Aus der weiten Welt: Indien – eine verpasste Chance

kolumneAus der weiten Welt: Indien – eine verpasste Chance

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Auf ihm ruhen die indischen Hoffungen: EU-Handelskommissar Karel De Gucht leitet die Gespräche mit dem indischen Handelsminister Anand Sharma

Kolumne von Klaus Methfessel

Die Alarmsignale im Indiengeschäft häufen sich. Doch von schlechten Nachrichten wollte man sich beim Jahrestreffen der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf nicht die Feierstimmung verderben lassen.

Am vergangenen Mittwoch herrschte in der Düsseldorfer Rheinterrasse großer Auftrieb: Die Deutsch-Indische Handelskammer hatte zu ihrem traditionellen Jahrestreffen geladen und einige Hundert Unternehmer, Manager, Berater, Verbandsfunktionäre und Staatsdiener kamen. Nur der Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers sagte kurzfristig ab. Vermisst hat ihn aber niemand.

Naturgemäß steht bei solchen Events das Positive im Vordergrund. An dieser Inszenierung hielten sich die Veranstalter auch in diesem Jahr. Dabei hatte die Handelskammer noch am Vortag das Ergebnis einer alarmierenden Umfrage unter 190 deutschen Unternehmern in Indien veröffentlicht. Danach klagten 39 Prozent der Befragten über eine Verschlechterung des Investitionsklimas und der politischen Rahmenbedingungen. „Politischer Wirrwarr sorgt bei deutschen Unternehmern für Zweifel an der Fortsetzung des Indien-Booms“, interpretierte die Handelskammer zu Recht.

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Chancen für ein Freihandelsabkommen EU/Indien – allenfalls 50 Prozent

Doch von solchen Eintrübungen wollte man sich in Düsseldorf die Feierlaune nicht verderben lassen. Geschäftsführer Bernhard Steinrücke relativierte die eigene Umfrage mit dem Hinweis auf das hohe Ausgangsniveau – das Wirtschaftsklima sei in Indien immer noch gut, nur halt nicht mehr ganz so exzellent wie zuvor.

Ähnlich Problem verdrängend argumentierte auch Indiens neue Botschafterin Sujatha Sing, die vor 34 Jahren in Bonn als zweite Sekretärin ihre Diplomatenlaufbahn begonnen hatte. Sie entzückte das Auditorium nicht nur mit ihren Deutschkenntnissen, sondern auch mit dem Versprechen, dass Indien die versprochenen Reformen schon noch liefern werde. Nur zum Zeitpunkt der Lieferung sagte sie nichts. Man solle Indien nicht mit den Maßstäben deutschen Perfektionismus messen, mahnte sie. Der Reformweg sei zwar holprig, doch die Richtung stimme.

Die aktuellen Probleme im Indiengeschäft, etwa die stockenden Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien oder der Rückzug von Fraport, kamen so nur andeutungsweise oder überhaupt nicht zur Sprache.

Auf die Forderung des neuen deutschen Botschafters in Delhi, Michael Steiner, das Freihandelsabkommen schnell zu verabschieden, ging Botschafterin Sing mit keinem Wort ein. Das war kein diplomatisches Versehen: Schon tags zuvor auf dem India Day in Köln, einer ähnlichen Unternehmerveranstaltung, machte sie nur allgemein in Optimismus und einen Bogen um das Thema.

In Köln hatte der Botschafter der EU in Delhi, Joao Cravinho, über den aktuellen Stand der bereits 2007 (!) begonnenen Verhandlungen berichtet. Ihm zufolge hakt es unter anderem bei Dienstleistungen und dem öffentlichen Beschaffungswesen. Cravinho hofft noch auf einen Durchbruch beim Spitzengespräch zwischen dem indischen Handelsminister Anand Sharma und EU-Handelskommissar Karel De Gucht Ende Juni in Brüssel.

Die Chancen dafür stehen nach Ansicht von Insidern jedoch allenfalls bei 50 Prozent, wenn überhaupt. Denn die Regierungskoalition in Delhi ist paralysiert. Die Kongresspartei sorgt sich nach einigen verheerenden Niederlagen bei Regionalwahlen um ihre Wiederwahl 2014. Sie will es sich im Vorfeld des Wahlkampfes nicht mit wichtigen Wählergruppen wie den Einzelhändlern verderben.

Das beredte Schweigen der indischen Botschafterin zu diesem Thema zeigt, dass das Abkommen für Delhi keine Priorität hat. Sollte bei dem Gespräch in Brüssel keine Einigung zustande kommen, dürfte das Abkommen für längere Zeit auf Eis liegen. Kommissar De Gucht wäre jedenfalls gut beraten, sich nicht auf ein Abkommen einlassen, das wichtige Bereiche ausnimmt, nur damit er nicht mit leeren Händen dasteht.

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