Brighton Beach in New York: Zerrissen zwischen Moskau und Kiew

Brighton Beach in New York: Zerrissen zwischen Moskau und Kiew

, aktualisiert 09. April 2016, 15:58 Uhr
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„Willkommen in Brighton Beach – Klein-Russland am Meer“, wirbt dieses Schild.

Quelle:Handelsblatt Online

Im Südosten von New York, weitab aller Touristenpfade, liegt Brighton Beach. Viele Bewohner der früheren Sowjetunion zogen hierher, im Viertel wird Russisch gesprochen, alles schien harmonisch – bis zum Ukraine-Konflikt.

New YorkUnter der Endstation einer ratternden Hochbahn ganz im Südosten von New York City liegt Brighton Beach. Hinter der Bahnstrecke schwappt der Atlantik an die Küste, im Sommer klingen quietschendes Kinderlachen und Wasserplanschen durch das Viertel, es riecht nach Sonnenmilch und Salzwasser. Touristen kommen nur selten hierher, zu den Hochhäusern Manhattans braucht die Bahn etwa eine Stunde. Außerhalb der Badesaison haben die Einwohner ihr Brighton Beach für sich. Dann wird zumeist Russisch gesprochen, denn fast jeder hier stammt aus der früheren Sowjetunion.

Geschäfte, Cafés und Restaurants reihen sich unter der Hochbahn auf der Brighton Beach Avenue aneinander. „Kalinka Gifts“, „Eugenias Corset Shop“, „Paris Moda“ und der „St. Petersburg Bookstore“, fast alle Angebote werden in kyrillischen Buchstaben angepriesen. „Man fühlt sich hier in dieser Gegend nicht in Amerika, um ehrlich zu sein“, sagt Alina, die in einem Kleidungsladen arbeitet. „Es ist eigentlich eher wie in Russland.“ Er stamme aus Aserbaidschan, sagt ein Kunde. „Amerika gefällt mir besser. In der Sowjetunion hatte ich kein Geld, keine Arbeit, nur Hunger.“

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Einst war Brighton Beach mit seinem hölzernen Boardwalk ein Seebad vor den Toren New Yorks nach dem Vorbild des britischen Brighton. Die Marx Brothers und Fred Astaire vergnügten sich hier, es gab Rennbahnen und Theater. Dann wurde es zum eng bebauten Wohnviertel und per Bahn an die Millionenmetropole angeschlossen.

Während der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich hauptsächlich jüdische Immigranten in Brighton Beach an. Der Zerfall der Sowjetunion brachte neuen Zuzug, darunter viele Juden aus dem ukrainischen Odessa, was dem Viertel den Spitznamen „Little Odessa“ einbrachte. Danach kamen viele Einwanderer aus Russland und anderen Teilen der früheren Sowjetunion. Rund ein Drittel der Bewohner des Viertels spricht auch heute kein Englisch.

Brighton Beach ist wie ein großes soziales Experiment. Trotz der zahlreichen Konflikte in der Heimatregion blieb es in dem Viertel stets friedlich und harmonisch. Aber der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine macht sich inzwischen auch hier bemerkbar, die Krise ist im Alltag von Brighton Beach angekommen. So wie bei Marina aus Usbekistan, die einen kleinen Kiosk in einem Hausflur betreibt, von dem aus Menschen Geld verschicken können. „Eine ganze Menge meiner Kunden kommen aus der Ukraine und Russland. Jeder verschickt Geld an jeden. Nur auf die Krim schicken wir nichts, wir wissen ja nicht einmal, ob es Russland oder Ukraine ist.“

Yelena Akthiorskaya kam 1992 mit ihren Eltern nach Brighton Beach. Drei Jahre zuvor waren bereits ihre Großeltern eingewandert. Ihre Erfahrungen hat die 28-Jährige in dem 2014 erschienenen Roman „Panic In A Suitcase“ verarbeitet. „Ich habe das Buch geschrieben, weil ich diese absurde Situation, in der ich aufgewachsen bin, verarbeiten musste“, erzählt Akthiorskaya, die inzwischen in Manhattan wohnt, aber fast jedes Wochenende ihre Eltern in Brighton Beach besucht. „Es ist schizophren, hier Immigrant zu sein. Du bist in einem neuen Land, aber du bist gar nicht richtig im Land, weil es nicht wirklich Amerika ist.“


