Berlin Intern: Diplomatische Paartherapie für Deutschland und Frankreich

kolumneBerlin Intern: Diplomatische Paartherapie für Deutschland und Frankreich

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Neue Sprachlosigkeit macht Regierung in Frankreich nervös

Kolumne von Henning Krumrey

Die Achse Berlin–Paris ist ausgeschlagen. Kaum Vertrauen, kaum Verständnis. Ohne die beiden wird die Euro-Rettung schwer, mit ihnen aber auch.

Angela herzt Nicolas, beide liegen sich in den Armen und liefern jene Bilder, die Fotografen so gerne sehen. Kuscheln für die Kameras. Wenn Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Sarkozy sich begegnen, wahren sie den schönen Schein. Doch die Begrüßung mit Küsschen links und Küsschen rechts, sie ist längst gewöhnliches internationales Willkommensritual und sagt nichts mehr über die persönliche Nähe aus. Bussiness as usual sozusagen.

Diese Beziehung im Speziellen ist so abgekühlt und kompliziert wie das deutsch-französische Verhältnis im Allgemeinen. Für das Wochenende hatten sich beide Seiten deshalb eine Art diplomatische Paartherapie verordnet: Sarkozy nach Berlin, Außenminister Guido Westerwelle ab Samstag bei seinem Amtskollegen Alain Juppé in Bordeaux. „Etwas Arbeit und viel trinken“, so wollten die Gastgeber den Liberalen umgarnen. Auf der Tagesordnung hier wie dort: der Euro und die Vorbereitung des Europäischen Rates am 23. Juni.

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Sechs Monate liegt das letzte Vier-Augen-Gespräch von Merkel und Sarkozy nun schon zurück. Zwar sah man sich bei allerlei Gipfeln und den obligatorischen Regierungskonsultationen. Doch ein ausführliches, vertrauliches Gespräch zu allen grundlegenden Problemen – Fehlanzeige. Dabei hatte Merkel bei ihrem Washington-Besuch Anfang Juni gerade erst wieder festgestellt, wie hilfreich so ein Tête-à-tête sei, als sie sich von US-Präsident Barack Obama abends in ein Lokal ausführen ließ.

Überraschungen wurden früher vermieden

So nervös macht die neue Sprachlosigkeit die Regierung in Paris, dass sie nun in die Offensive geht. „Wir brauchen mehr Deutschland“, geben Frankreichs Statthalter in Berlin als Losung aus – und beziehen das vor allem darauf, dass Deutschland sich wenigstens Gesprächen nicht verschließen solle. Die Gemeinsamkeiten sind ohnehin knapp geworden.

„Keine Überraschungen“ hieß früher das Leitmotiv zwischen den Regierungschefs beider Länder. Vor jedem öffentlichen Vorstoß hatten sich Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing, Helmut Kohl und François Mitterrand und sogar Gerhard Schröder und Jacques Chirac informiert, damit der engste Partner Bescheid wusste. Seit einigen Jahren schon nimmt man beiderseits des Rheins viel weniger Rücksicht.

Mehr Deutschland heißt aber nicht, dass Frankreich oder Europa teutonische Positionen übernähmen. Bei der Griechenland- und Euro-Rettung ist Paris großzügiger, weil die Hilfsmilliarden Staatsgeld sind; Berlin versucht wenigstens etwas zu bremsen, weil es das Geld der Steuerzahler ist. Frankreich fürchtet die Rohstoffpreise, möchte die Spekulation eindämmen und deshalb die Märkte regulieren. Deutschland dagegen sorgt sich um die Liefersicherheit und mag Produzenten nicht verärgern.

Dieses Frühjahr schockte die Regierung Merkel die Nachbarn, als sie sich im UN-Sicherheitsrat beim französischen Drängen auf einen Militäreinsatz in Libyen enthielt. Dann besiegelte sie den Ausstieg aus der Kernenergie im nationalen Alleingang. Seitdem fragen heimische Parlamentarier und Wirtschaftsvertreter in Frankreichs Botschaft am Pariser Platz aufgeregt nach, was die Energiewende für ihr Land bedeutet.

Das Unverständnis im Élysée-Palast ist umso größer, als die Deutschen am Ende immer die Kurve bekämen und sich doch europa- und nachbarfreundlich verhielten. Wenn man früher und intensiver miteinander spräche, so der Wunsch aus Paris, „könnte die deutsche Seite die Entscheidungen früher fällen“. Oder im Klartext: Schnelles Einknicken ist effizienter.

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