Atomkatastrophe: Frankreich fürchtet um seine Atomexporte

Atomkatastrophe: Frankreich fürchtet um seine Atomexporte

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Frankreichs ältester Atommeiler: das Kernkraftwerk Fessenheim im Elsass

von Gerhard Bläske

Die französische Regierung versucht die Folgen der Atomkatastrophe in Japan herunterzuspielen. Doch inoffiziell herrscht helle Aufregung. Man fürchtet vor allen Dingen negative Rückwirkungen auf den Exportschlager Atomenergie.

Offiziell heißt es in Paris, man wolle die „nötigen Lehren aus dem Unfall ziehen“. Nach Ansicht von Industrieminister Eric Besson handelt es sich um einen „schweren Unfall, aber um keine nukleare Katastrophe“. Doch die französische Presse zitiert einen Berater von Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der von „einem Drama für Frankreich und seine Nuklearindustrie“ spricht.

 Das betrifft weniger die eigene Stromproduktion, die zu 80 Prozent aus den 58 Atomanlagen des Landes stammt, die allesamt von dem staatlich dominierten EDF-Konzern betrieben werden. Die Bemerkung bezieht sich eher auf die Exportaussichten der Branche. Schon hat die Schweiz ihr Atomprogramm suspendiert.

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 Die französische Atomindustrie unter Führung des Energieriesen EDF und des Reaktorbauers Areva ist weltweit führend. Sarkozy hat die beiden mehrheitlich staatlich kontrollierten Unternehmen zu einer stärkeren Kooperation beim Export verpflichtet. Sie sollen so ihre Stärken bündeln. Areva baut derzeit den mit Siemens entwickelten Druckwasser-Reaktor EPR – das leistungsstärkere Atomkraftwerk der dritten Generation – in Finnland, China und Frankreich. Angeblich soll es auch Flugzeugabstürze aushalten, doch Sicherheitsbehörden in mehreren Ländern haben Nachbesserungen am EPR gefordert. Auf Wunsch des Präsidenten sollen EDF und Areva bei der Weiterentwicklung der Atomindustrie auch mit Partnern aus China zusammenarbeiten. Außerdem hat Areva mit dem japanischen Mitsubishi-Konzern den Atmea-Reaktor entwickelt – ebenfalls ein Atomkraftwerk der dritten Generation, das aber weniger leistungsstark als der EPR ist.

Französische Nuklearkraftwerke sind die zweitältesten weltweit

 Die französischen Unternehmen haben Milliardenbeträge investiert, um neue Atomanlagen in den USA, in Großbritannien, Italien, Indien, China, aber auch in politisch und geologisch instabilen Ländern wie Südafrika, Vietnam oder Ägypten zu errichten. Dass die Export-Ambitionen nun einen schweren Dämpfer bekommen könnten, spiegelte sich am Montag auch in der Entwicklung der Aktienkurse der Unternehme wider: EDF schlossen am Montag mit einem Minus von 5,28 Prozent bei 28,96 Euro, Areva brachen um  9,61 Prozent auf 31,50  Euro ein und die teilstaatliche GDF Suez, die mehrere Anlagen in Belgien betreibt und Ambitionen in Südamerika, im Mittleren Osten und in Asien hat, schloss mit einem Minus von  1,1 Prozent bei  26,94  Euro.

 Die Atomkraftwerke der dritten Generation sollen allmählich auch in Frankreich die alten Anlagen aus den 70er und 80er Jahren ersetzen. Denn nach den USA sind die französischen Nuklearkraftwerke die zweitältesten weltweit.

 Frankreich hat nach der Ölkrise 1973 massiv auf den Ausbau der Atomindustrie gesetzt. Dabei unterstützte der Staat die Unternehmen nach Kräften mit Forschungsbeihilfen und vielen anderen Maßnahmen. Bis heute gibt es, abgesehen von den Ökologen, die nun eine Volksabstimmung über die Zukunft der Atomindustrie fordern, einen weitgehenden Energiekonsens im Land. Die Laufzeit der alten Anlagen ist kürzlich auf 40 Jahre verlängert werden. Die Branche verfügt über eine starke Lobby im Land und dass Paris sich so stark für die Entwicklung der Elektroautos einsetzt, hat auch damit zu tun, dass die Energiekonzerne mit ihren Atomkapazitäten davon stark profitieren würden.

 Dennoch kommt es immer wieder zu Enpässen, vor allem bei Nachfragespitzen im Winter oder wenn es bei sommerlichen Hitzewellen zu Problemen mit dem Kühlwasser kommt und Strom etwa aus Deutschland importiert werden muss.

 Nach Ansicht von Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet sind die französischen Anlagen gut vorbereitet auf mögliche Naturkatastrophen. Mehrere Anlagen, etwa im Rhone-Tal, in der Region Rhone-Alpes, aber auch im Elsaß liegen jedoch in erdbebengefährdeten Gebieten. Vor allem der Standort Fessenheim, nahe der deutschen Grenze, wirft immer wieder Fragen auf, weil die Anlage auf einer Technologie der 70er Jahre beruht. Sie wird derzeit überholt. Eine Entscheidung über ihre Zukunft soll laut Kosciuso-Morizet demnächst getroffen werden. 2009 gab es mehr als 700, meist kleinere, Vorfälle im Land. Trotz Fortschritten bei der Informationspolitik wird die Öffentlichkeit oft nicht ausreichend oder erst spät informiert. Das galt vor allem nach der Tschernobyl-Katastrophe. Damals wurde lange bestritten, dass überhaupt Strahlung nach Frankreich gelangt war. Auch dass 1999 der Kühlprozess einer Anlage bei Bordeaux in Südwestfrankreich infolge einer Überschwemmung kurz vor einer Kernschmelze stand, wurde erst spät bekannt. Trotz des klaren Bekenntnisses zur Atomkraft ist die Frage der Endlagerung bisher nicht geklärt. Es gibt lediglich einen Erprobungsstollen in Lothringen.

 Dass die jüngste Entwicklung einen Rückschlag für Frankreichs Nuklearbranche bedeuten wird, ist weitgehend unumstritten. Per Lekander, Analyst bei UBS glaubt, dass die französischen Ambitionen zurückgeworfen werden und nach der Schweiz auch in anderen Ländern mit Moratorien oder gar dem Verzicht auf Projekte gerechnet werden muss.

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