Mist - die neuen Hoffnungsträger
Bild: dapdBrasilien: Die Industrie des Landes hat ihre Kraft verloren
Die sechstgrößte Volkswirtschaft leidet unter der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit vieler Firmen. Wachstumsraten von sieben Prozent – das war einmal.
Gleich zwei schlechte Nachrichten schockten die zuletzt erfolgsverwöhnte brasilianische Wirtschaft. Wie die nationale Statistikbehörde jetzt mitteilte, wuchs die sechstgrößte Volkswirtschaft im vergangenen Jahr nur noch magere 2,7 Prozent, nach 7,5 Prozent im Jahr 2010. Und im Januar ist die Industrie des Landes um 2,1 Prozent geschrumpft gegenüber Dezember – das schlechteste Ergebnis seit der Krise 2008.Die Industrie ist inzwischen der Bremsklotz der brasilianischen Konjunktur. Denn mit dem katastrophalen Jahresstart stagniert sie nun schon seit mehr als zwei Jahren. Hält die Schwäche an – und die Chance für eine kurzfristige Erholung im verbleiben Rest des ersten Vierteljahrs ist eher gering –, dann könnte Brasiliens Industrie erstmals vier Quartale in Folge schrumpfen, befürchtet das Finanzinstitut Banco Itaú. Die Regierung versucht schon seit längerem, mit Steuerbefreiungen für einzelne Branchen (Konsumgüter) und erhöhte Importsteuern (etwa für Pkw) gegenzusteuern.
Bild: AP„Sollte das Wachstum jetzt geringer ausfallen, wird die Regierung alle Instrumente nutzen, um eine Konjunkturabkühlung zu verhindern“, erwartet José Carlos de Faria, Chefökonom der Deutschen Bank in São Paulo. Unterstützung erhält die Konjunktur dadurch, dass derzeit staatliche und private Infrastrukturprojekte für umgerechnet rund 180 Milliarden Euro bis 2014 umgesetzt werden. Und Brasilien verfügt über Spielraum für weitere Stimulierungen. Die Devisenreserven sind hoch, ausländisches Kapital strömt weiter ins Land, und auch die Notenbank kann die Zinsen noch senken. Doch Wachstumsraten von über sieben Prozent wie 2010 sind außer Sichtweite: Nach einer Umfrage der Zentralbank rechnen die führenden Investmentbanken damit, dass Brasilien 2013 rund vier Prozent wachsen wird. Alexander Busch
Bild: picture-alliance/ dpaRussland: Abhängigkeit vom Öl hemmt die Entwicklung
Der größte Flächenstaat hat die Finanzkrise gut überstanden. Doch das schlechte Geschäftsklima und die Rechtsunsicherheit bremsen die Wirtschaft des Landes.Das große Ziel rückt in die Ferne. Sieben Prozent sollte die russische Wirtschaft nach dem Willen Wladimir Putins in den kommenden Jahren wachsen. Doch der Traum des neuen russischen Präsidenten wird sich nicht erfüllen. In diesem Jahr wird sich die Konjunktur merklich abkühlen. Das reale Wachstum wird unter dem Niveau von 2011 liegen, in dem das Plus 4,3 Prozent betrug. Die offizielle Prognose des Wirtschaftsministeriums liegt bei 3,7 Prozent. Der Internationale Währungsfonds rechnet nur noch mit 3,3 Prozent. Verantwortlich dafür ist die schwache Weltkonjunktur; die Schuldenkrise in Europa spürt Russland hingegen wenig.
