Aus der weiten Welt: Weniger Kinder - weniger Gewalt?

kolumneAus der weiten Welt: Weniger Kinder - weniger Gewalt?

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In vielen islamistischen Ländern ist der Anteil junger Leute sehr hoch. Das könnte ein Grund für die hohe Bereitschaft für Terrorismus und Proteste sein

Kolumne von Klaus Methfessel

Islamischer Terrorismus, aber auch die jüngsten politischen Umbrüche in Arabien haben viel mit dem hohen Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung zu tun. Nun fallen die Geburtenraten in einigen islamischen Ländern stark. Ein Indiz dafür, wo weiterhin Unruhe und Gewalt programmiert sind und wo sich die Lage bessert?

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, warum gerade der Europa vorgelagerte islamische Gürtel mit dem Nahen Osten als Kern politisch nicht zur Ruhe kommt und es gerade hier so viele Kriege gab? Warum Afghanistan zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban immer noch nicht befriedet ist, Pakistan ins Chaos zu kippen droht, Al-Kaida im Jemen und in der Sahara Stützpunkte hat, Somalia zu einem Piratennest verkommen ist, Syrien im Bürgerkrieg versinkt, aber auch warum nach Jahrzehnten scheinbarer Ruhe auf einmal der Arabische Frühling Diktatoren von Tunesien bis Ägypten stürzte? 

Dafür gibt es eine ganze Menge Gründe, von strategischen bis hin zu religiösen: die Rivalität der Großmächte um die Vormacht in der Region mit den größten Ölreserven, der israelisch-palästinensische Konflikt, die gewaltsam ausgetragenen Widersprüche zwischen Schiiten und Sunniten, die neuen Kommunikationsmöglichkeiten durch Facebook und mobilen Telefon und eine ganze Reihe weiterer, die alle eine Rolle spielen.  

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Demografie: eine Ursache politischer Gewalt

Eine Ursache wird dabei häufig übersehen: die Demografie. Denn diese Länder haben ein Phänomen gemeinsam, was die Engländer mit dem Begriff  „youth bulge“ umschreiben. Der Völkermordforscher Gunnar Heinsohn übersetzt ihn gelegentlich mit „Jugendboom“. Gemeint ist eine demografische Entwicklung, bei der Gesellschaften aufgrund hoher Geburtenraten einen überdurchschnittlich hohen Anteil von 15- bis 24-Jährigen ausweisen.

Heinsohn sieht in dem sogenannten Youth Bulge die entscheidende Ursache für die Gewalt und die gesellschaftlichen Umbrüchen in der islamischen Welt. „Nicht Religionen, Stammesfehden oder Armut sind die Hauptgründe für die Eskalation des Terrorismus. Vielmehr sorgt ein übergroßer Anteil von Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung für tödliche Kämpfe.“

Schon Samuel Huntington hatte in seinem Werk „Kampf der Kulturen“ auf dieses Phänomen hingewiesen: „Junge Menschen sind die Protagonisten von Protest, Instabilität, Reform und Revolution.“ Dabei sah auch Huntington den Nährboden für die gewaltbereiten islamischen Fundamentalisten nicht in der Religion selbst: „Ich glaube nicht, dass der Islam per se gewalttätiger ist als irgendeine andere Religion. Entscheidend ist der demografische Faktor. Im Allgemeinen sind die Leute, die andere töten, Männer im Alter zwischen 16 und 30.“

Youth Bulges und politische Gewalt

Ein Beispiel dafür ist die Geschichte des Irak, durch dessen Geschichte sich nach der Unabhängigkeit ein Roter Faden aus Blut und Gewalt zieht: Massenmord an Kurden und Schiiten, Kriege gegen Iran und Kuwait, zwei provozierte Kriege gegen die USA, seitdem Operationsgebiet terroristischer Gruppierungen und religiöser Fanatiker. Der demografische Hintergrund: Die Bevölkerungszahl hat sich von 5,7 Millionen 1950 bis heute fast versechsfacht. Und wächst schnell weiter.

Was Heinsohn und Huntington eher anekdotisch beschreiben, hat der Wissenschaftler Henrik Urdal kürzlich in einer empirischen Studie für den Zeitraum von 1950 bis 2000 untersucht. Urdal, der in Harvard und am Peace Research Institute Oslo forscht, kommt in einer Studie im Auftrag der Vereinten Nationen („A Clash of Generations? Youth Bulges and Political Violence“) zu dem Ergebnis: „Die empirische Evidenz lässt darauf schließen, dass Youth Bulges verbunden sind mit einem erhöhten Risiko von politischer Gewalt.“

Urdal: „Für jeden Prozentpunkt, um den der Anteil der Jugendlichen an der erwachsenen Bevölkerung steigt, wächst das Risiko eines Konflikts um vier Prozent.“ Insbesondere die Länder im Nahen Osten, Afrika und Teilen von Asien, wo die Geburtenraten hoch sind, sind seiner Analyse zufolge stärker durch Gewaltexzesse gefährdet.

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