Aus der weiten Welt: China in der Demografie-Falle

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Die Ein-Kind-Politik beschert China einen Demografie-Wandel

Kolumne von Klaus Methfessel

Der lange China-Boom hat seine besten Zeiten hinter sich. Denn vom nächsten Jahr an wird Chinas Arbeitskräftepotenzial dramatisch schrumpfen und das Wirtschaftswachstum dämpfen – selbst wenn die KP von der autoritären Ein-Kind-Politik abrückt.

Für Paare, die in China ein zweites Kind bekommen, wird es teuer, sofern sie sich nicht dem staatlichen Druck zur Abtreibung beugen. Die Höhe der Strafe kann durchaus 30.000 Yuan (3.800 Euro) betragen, wie Betroffene berichten – das ist ungefähr so viel wie ein Jahreseinkommen in den Städten. Und sollten Eltern auf die Idee kommen, den Behörden die Schwangerschaft zu verheimlichen und das Kind heimlich aufziehen, um der Strafe zu entgehen, muss es mit gravierenden Nachteilen rechnen. Denn wenn es nicht in das kommunale Hokou-Melderegister eingetragen wird, hat das Kind später kein Anrecht auf den Besuch einer Schule oder einen Arbeitsplatz in dieser Stadt.

Die Folgen der Ein-Kind-Politik: 400 Millionen verhinderte Chinesen

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Zwar gibt es Ausnahmen von der strikten Ein-Kind-Politik. Angehörige ethnischer Minoritäten etwa können mehrere Kinder bekommen; auf dem Land Lebende dürfen einem zweites Kind haben, wenn das erste Kind ein Mädchen ist; und seit einigen Jahren dürfen in vielen Provinzen auch Paare, die aus einer Ein-Kind-Familie stammen, ein zweites Kind haben. Die 1979 eingeleitete und mit drakonischen Maßnahmen praktizierte Ein-Kind-Politik hat den Anstieg des chinesischen Bevölkerungswachstums stark gebremst. Anstatt der 1,35 Milliarden Einwohner würden Schätzungen zufolge in China heute 400 Millionen Menschen mehr leben. Hatte eine Chinesin 1970 im Schnitt noch 5,81 Kinder, ist die Geburtenrate bis heute auf 1,5 bis 1,6 gefallen.

Dadurch konnte China einstreichen, was Ökonomen die „demografische Dividende“ nennen: Während die Anzahl der unter 14-Jährigen seit Ende der Siebzigerjahre um fast ein Drittel auf 260 Millionen zurückging und die Gesellschaft so bei den Kosten für den Nachwuchs entlastete, stieg parallel das Arbeitskräftepotenzial der produktiven 15- bis 64-Jährigen weiter um 400 Millionen Menschen.

Die demografische Dividende läuft aus, der Arbeitskräftepool schrumpft

Nach Berechnungen der Weltbank trug allein dieser demografische Faktor zwischen 1980 und 2000 rund 15 bis 25 Prozent zum jährlichen Wirtschaftswachstum bei. „Chinas Wirtschaftsboom der vergangenen 30 Jahre beruhte auf einem entscheidenden Faktor, einer jungen, produktiven Arbeiterschaft“, urteilen die Wissenschaftler Baochang Gu und Yong Cai in einer Studie für die Vereinten Nationen.Doch diese Entwicklung wird sich jetzt umkehren. Zwar steigt die Bevölkerungszahl Chinas noch bis 2025 weiter auf 1,4 Milliarden. Doch die demografische Dividende läuft nächstes Jahr aus, wenn das Arbeitskräftepotenzial bei einer Milliarde Menschen sein Maximum erreicht und dann jährlich um bis zu zehn Millionen schrumpfen wird. Nach UN-Projektionen wird das Arbeitskräftepotenzial bis 2050 um 220 Millionen und bis 2100 um weitere 240 Millionen schrumpfen.

Keine Gesellschaft alter so schnell wie die chinesische

Schon bald werden die Nachteile der Ein-Kind-Politik offensichtlich werden. Denn kaum eine Gesellschaft altert so schnell wie die chinesische. Während sich in Europa und den USA der Wandel zur alternden Gesellschaft in mehr als hundert Jahren vollzieht, braucht der Prozess in China weniger als 40 Jahre. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der über 64-jährigen Chinesen auf 335 Millionen verdreifachen. Dann kommt ein Rentner auf zwei am Arbeitsmarkt Aktive - heute teilen sich 8,4 Erwerbstätige einen Ruheständler. Wie Deutschland wird auch China nicht darum herumkommen, das Renteneintrittsalter und die Rentenbeiträge anzuheben. Bislang beginnt die Rente für Männer mit 60 und für Frauen mit 50 bis 55 Jahren. Noch weigert sich Peking aber, die Bevölkerung auf unpopuläre Reformen vorzubereiten. Die Alterung belastet nicht nur die Sozialsysteme. Schon jetzt herrscht in manchen Regionen Arbeitskräftemangel. Etwa im Perlflussdelta, der Fabrik der Welt, wo die Unternehmen mit Vorliebe junge Arbeitskräfte, vor allem Wanderarbeiter, beschäftigen. Die sind nicht nur billig, sondern auch, da sie meist nicht verheiratet sind und in Firmenunterkünften wohnen, nach Belieben für Überstundenschichten einsetzbar, wenn es die Auftragslage erfordert.

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