Bild: dpaZwar hat die russische Wirtschaft die Finanzkrise des Jahres 2008 gut überwunden. Die Erholung sei jedoch nur auf den hohen Ölpreis zurückzuführen, der Wirtschaft mangele es an dauerhafter Kraft, sagt Odd Per Brekk, Leiter des Moskauer IWF-Büros. Um konstant hohe Zuwächse zu erzielen, muss das Land die Wirtschaft modernisieren und diversifizieren. Gleichzeitig muss sich das Geschäftsklima verbessern. Vor allem die Schaffung eines unabhängigen Justizsystems und weniger Interventionen des Staates in die Wirtschaft sind notwendig. Eine weitere wichtige Aufgabe ist der Stopp des Kapitalabflusses. Fast 85 Milliarden Dollar schafften die Russen 2011 außer Landes. Der IWF warnt: Ändert Russland seine Wirtschaftsstrategie nicht, wird das Wachstum auf mittlere Sicht zwischen 3,5 bis vier Prozent liegen. Reformiert die Regierung das Land, könne das jährliche Plus sechs Prozent betragen. Nötig seien dafür Haushaltskürzungen, eine Kontrolle über die Inflation sowie ein besser entwickeltes Finanzsystem, heißt es. Experten hoffen außerdem auf einen weiteren Wachstumsschub mit dem WTO-Beitritt, der für diesen Sommer geplant ist. Damit käme Russland wieder näher an das von Putin ausgegebene Ziel heran. Oliver Bilger
Bild: apIndien: Die Wirtschaft braucht dringend neue Impulse
Mit 6,1 Prozent ist die Wirtschaft des Landes im Schlussquartal 2011 so langsam gewachsen wie seit mehr als zwei Jahren nicht. Die Regierung will gegensteuern.Das Besorgniserregende an den jüngsten Konjunkturdaten ist, dass sich ausgerechnet drei für das Land überaus wichtige Sektoren als Wachstumsbremsen erwiesen: Das produzierende Gewerbe schaffte nur ein Plus von 0,4 Prozent, nach 7,8 Prozent im Vorjahr. In der für Indien immens wichtigen Landwirtschaft sank das Wachstum von elf auf magere 2,7 Prozent, und die Produktion der Minen schrumpfte gar um 3,1 Prozent.
Hinzu kommt die hohe Inflation von zuletzt acht bis zehn Prozent, die der Binnenwirtschaft schadet. Die Notenbank RBI hat mit einer Erhöhung des Leitzinses auf inzwischen 8,5 Prozent gegengesteuert, damit aber die wirtschaftliche Dynamik gebremst. Ökonomen erwarten deshalb, dass die RBI bei ihrer nächsten Sitzung am 15. März den Leitzins zum ersten Mal seit März 2010 wieder senken könnte.
Bild: dpaMit anderen Stimuli tut sich die Regierung schwer. Sowohl die weitere Liberalisierung der Wirtschaft als auch höhere Subventionen erscheinen politisch kaum durchsetzbar. So zog Premier Manmohan Singh den Plan, größere Investitionen ausländischer Einzelhändler zu erlauben, nach landesweiten Streiks binnen weniger Tage wieder zurück. Auch bei den Subventionen steht die Regierung unter Druck. Eine schwache Rupie, hohe Ölpreise und die ausufernde Agrarförderung dürften das Defizit im aktuellen Haushalt von geplanten 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 5,5 Prozent treiben.
Um die Wirtschaft zu stimulieren, will die Regierung nun die großen Staatsbetriebe bewegen, Teile ihrer Cash-Reserven aufzulösen und im Land zu investieren. Rund 35 Millionen US-Dollar sollen so zusammenkommen. Auf mittlere Sicht dürften Regierung und Zentralbank zudem versuchen, die Rupie aufzuwerten, damit Unternehmen im Ausland billiger Energie und Maschinen einkaufen können. Stefan Mauer
Bild: dpaChina: Mehr qualitatives Wachstum wäre besser
Das Turbo-Wachstum der vergangenen Jahre hat zu verheerenden Umweltschäden geführt. Weniger Wachstum ist deshalb das Gebot der Stunde.Chinas Kommunistische Partei plant gern von langer Hand. Schon in den 1990er-Jahren hatte die Partei die Devise ausgegeben, im neuen Jahrtausend die Wachstumsraten zu senken, damit Qualität Vorrang vor Quantität habe. Das gelang zwar in den Jahren 2006 bis 2011 nicht, statt der erstrebten 7,5 Prozent gab es ein Plus von zehn Prozent. Doch derzeit scheint das Wachstum wie geplant zu sinken.
