kolumneAus der weiten Welt: Brasilien erlebt eine Zwischenflaute

09. Februar 2013
Eine Verkäuferin in Rio de Janeiro: Die brasilianische Konsumenten gehören zu den optimistischsten weltweit. Quelle: REUTERSBild vergrößern
Eine Verkäuferin in Rio de Janeiro: Die brasilianische Konsumenten gehören zu den optimistischsten weltweit.Quelle: REUTERS
Kolumne von Klaus Methfessel

Als Brasiliens Wirtschaft Anfang des Jahrtausends Wachstumsraten von sechs Prozent und mehr erzielte, wurde es von Goldman Sachs zu einem der vier wichtigsten Wachstumsmärkte hochgejazzt. Doch 2012 brach das Wachstum ein - Zeit für eine realistischere Bewertung.

Die Brasilianer gehören zu den glücklichsten Menschen auf der Erde. Im Consumer Survey der Credit Suisse, einer Untersuchung über das Kaufverhalten in den acht größten Schwellenländern der Welt, schneiden die brasilianischen Konsumenten sogar als die optimistischsten ab. In einer Umfrage äußerten 68 Prozent der Brasilianer die Erwartung, dass sich ihre persönliche finanzielle Lage in den nächsten sechs Monaten verbessert – internationale ein Spitzenwert.

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Dabei läuft Brasiliens Wirtschaft derzeit gar nicht so gut, wie die Stimmung im Land verheißt. An den eigenen Ansprüchen gemessen war 2012 sogar ein katastrophales Jahr. Anstatt um vier Prozent, wie von der Regierung zu Jahresbeginn verheißen, wuchs die sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde real nur um kümmerliche 1,1 Prozent, schätzen die Ökonomen der HSBC. Pro Kopf und auf Dollarbasis stagnierte die Wirtschaftsleistung sogar

Brasilien: Ein schwächelnder Koloss

 

2010

2011

2012

2013

BIP (real)

7,5

2,7

1,1

3,0

Industrieproduktion

10,4

0,3

-2,4

5,3

Reale Veränderung von Wirtschaft und Industrie in Prozent

„Walker“, nicht „Runner“ 

Es überrascht deshalb nicht, dass die Ökonomen der HSBC Bank in einer Untersuchung über die lateinamerikanischen Volkswirtschaften Brasilien zusammen mit Argentinien, Uruguay und Venezuela unter die langsamen „atlantischen Spaziergänger (Walker)“ mit niedrigem Wachstum einordnen, denen die „schnellen Läufer (Runner) von der Pazifikküste“ – das sind Chile, Kolumbien, Mexiko, Panama und Peru – davonzueilen drohen.

So schnell kann es gehen. Vor wenigen Jahren noch wurde Brasilien zusammen mit China, Indien und Russland als einer der vier wichtigsten Wachstumsmärkte der Welt gefeiert. Die Investmentbank Goldman Sachs kreierte das Akronym BRIC für diese Länder und prophezeite ihnen jährliche Zuwachsraten zwischen fünf und zehn Prozent. Die Banken lockten die Geldanleger mit dem Versprechen auf satte Renditen in Bric-Fonds.

Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt – weil sich, abgesehen von China, nicht nur Brasilien, sondern auch Indien und Russland nicht so rasch entwickeln wie von den Bric-Propheten verkündet. Doch statt einzugestehen, dass das Bric-Konzept überzogen war, begaben sich die Investmentbanker lieber auf die Suche nach neuen Eldorados, die sie den Geldanlegern als verheißungsvolle Investitionsziele preisen konnten. 

Goldman Sachs naive Verheißungen

Bei Goldman Sachs heißen sie nun Next Eleven – diesen Namen gaben die Investmentbanker einer Gruppe von elf Ländern, die aufgrund ihrer hoher Bevölkerungszahl angeblich ähnlich positive Aussichten wie die Bric-Länder versprechen. Doch wie fragwürdig dieses Konzept ist, zeigt schon ein Blick auf die ausgewählten Elf. So packt Goldman Sachs naiv  alle möglichen Länder unterschiedslos in einen Topf: Das entwickelte Südkorea genauso wie die politisch relativ stabilen Schwellenländer Indonesien, die Türkei und die Philippinen, aber auch den nach der Atombombe gierenden Mullah-Staat Iran und das von Terror und Anarchie bedrohte Pakistan.

Anstatt pauschal Ländergruppen hochzujubeln oder zu verdammen, ist es deshalb an der Zeit, die Wachstumsaussichten der einzelnen Länder realistisch einzuschätzen. Denn so unsinnig es war, den Rohstoffriesen Brasilien auf eine Stufe mit der Weltfabrik China zu stellen, so falsch wäre es jetzt, Brasilien schon nach zwei Jahren Flaute abzuschreiben. Auch wenn das Land nicht so dynamisch wächst wie erhofft, so können deutsche Unternehmen die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt weder beim Export noch bei ihren Auslandsinvestitionen ignorieren.

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Kommentare | 2Alle Kommentare
  • 11.02.2013, 01:10 UhrGottfried

    Offiziell beträgt die Inflation ca. 6% Punkte.
    Real sind es aber ca. 10%
    Ich spüre es beim Rinkauf jeden Tag.
    Grüße aus Brasilien - Gottfried

  • 11.02.2013, 14:19 Uhrralf

    preis.-leistungsverhältnis von brasilien ist schon der hit....viel zu teuer dieses land. die währung real müsste eigentlich 50% abwerten gegen euro und dollar.....schon mal die preise für immobilien (wenn man diese gemäuer so nennen kann)geschaut...megablase

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