Bilanzrezession: Warum Japan mehr Schulden braucht

ThemaKonjunktur

Bilanzrezession: Warum Japan mehr Schulden braucht

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Laut Richard C. Koo, Chefvolkswirt des Nomura Research Institutes in Tokio, hat Japan höhere Schulden dringend nötig.

von Heike Schwerdtfeger, Andreas Toller

Die Volkswirtschaften Europas ächzen unter immensen Schuldenlasten. In Japan hingegen zahlt der Privatsektor seit Jahren seine Schulden zurück. Das hat dem japanischen Ökonom Richard C. Koo zufolge fatale Folgen.

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise traf Japan mit einer kleinen Verzögerung. Das lag vor allem daran, dass die Finanzinstitute im Land sich kaum an den spekulativen Geschäften auf dem US-amerikanischen Finanzmarkt beteiligt hatten. Seit die Krise sich allerdings auch auf die Realwirtschaft niedergeschlagen hat, ist die japanische Wirtschaft stark geschrumpft.

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Richard C. Koo, Chefvolkswirt des Nomura Research Institutes in Tokio, erklärte auf einer Veranstaltung der Fondsgesellschaft DWS, sein Heimatland befinde sich seit Jahren in einer sogenannten Bilanzrezession (balance-sheet recession) - und deshalb seien höhere Schulden dringend nötig. In seiner Theorie einer Bilanzrezession gerät die Wirtschaft ins Stocken, wenn der Privatsektor keine Schulden mehr macht, sondern vielmehr Schulden abbaut. Nun rät er Europa, nicht die Fehler Japans zu wiederholen.

Der Hintergrund: Während Japans Privathaushalte seit 1981 konsequent sparten, hatten sich die Unternehmen im Zuge des Immobilienbooms der 1980er Jahre stark verschuldet. Als 1990 schließlich die Immobilienblase platzte, riss auch das wirtschaftliche Wachstum des Landes ab. Die japanischen Unternehmen reduzierten ihre Kreditaufnahmen drastisch. Anstatt weiterhin geliehenes Geld zu investieren, begannen sie damit, ihre Schuldenberge Stück für Stück abzubauen. So wurden nach den privaten Haushalten auch die Unternehmen zu Nettosparern.

Trotz niedriger Zinsen, war der Privatsektor nach dem Platzen der Immobilienblase nicht mehr bereit, sich neu zu verschulden. Stattdessen gingen Haushalte und Unternehmen dazu über, ihre eigenen Schulden zurückzuzahlen, um ihre Bilanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Laut Koo änderte auch die Nullzinspolitik seitens der japanischen Notenbank seit dem Jahr 2000 nichts am eisernen Rückzahlungswillen. "Die Unternehmen vermeiden Kreditaufnahmen, weil sie 15 Jahre lang einen schwierigen Prozess des Schuldenabbaus durchgemacht haben. Sie wollen nie wieder einen Banker sehen", erklärt Koo die Mentalität vieler seiner Landsleute.

Neue Schulden wollte im Privatsektor also niemand mehr machen. Nachdem schließlich auch die Exporte weitgehend eingebrochen und die Kapitalimporte ausgeblieben sind, ist der Geldfluss stark gefährdet. Kernproblem der japanischen Wirtschaft ist also nicht wie etwa in Europa die horrende Überschuldung von Privathaushalten, Unternehmen und Staaten. Vielmehr fehlt in Japan die Bereitschaft, neue Schulden zu machen und Investitionen zu tätigen. Der einzige Grund, weshalb Unternehmen ihre Schulden trotz niedriger Zinsen zurückzahlen, sei eine Überschuldung. In diesem Fall, so Koo, müsse der Staat als Schuldenmacher einspringen, um die Liquidität im Land zu sichern.

Japans Lage

  • Schuldenstand 2013

    245,0

    Angaben in Prozent des BIP

    Quelle: IWF

  • Neuverschuldung 2013

    -9,1

    Angaben in Prozent des BIP

    Quelle: IWF

  • Leistungsbilanzsaldo 2013

    2,3

    Angaben in Prozent des BIP

    Quelle: IWF

Die Geldpolitik der Notenbanken bliebe in einer Bilanzrezession folglich weitgehend wirkungslos. Ohne Japaner, die Kredite wollen, funktioniere die Geldtransmission in die Wirtschaft nicht. Vielmehr sei hier eine gezielte Finanzpolitik der Regierungen gefordert. Der Kurs von Premierminister Shinzo Abe erscheint daher nach Koo's Argumentation im Ansatz richtig zu sein: Durch gezielte Strukturreformen will Abe den Anreiz für das Geldleihen und Investieren wieder erhöhen. So sollen das Leasing gefördert, und die für Kredite bezahlten Zinsen steuerlich absetzbar werden. Darüber hinaus strebt die Regierung eine Öffnung des japanischen Marktes und regionale Partnerschaften mit Nachbarländern im Energie-, Gesundheits- und Umweltbereich an.

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