Auftritt in Brüssel: Der Rausch des Karl-Theodor zu Guttenberg

Auftritt in Brüssel: Der Rausch des Karl-Theodor zu Guttenberg

, aktualisiert 12. Dezember 2011, 15:22 Uhr
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Karl-Theodor zu Guttenberg.

von Thomas LudwigQuelle:Handelsblatt Online

Ein erster Comeback-Versuch ist gescheitert, aber Karl-Theodor zu Guttenberg kann nicht anders: Wie sein heutiger Auftritt in Brüssel zeigt, braucht er die Bühne wie die Luft zum Atmen. Das Psychogramm eines Süchtigen.

BrüsselEs muss etwas mit Sucht zu tun haben. Ohne die öffentliche Bühne kann Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg offenbar nicht leben. Anders ist es kaum zu erklären, dass er an diesem Montag das Scheinwerferlicht im Brüsseler Berlaymont-Gebäude sucht, dem Sitz der EU-Kommission.

Um das Internet soll es gehen, und darum, welche Dynamik es entwickeln kann, wenn viele Menschen über einen unzensierten Zugang verfügen. Die Kommissarin für Digitale Angelegenheiten, Neelie Kroes, hat sich den Freiherrn an die Seite geholt, um mit ihm für die Freiheit des Internets in autoritären Staaten zu kämpfen. Guttenberg ist im Auftrag der amerikanischen Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS), in deren Diensten er seit einigen Monaten steht, in Brüssel.

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Kroes betont, dass sie Guttenberg eingeladen habe, damit er die Kommission berät. Und sie hat ihn schon im Sommer gefragt, als Plagiatsaffäre und Rücktritt erst wenige Monate vorbei waren. „Wir brauchen keine Heiligen, wir brauchen Talente die uns unterstützen“, sagt die Kommissrain. „Dafür ist er der Richtige.“

Davon ist auch Karl-Theodor zu Guttenberg überzeugt. „Ich habe selber die Erfahrung mit der Macht des Internets gemacht und erlebt, welche Kraft sich darin entfalten kann“, sagt er. Die Kraft, die Guttenberg zu Fall brachte, will die Kommission künftig nutzen, um  Netzaktivisten, Blogger und sonstige zivilgesellschaftliche Akteure in autoritären Staaten zu unterstützen.

Doch um das Anliegen der Kommission geht es an diesem Morgen nur am Rande. Schnell gilt das Interesse der Medienschar nur dem prominenten Gast aus Deutschland. Nein, er werde in den nächsten Monaten nicht nach Deutschland zurückkehren, sagt Guttenberg. „Ich habe meinen Lebensmittelpunkt in den USA.“


Die Vertreibung aus dem Paradies

Er lässt es sich nicht anmerken, aber er muss sie genießen, diese Aufmerksamkeit. Sucht ist das Verlangen nach einem herausragenden Erlebniszustand, sagen Psychologen. Rausch heißt das in der Umgangssprache. Ein Leben wie im Rausch hat Guttenberg in den vergangenen Jahren geführt. Sein politischer Aufstieg:  kometengleich, immer auf der Überholspur.  Als Heilsbringer, als  Messias der politischen Klasse, feierte ihn seine Partei, die CSU. Und nicht nur die Bayern waren begeistert. Auch die Christdemokraten applaudierten. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte den millionenschweren Adeligen zum Wirtschaftsminister. Schließlich krempelte er als Verteidigungsminister die Bundeswehr um.

Was dann kam, glich der Vertreibung aus dem Paradies. Weil es Guttenberg bei seiner Doktorarbeit mit dem Zitieren nicht so genau nahm, war es um die wissenschaftlichen Würden alsbald geschehen. Im März dieses Jahres stürzte der damalige Vorzeigepolitiker über die „Copy-and-Paste“-Affäre. Internet-Aktivisten hatten massenweise abgeschriebene Passagen seiner Doktorarbeit aufgedeckt.

Der Freiherr freilich fand das gar nicht komisch. Vielmehr sah er sich als ein von der Internet-Community Gehetzter an den Pranger gestellt. Zu Unrecht natürlich. Denn edel ist dieser Mensch, einfach edel und gut. Es war doch keine Absicht im Schummelspiel. Wenn er hätte betrügen wollen, betont er bis heute, hätte er sich doch nicht so dumm angestellt. Dazu ist er doch viel zu clever. Und nun das.

Ausgerechnet für die Freiheit des Internets macht sich Guttenberg in Brüssel stark. Mancher in seiner Partei schüttelt darüber den Kopf: „Das ist ein bisschen widersprüchlich“, kommentiert Europaparlamentarier Werner Langen. Zuerst wehre er sich mit Gewalt gegen die Untersuchung seiner Arbeit, dann mache er sich selbst zum Vertreter für ein freies Internet. Für Langen hat das ein Geschmäckle. „Guttenberg versucht mit Gewalt in die Medien zu kommen“, sagt der Parteifreund.


Die zerstörerische Kraft der Sucht

Der Mann kann nicht anders. Denn auch das ist ein Kennzeichen von Sucht. Dem Verlangen nach Rausch ordnet ein Mensch bisweilen die Kräfte des Verstands unter – gezwungenermaßen sozusagen.

Nachdem Guttenberg vor ein paar Monaten mit seiner Familie in die USA geflohen war, tourt er nun durch Europa. Deutschlands Bürger ließ er via Buch und Interview in der Wochenzeitung „Die Zeit“ wissen, dass er ein Chaot ist – zumindest, was die Arbeit an seiner Doktorarbeit anging. Da habe er geschludert, sei schlicht überfordert gewesen, zu vieles habe er gleichzeitig gemacht: Mandat, Familie, Wissenschaft. Das geht kaum nebeneinander. Als Verteidigungsminister hat er sich dadurch zweifelsfrei disqualifiziert. Denn, Hand aufs Herz, wer will schon einen Verteidigungsminister, der in Extremsituationen den Überblick verliert.

Nun ordnet Guttenberg sein Leben  neu. Und dass es ihn wieder nach Deutschland, in die deutsche Politik ziehen könnte, hat er definitiv nicht ausgeschlossen. Die Rehabilitationsmaschinerie läuft auf Hochtouren. In Berlin aufzuschlagen, dafür ist es allerdings noch ein bisschen früh. Brüssel gewährt den nötigen Sicherheitsabstand. Und wer weiß, vielleicht zieht es Guttenberg ja eines Tages ins europäische Parlament. So mancher Politiker, den man daheim vom Hof gejagt hat, hat hier eine neue Heimat gefunden.

Hinter vorgehaltener Hand allerdings befürchten viele in Brüssel, dass Guttenberg dem Anliegen der Kommission einen Bärendienst erweisen könnte. Darauf angesprochen gibt sich der CSU-Politiker selbstbewusst: „Der Sache tut es gut, wenn man mit Inhalten überzeugen kann“, sagt Guttenberg. „Und das werde ich tun.“

Übrigens, das Gesundheitsministerium warnt: Sucht kann die Entfaltung einer Persönlichkeit beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall zerstört sie die sozialen Bindungen eines Menschen.

Es scheint, als müssten wir uns um Karl-Theodor zu Guttenberg Sorgen machen...

Quelle:  Handelsblatt Online
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