Binali Yildirim in Oberhausen: Ein Wahlkampf wie ein Popstar

Binali Yildirim in Oberhausen: Ein Wahlkampf wie ein Popstar

, aktualisiert 18. Februar 2017, 17:33 Uhr
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Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim wirbt in Oberhausen um die Zustimmung der in Deutschland lebenden Türken zu einem Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei.

Quelle:Handelsblatt Online

In der Oberhausener Arena wirbt der türkische Ministerpräsident vor zahlreichen Erdogan-Anhängern für dessen Verfassungsreform. Denn die Stimmen der im Ausland lebenden Türken sind entscheidend.

OberhausenWie vor einem Boxkampf heizt die Musik der Masse ein. Der Mann, der sich am Morgen noch mit Kanzlerin Angela Merkel im Rahmen der Münchener Sicherheitskonferenz getroffen hat, steht nun im Rampenlicht der Oberhausener Arena. Wo sonst Popstars auftreten spricht an diesem Samstag der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim.
Bevor er zu seiner Rede ansetzt, lässt er sich ausgiebig von den Anhängern auf den Rängen feiern. Die jubeln, schwenken ihre Fahnen und filmen „ihren Minister“ mit dem Smartphone. „Sie sagen, dass ein Ein-Mann-System kommt“, sagt Yildirim vor Tausenden Zuschauern am Samstag. Die Menge jubelt. Kritik an der Reform ist unerwünscht. „Gibt es in Deutschland etwa zwei Kanzler? In einem Präsidialsystem gibt es natürlich nur einen Präsidenten. Auf einem Schiff kann es nicht zwei Kapitäne geben“, verdeutlicht er seine Position.

Am 16. April soll das türkische Volk über die entsprechende Verfassungsreform abstimmen – auch aus dem Ausland. Allein in Deutschland leben rund 1,41 Millionen wahlberechtigte Türken. Das Präsidialsystem würde dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan deutlich mehr Macht verleihen. Deswegen braucht er die Stimmen aus Deutschland. Kritiker befürchten ein Ende der Demokratie, Menschenrechtler sprechen gar von einer Diktatur.
Doch bei der Wahlkampfveranstaltung ist kein Platz für Kritik. Yildirim strotzt vor Selbstbewusstsein. Und er fordert seine Landsleute auf, es ihm gleichzutun. „Ich möchte, dass ihr euren Pass der Republik Türkei und eure Identität mit Stolz tragt.“ Zugleich sollen sie aber auch Deutsch lernen und von ihrem politischen Mitspracherecht Gebrauch machen. Die lautstarke Menge gibt ihm Recht.

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Es herrscht Feiertagsstimmung. Auch bei Özcan Ayraz. „Wir brauchen noch mehr Freiheit, wir brauchen noch mehr Demokratie und wir brauchen noch mehr Erdogan“, ruft er und schwenkt seine Türkei-Fahne in den Himmel. Er ist aus Düsseldorf angereist, um den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten zu sehen. Mit rot-weißem Schal um die Schultern und türkischem Halbmond auf der Mütze steht er auf einem Stein am Eingang der König-Pilsener-Arena und verfolgt, wie seine in Deutschland lebenden Landsleute in die Arena strömen. „Wer sein Land liebt, sagt Ja“, so das Motto der Veranstaltung in Bezugnahme auf das Referendum. Wer nicht wusste, dass hier der zweitwichtigste Mann im türkischen Staat auftritt, hätte vielleicht vermutet, dass ein Fußballspiel ansteht. Reisebusse mit deutschen, niederländischen und belgischen Kennzeichen halten vor der Oberhausener Arena. Im Parkhaus nebenan sorgen hupende Autos für den entsprechenden Geräuschpegel. Vor der Eingangstoren verkaufen Händler alles, was der überzeugte Erdogan-Anhänger braucht: Fahnen, Schals und Mützen, alles selbstverständlich in rot und weiß.


„Den Menschen in der Türkei geht es gut“

Doch die Veranstaltung ist nicht unumstritten. Polizisten mit Maschinengewehren sichern die Arena ab, in der Luft kreist ein Hubschrauber. „Ich finde es geradezu skurril, dass der türkische Ministerpräsident keinerlei Skrupel hat, von unserer Demokratie zu profitieren, während er und seine Schergen im eigenen Land Oppositionelle hinter Gittern bringen“, sagte der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir im Vorfeld. In der Oberhausener Innenstadt protestierten 500 bis 750 Demonstranten gegen Erdogans Politik. In der rot-weißen Menge interessiert das niemanden.

Erdogan sei gut für die Türkei. Unter seiner Führung habe das Land viel erreicht, sagt Erdogan-Anhänger Ayraz. Als er 1988 aus der Türkei nach Deutschland gekommen sei, habe es dort keine vernünftigen Straßen, keine zuverlässige Wasserversorgung und nur schlecht ausgestattete Krankenhäuser gegeben. „Heute sind unsere Krankenhäuser wie Fünf-Sterne-Hotels“, sagt er. Doch dann muss er los, hinein in die Arena, die Fahne schwenken für den Ministerpräsidenten.
Im rot-weißen Fahnenmeer steht auch Kerstin Meyer aus Osnabrück. Die 46-Jährige ist in Deutschland geboren, hat aber einen türkischen Pass. Sie ist überzeugt davon, dass Erdogan gut für das Land ist. „Ich mache einmal im Jahr in der Türkei Urlaub und ich sehe es jedes Mal: Den Menschen in der Türkei geht es gut.“ Zu verdanken habe die Türkei das ihrem Staatschef Erdogan. Das Referendum, durch das er mehr Macht bekommen soll, könne das Land nur voran bringen. „Und wenn Erdogan mal nicht mehr ist, dann wünsche ich mir, dass da jemand kommt, der das Land mit genau so einer Stärke weiter führt, wie Erdogan das gemacht hat“, sagt sie.

Seit jeher kann Erdogan und seine AKP auf eine starke Unterstützung aus Deutschland zählen. Bei der Präsidentenwahl im August 2014 verbuchte Erdogan in Deutschland 68,8 Prozent der Stimmen. Das ist deutlich mehr als sein Gesamtergebnis, das bei 52,2 Prozent lag. Auftritte wie der in Oberhausen, sollen dafür sorgen, dass das auch im April so aussieht.
Mehmet Öztürk ist zufrieden mit dem, was er gehört hat. Er ist in der Türkei geboren, lebt inzwischen in Duisburg und unterstützt den Kurs des Staatschefs. „Es ist kein Wunder, das Erdogan so beliebt ist“, sagt er.
Seit er an der Macht sei, habe das Land in vielen Bereichen Fortschritte gemacht. Zum Beispiel im Gesundheitssystem. „Vor 15 Jahren waren unsere Krankenhäuser schlimmer als in Afrika, heute sind die Standards teilweise besser als in Westeuropa“, sagt er. Die Verfassungsreform mache es Erdogan leichter, seine Politik umzusetzen. Das sei gut für das ganze Land, wiederholt auch er die Parole. Er werde daher für das Referendum stimmen.
Türken im Ausland können ihre Stimme zwischen dem 27. März und dem 9. April in dem Land abgeben, in dem sie leben, oder aber zwischen dem 27. März und dem 16. April an den Grenzübergängen zur Türkei. Die Stimmen der 8000 Anhänger aus Oberhausen dürften Erdogan sicher sein.

Quelle:  Handelsblatt Online
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