Blog: China - Phönix oder Drache?: Rampen bauen für die Paralympics

Blog: China - Phönix oder Drache?: Rampen bauen für die Paralympics

Bundespräsident Horst Köhler ist der Behindertensport ein großes Anliegen. Bei den am Samstag beginnenden Paralympics in Peking wird sich das deutsche Staatsoberhaupt zahlreiche Wettkämpfe ansehen.

Groß waren die Irritationen in Chinas Regierung, weil kein Vertreter der Bundesregierung zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele erschienen war. Nun könnten Chinas Staatsführer versöhnt werden, denn am Samstag trifft Bundespräsident Horst Köhler zu einem zweitägigen Besuch in Peking ein. Am Samstagnachmittag wird er an der Eröffnungszeremonie der Paralympics, den Olympischen Spielen für Menschen mit Behinderung, teilnehmen. Zwölf Tage lang werden rund 4000 Athleten in 20 Sportarten von Rollstuhl-Rugby bis Blinden-Fußball um Medaillen kämpfen.

Köhler ist der Behindertensport ein großes Anliegen, nicht nur weil er selbst eine sehbehinderte Tochter hat. Deutschland gilt weltweit als Vorreiter bei der Förderung des Behindertensports. Schon in den Fünfzigerjahren wurden hierzulande die ersten Verbände für Sportler mit Behinderungen gegründet. Mit seinem Besuch der Paralympics in Peking will Köhler die Bewegung weiter vorantreiben. Deshalb war er vor zwei Jahren auch schon in Turin bei den paralympischen Winterspielen dabei.

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Wähend seines rund 50-stündigen Aufenthalts in der chinesischen Hauptstadt wird sich das Staatsoberhaupt sieben Wettkämpfe ansehen. Darüber hinaus plant Köhler einen Besuch bei den Athleten im Olympischen Dorf. Anschließend wird er ein paralympisches Jugendcamp in der Nähe des Olympiageländes besuchen.

Für politische Termine bleibt während Köhlers Peking-Trip, der offiziell nicht als Staatsbesuch deklariert ist, wenig Zeit. Seinen chinesischen Amtskollegen Hu Jintao, so die derzeitige Planung, wird der Bundespräsident für etwa 20 Minuten treffen. Bei dem Treffen dürfte es auch um die weitere Normalisierung des deutsch-chinesischen Verhältnisses gehen. Die Beziehungen hatten nach dem Empfang des Dalai Lama durch Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einem Jahr stark gelitten.

Um den Athleten wähend der Paralympics ein beschwerdefreies Umfeld zu bieten, haben die Pekinger Organisatoren einiges unternommen. Fast 90 Mililonen US-Dollar hat Peking in die behindertengerechte Umgestaltung öffentlicher Einrichtungen investiert. So sind Pekinger Sehenswürdigkeiten wie die Verbotene Stadt und die Große Mauer nun für Rollstuhlfahrer zugänglich. Außerdem hat die Stadt 2000 rollstuhlgerechte Busse und 70 Taxis mit extra breiten Türen angeschafft. In der Innenstadt haben die Organisatoren darüber hinaus eine Fußgängerbrücke mit einem Lift für Rollstuhlfahrer bauen lassen. Die können nun die dichtbefahrene Gongti-Straße ohne fremde Hilfe überqueren.

Kritiker monieren hingegen, Einrichtungen wie die behindertengerechte Brücke seien vor allem kosmetische Maßnahmen. Es ist zum einen die einzige Brücke dieser Art in Peking, und generell gilt die chinesische Hauptstadt noch nicht unbedingt als behindertenfreundlich. Zu beobachten ist dies etwa an den U-Bahn-Stationen, von denen viele keinen Lift haben.

In den letzten Wochen haben die Behörden noch eilig an den Eingängen fast aller öffentlichen Gebäude Rampen für Rollstuhlfahrer anbringen lassen. Doch ob diese den Besuchern mit körperlichen Behinderungen tatsächlich helfen, scheint für die Behörden manchmal zweitrangig zu sein, Hauptsache der Eindruck entsteht, etwas getan zu haben. An einem Wohn- und Bürogebäude für Diplomaten in der Innenstadt etwa ist die Rollstuhl-Rampe – immerhin beschlagen mit rotem Teppich – wegen der Neigung der Eingangstreppe so steil, dass sie selbst für Fußgänger kaum zu erklimmen ist. Wie ein Rollstuhlfahrer es die Rampe hochschaffen soll, bleibt ein Rätsel. Bei dem beliebten Pub „Frank’s Place“ befindet sich am unteren Ende der Eingangstreppe eine Betonwand. Zwischen der untersten Stufe und der Wand gibt es gerade Mal 30 Zentimeter Platz, durch die sich die Kneipenbesucher zwängen müssen. Auch auf dieser Treppe ließen die Behörden eine Rampe anbringen. „Ich habe ihnen gesagt, dass da niemals ein Rollstuhlfahrer vorbeikommt“, sagt Mitinhaber Graham Forbes, „aber das war denen egal. Hauptsache die Rampe ist da.“

Für viele Chinesen ist der zwanglose Umgang mit Behinderten noch neu. Bis vor wenigen Jahren galten körperliche und geistige Handicaps als Tabu, Diskriminierung war an der Tagesordnung. Abtreibungen von Föten mit Behinderungen waren unter dem von der Partei ausgegebenen Motto der „Entwicklung einer gesunden Nation“ an der Tagesordnung. Noch heute verstecken viele Eltern ihre behinderten Kinder aus Scham zu Hause.

Die Vorurteile schwinden erst ganz allmählich. Dazu beigetragen hat auch, dass Deng Pufang in den Neunzigerjahren begann, sich für eine größere Achtung von Menschen mit Behinderungen einzusetzen. Der ältere Bruder des Reformpatriarchen Deng Xiaoping wurde während der Kulturrevolution von Maos Roten Garden aus dem Fenster in der dritten Etage eines Gebäudes gestoßen. Seitdem ist Deng an den Rollstuhl gefesselt. Dem Engagement seiner Vereinigung für Behinderte ist es zu verdanken, dass sich beispielsweise die Gesetzeslage für Menschen mit Behinderungen in den letzten Jahren verbessert hat. Auch die Infrastruktur in den große Städten des Landes wird allmählich angepasst.

Doch wie schwierig der Umgang mit Behinderten für Chinesen immer noch ist, zeigt das Handbuch „Fertigkeiten, um den Behinderten zu helfen“. Im Mai ließen die Pekinger Olympiaorganisatoren den 189 Seiten starken Wälzer an die 100000 freiwilligen Helfer der Spiele verteilen. „Einige Körperbehinderte sind isoliert, unsozial und introvertiert“, heißt es in dem Buch. Sie könnten „stur, kontrollierend und defensiv“ sein, so der Leitfaden weiter, „und haben starke Minderwertigkeitsgefühle“. Das Handbuch erklärt den freiwilligen Helfern, Behinderte könnten auf Grund ihrer „körperlichen Deformationen und Behinderungen“ zu ungewöhnlichem Verhalten neigen und rät, Behinderte niemals „Krüppel“ oder „Lahmer“ zu rufen – auch wenn es nur als Scherz gemeint sei.

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