Der aktuelle Wachstums-Zielwert für die Zeit bis 2015 beträgt sieben Prozent, 2012 sollen es 7,5 Prozent sein. „Wir passen derzeit unsere Wirtschaftsstruktur an“, gab Regierungschef Wen Jiabao jüngst zu Protokoll. Tatsächlich zeigen aktuelle Daten, dass Chinas Exporte zurückgehen und gleichzeitig die Importe stark steigen.
Bild: dpaDie Wende von quantitativem zu qualitativem Wachstum in China ist überfällig. Denn nach Jahrzehnten des stürmischen Turbo-Wachstums sind die Flüsse und die Luft vergiftet, die Wälder abgeholzt. Und die Einkommensschere klafft in der Volksrepublik heute schon so weit auseinander wie in den USA, der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt ist brutal. In dieser Situation das Bruttoinlandsprodukt Jahr für Jahr um zehn Prozent zu erhöhen wäre schlicht unseriös, urteilt der Finanzwissenschaftler Yi Xianrong von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS). „Ein niedrigeres Wachstumsziel ist gesünder. Die exzessive Nutzung aller Ressourcen muss ein Ende haben.“
Chinas Führung und die CASS-Ökonomen stimmen überein, dass derzeit die Förderung des privaten Konsums besonders wichtig ist. Deutsche Unternehmen können davon nur profitieren. Denn mit der regierungsamtlichen Förderung des Binnenkonsums bleibt der Absatzmarkt China höchst attraktiv. Finn Mayer-Kuckuk
Bild: dpaDie zweite Reihe der Entwicklungsländer
Während das Wachstum in den BRIC-Staaten nachlässt, rückt die zweite Reihe der Schwellenländer ins Blickfeld. Schon jetzt tragen die Schwellenländer außerhalb der BRIC gut ein Viertel zum globalen Wachstum bei – 2050 werden es nach Schätzung der Investmentbank Goldman Sachs 40 Prozent sein.
In Asien arbeiten sich nach dem Muster, das Japan und Korea geprägt haben, immer mehr Staaten die Wertschöpfungskette hoch. Indonesien, nach Bevölkerungszahl das viertgrößte Land, wuchs zuletzt um mehr als sechs Prozent und wird nach Einschätzung von Goldman Sachs auch die nächsten zwei Jahrzehnte um mehr als fünf Prozent im Jahr zulegen. Ähnlich robust zeigt sich die Entwicklung etwa in Vietnam. Zu den „Next Eleven“ mit langfristig guten Aussichten zählt die US-Investmentbank in Asien auch noch die Philippinen, Pakistan und Bangladesch.
Bild: dapdAuch bevölkerungsreiche Länder in Nahost wie Ägypten und Iran zählt Goldman Sachs zu dieser Gruppe, doch hier ist die politische Instabilität ein belastender Faktor. Das gilt auch für Nigeria, dem die Bankvolkswirte unter den „Next Eleven“ auf Jahrzehnte hinaus Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent zutrauen. Für Enttäuschung sorgt dagegen Südafrika, wo sich die Wachstumsrate auch wegen verschlechterter politischer Rahmenbedingungen auf drei Prozent verringert hat. Das ist zu wenig, um die Arbeitslosigkeit in einer stark wachsenden Bevölkerung zu senken.
Einen tiefen Absturz hat derzeit die Türkei zu verkraften, die sich am Südostrand Europas zu einer regionalen Wirtschaftsmacht emporgearbeitet hat. Hier war das Bruttoinlandsprodukt zwei Jahre in Folge um mehr als acht Prozent gewachsen, bevor es im vergangenen Jahr auf weniger als drei Prozent abstürzte. Ökonomen fürchten, dass auf einen hitzigen Boom mit hohen Inflationsraten eine harte Landung folgt. Die Nähe zur Euro-Zone, die viele Jahre für die dynamische türkische Wirtschaft ein Vorteil war, erwies sich zuletzt als Belastung. Dirk Heilmann
Brasilien: Die Industrie des Landes hat ihre Kraft verloren
Die sechstgrößte Volkswirtschaft leidet unter der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit vieler Firmen. Wachstumsraten von sieben Prozent – das war einmal.
