme einfach dadurch, dass man den Hahn wieder aufdreht.“ Erst Ende 2016 dürfte der Iran seine Fördermenge um eine halbe Million Barrel pro Tag erhöhen, erwarten die amerikanischen Analysten – und selbst dann wäre der Wert vor Beginn der Sanktionen nicht erreicht.

Deutscher Handel mit dem Iran

Deutscher Handel mit dem Iran. (Für eine vergrößerte Ansicht bitte klicken).

Formeller Vertrag?

Das alles setzt aber voraus, dass aus dem provisorischen Abkommen von Lausanne bis zum vereinbarten Termin am 30. Juni ein formeller Vertrag wird, der die Sanktionen gegen den Iran aufhebt und das Land wirklich in die internationale Staaten- und Wirtschaftsgemeinschaft zurückholt. Klar ist das überhaupt nicht: In Washington muss Präsident Barack Obama den erheblichen Widerstand der oppositionellen Parlamentsmehrheit überwinden, und genauso könnte das Abkommen noch an den Hardlinern innerhalb des Teheraner Regimes scheitern.

Der Revolutionsführer Ali Khamenei hat sich bislang nicht festgelegt, aber öffentlich bezweifelt, ob es zu einem Vertrag oder auch nur zu weiteren Verhandlungen kommen werde. Und selbst der im Westen als pragmatischer Reformer geschätzte Präsident Hassan Rohani laviert vorsichtig zwischen den innenpolitischen Fronten. Der Iran werde einem Vertrag nur zustimmen, hat er offiziell verkündet, wenn sämtliche Sanktionen „noch am selben Tag“ aufgehoben würden. Das ist in Lausanne so nicht festgelegt worden, und eher skeptische amerikanische und europäische Politiker legen Wert darauf, dass die UN, die EU und die einzelnen westlichen Staaten ihre verschiedenen Sanktionen nur Schritt für Schritt aufgeben, im Gleichschritt mit dem Abbau oder der Verkleinerung der einzelnen iranischen Nuklearanlagen – und ihrer Verifizierung durch internationale Kontrollorgane.

Produktion und Eigenverbrauch von Rohöl im Iran

Produktion und Eigenverbrauch von Rohöl im Iran. (Für eine vergrößerte Ansicht bitte klicken).

An solchen Fragen kann alles noch scheitern, wenn es am guten Willen mangelt. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif, Vorkämpfer einer vorsichtigen Westöffnung seines Landes, suchte drei Tage nach der Übereinkunft von Lausanne die stärkste Bastion der Antiwestler im Teheraner Herrschaftssystem zu beruhigen. Das sind die Abgeordneten des Parlaments, von denen viele dem auf Krawall gebürsteten früheren Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad hinterhertrauern. Gemeinsam mit Ali Akbar Salehi, dem Direktor der Atomenergiebehörde, trat er in geschlossener Sitzung vor die Abgeordneten und eröffnete ihnen, zeitgleich mit dem Inkrafttreten eines internationalen Abkommens werde man in Natanz das Urangas in Zentrifugen eines neuen und modernen Typs namens IR8 verarbeiten.

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