Auslandsbesuch: Schädlicher Knatsch zwischen Türkei und Deutschland

Auslandsbesuch: Schädlicher Knatsch zwischen Türkei und Deutschland

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Bundeskanzlerin Angela Merkel, der türkische Premierminister Tayyip Erdogan

von Hans Jakob Ginsburg

Angela Merkel reist nach Istanbul. Eigentlich dienen solche Besuche der Förderung bilateraler Beziehungen. Merkel und vor allem ihr Gastgeber Recep Tayyip Erdogan sehen das offenbar anders.

Dass Angela Merkel einen türkischen Beitritt zur EU ablehnt, ist nichts Neues. Der türkische Ministerpräsident Erdogan weiß das schon lange. Und eigentlich müsste er auch Berater haben, die ihm erklären, dass seine neue Forderung nach Errichtung türkischer Gymnasien in Deutschland hierzulande ganz schlecht ankommt, auch und gerade bei den Deutschtürken: Da gibt es bildungsferne Familien, für die das Wort "Gymnasium" nicht weniger fremd ist als die entsprechende türkische Vokabel – da gibt es aber vor allem immer mehr Eltern und Heranwachsende, die Bildung schätzen gelernt haben, und die deutsche Sprache auch.

Westeuropa entdeckt die Türkei

Erdogan hat also keine Ahnung – und Merkel? Die schnippische Replik, die Türken sollten vor allem Deutsch lernen, ist ebenso richtig wie falsch. Richtig natürlich, weil das schlechte Deutsch vieler Migrantenkinder ein entsetzliches Integrationshindernis ist. Trotzdem falsch, weil auch der integrationswilligste Türke in Düsseldorf da heraushört, dass die Kultur seiner Großeltern nichts taugt. Was würde es uns kosten, wenn die Kanzlerin ihren türkischen Gesprächspartnern in Aussicht stellt, dass Türkisch als zweite oder dritte Fremdsprache an deutschen Schulen mindestens so gefördert wird wie – sagen wir mal – Japanisch? Gerade der deutschen Wirtschaft und ihren immer noch zunehmenden Interessen am Bosporus täte das gut.

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Denn die türkische Wirtschaft erholt sich mit beeindruckenden Wachstumsraten aus der internationalen Krise der Jahre 2008 und 2009. Gegenüber dem Vorjahresmonat ist der Export im Januar 2010 um 12,5 Prozent gewachsen, Tendenz weiter steigend, und dabei hat der Kraftfahrzeug- und Kfz-Zubehörsektor den Textilsektor inzwischen deutlich überholt.

Das ist ein Zeichen für die anhaltende Modernisierung der türkischen Wirtschaft, für die Deutschland mit deutlichem Vorsprung noch der stärkste Handelspartner ist. Noch – denn ganz Westeuropa entdeckt derzeit die Türkei. Während der deutsche Import türkischer Waren zuletzt nur noch um knapp sieben Prozent übers Jahr gestiegen ist, liegen die entsprechenden Zuwachsraten Großbritanniens, Italiens und Frankreichs um die 40 Prozent.

Anschauungsunterricht im Trendviertel

Die Türkei ist nicht mehr automatisch Deutschlands wichtigstes Hinterland. Wenn wir unsere Stellung dort verteidigen wollen, können wir uns Querschüsse aus der Politik nicht erlauben. Vor allem keine, die derart überflüssig ist.

Wenn Merkel und Erdogan deutsch-türkische Bildungszusammenarbeit studieren wollen, sollten sie einen gemeinsamen Spaziergang durchs Istanbuler Trendviertel Beyoglu machen. Zur Deutschen Schule Istanbul, wo 54 deutsche und 27 türkische Lehrer über 700 Schüler unterrichten, 80 Prozent davon Türken, mit sparsamen Zuschüssen aus Berlin und erheblichem Erfolg. Die Schüler können gleichzeitig das deutsche Abitur und den entsprechenden türkischen Abschluss machen. Etwa jeder Vierte geht nach Deutschland zum Studium, und fast alle tragen als Absolventen zur ungewöhnlich engen Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei bei – und das seit über 140 Jahren.

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