Gleich zwei schlechte Nachrichten schockten die zuletzt erfolgsverwöhnte brasilianische Wirtschaft. Wie die nationale Statistikbehörde jetzt mitteilte, wuchs die sechstgrößte Volkswirtschaft im vergangenen Jahr nur noch magere 2,7 Prozent, nach 7,5 Prozent im Jahr 2010. Und im Januar ist die Industrie des Landes um 2,1 Prozent geschrumpft gegenüber Dezember – das schlechteste Ergebnis seit der Krise 2008.
Die Industrie ist inzwischen der Bremsklotz der brasilianischen Konjunktur. Denn mit dem katastrophalen Jahresstart stagniert sie nun schon seit mehr als zwei Jahren. Hält die Schwäche an – und die Chance für eine kurzfristige Erholung im verbleiben Rest des ersten Vierteljahrs ist eher gering –, dann könnte Brasiliens Industrie erstmals vier Quartale in Folge schrumpfen, befürchtet das Finanzinstitut Banco Itaú. Die Regierung versucht schon seit längerem, mit Steuerbefreiungen für einzelne Branchen (Konsumgüter) und erhöhte Importsteuern (etwa für Pkw) gegenzusteuern.
Doch Jim O’Neill trauert nicht lange angesichts der Schwäche seiner Altstars. Er zaubert vier neue aus dem Hut mit dem schönen Akronym MIST: Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei (alle übrigens auch bei den G20 dabei) sind seine neuen Hoffnungsträger. Die vier machen allein drei Viertel des Next-11 Fonds von Goldman Sachs aus, dessen Wert in diesem Jahr mit 12 Prozent ungefähr viermal so schnell wuchs der Bric-Fonds der Goldmänner.
Aber die Mist-Länderriege leidet unter dem gleichen Nachteil wie die Bric-Gruppe: Sie ist sehr heterogen zusammengesetzt, vom rohstoffreichen Indonesien bis hin zu dem Exportwunder Südkorea, das beim IWF unter den neuindustrialisierten Ländern Asiens geführt wird und längst den Kinderschuhen der Schwellenländern entwachsen ist.
Schon allein angesichts eines Bruttoinlandsprodukts pro Kopf in Höhe von 23 700 Dollar kann dieses Land naturgemäß nicht mehr so schnell wachsen wie Indien, dessen BIP pro Kopf nur ein Sechzehntel so hoch ist. Doch mit solchen strukturellen Merkmalen hält sich O’Neill nicht auf. Dabei lohnt es sich meiner Ansicht nach, die Bric- und Mist-Länder einmal in Bezug auf ihre Risikoanfälligkeit und ihre Wachstumschancen zu vergleichen.
Risiko autoritäre Systeme…
Langfristig gesehen, das zeigt ein Blick in die Geschichte, dürfte politische Instabilität das größte Risiko sein. Allerdings ist sie auch am schwersten vorhersagbar. Umbrüche und Revolutionen wie zuletzt das Beispiel der arabischen Länder, aber auch das Ende des Ostblocks, kommen meist unvorhergesehen und überraschend. Von solchen Entwicklungen dürften, in unterschiedlichen Ausmaß, vor allem China, Russland, Indien und Südkorea betroffen sein, während Brasilien, Mexiko, Indonesien und die Türkei weniger gefährdet erscheinen.
Am anfälligsten für politische Risiken ist China. Viel wichtiger als die Frage, ob China jetzt eine konjunkturell sanfte Landung hinbekommt, dürfte es nämlich sein, ob das Land einen graduellen Übergang von der KP-Diktatur zu demokratischen gesellschaftlichen Strukturen findet. Wenn nicht, drohen früher oder später Eruptionen. Denn auch wenn autoritäre Länder zeitweilig wirtschaftlich erfolgreicher sein und eine gewisse Zeit lang ihre Bevölkerung dadurch kalmieren können, langfristig ist ein Wohlstand ohne mehr Partizipation undenkbar.
















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Alle Kommentare lesen28.08.2012, 16:22 UhrAnonymer Benutzer:cynic
mist, cynical german humor?