„Ich wuchs in einer Art Ghetto auf“

Die Ähnlichkeiten zwischen Odessa und Brighton Beach seien riesig, sagt Akthiorskaya, deren Großvater und Urgroßvater ebenfalls Schriftsteller waren und Gedichte verfassten. „Odessa liegt am Schwarzen Meer, das ist bekanntermaßen ziemlich groß, aber viel ruhiger als der Atlantik, und es hat eine ganz andere Färbung. Es ist heller und türkiser, nicht so wie das seltsame Dunkelgrau des Meeres hier. Abgesehen davon ist alles erstaunlich ähnlich. Der einzige Unterschied, wenn man in Odessa an den Strand geht, ist, dass die Menschen alle gleich aussehen. Nicht so verschieden wie hier.“

Als Kind in Brighton Beach sprach Akthiorskaya stets Russisch. „Obwohl ich ziemlich jung war, als ich hierher kam, bin ich meinen Akzent nie ganz losgeworden. Und ich wuchs in einer Art Ghetto auf, meine Kindheit war recht speziell. Wir waren Immigrantenkinder, unsere Eltern haben gearbeitet wie verrückt und waren meistens nicht da. Wir waren wild. Es war eine freie, rabaukige Kindheit.“

Auf dem Weg zu ihren Eltern spaziert Akthiorskaya über die Brighton Beach Avenue. „Für mich ist das die Metapher für Brighton Beach. Ein Moment des Friedens und dann oh, der Zug. Da kommt er. Die zwei bestimmenden Geräusche von Brighton Beach könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite das Meeresrauschen, das weiche Gluckern des Ozeans, beruhigend, wunderbar. Und dann dieser alte Zug, der auf den uralten Gleisen entlangscheppert, quietscht und – ah, ja, und hier ein weiteres Geräusch. Es wird immer viel gehupt hier, Autos sind wichtig in Brighton Beach und die Leute fahren aggressiv.“

Akthiorskaya biegt in Richtung Meer ab. „Hier auf der rechten Seite sehen wir die Oceana Condos. Ziemlich neu. Hier leben die neureichen Russen. Die Apartments in diesen seltsamen Stucko-Häusern kosten Millionen und haben eine Immobilienblase hier ausgelöst, weil so viele Russen hier leben möchten. Oceana ist für sie alle das Höchste, egal aus welchem Teil der ehemaligen Sowjetunion sie kommen. Sie bilden eine eigene Gesellschaft da drin, mit vielen Dingen, über die wir normalen Leute draußen wenig wissen. Das geht los bei superguten Yogastunden bis hin zu der Tatsache, dass es einen riesigen Betrug mit Krankenversicherungen gab und die Russen, die verhaftet wurden, fast alle in Oceana wohnten.“

Am Boardwalk drängeln sich die Menschen oder sitzen vor einem der zahlreichen Restaurants. „Hier ist Tatiana und dort der Tatiana Grill. Das Beach Café gehört auch Tatiana und hieß früher auch Tatiana. Aber sie haben den Namen geändert, weil – ich meine, wie viele Tatianas hält man aus? Aber alle drei Restaurants gehören Tatiana aus Odessa. Sie lebt jetzt in Miami. Ich weiß das nur, weil ich hier aufgewachsen bin und wir ungefähr 500 Millionen mal in diesen Restaurants waren. Sie sind nicht Russisch, sie sind Ukrainisch. Und da wird es knifflig zu trennen, denn Odessa liegt ja in der Ukraine, aber es wird dort Russisch gesprochen. Es war immer eine internationale Stadt mit einer Mehrheit an Russischsprechenden. Es war nie Ukrainisch, sprachlich gesehen. Die Grenzen sind fließend.“


Russisch oder ukrainisch?

Trotzdem zwinge der Ukraine-Konflikt die Menschen in Brighton Beach inzwischen dazu, sich zu entscheiden, sagt Akthiorskayas Mutter Paulina, die in ihrer Wohnung im sechsten Stock mit Blick auf den Atlantik und die Restaurants von Tatiana Mittagessen auftischt. Es gibt Wareniki-Knödel, dazu Piroggen, gefüllte Teigtaschen, saure Gurken, Schinken, Käse und Obst. „Jetzt müssen wir das wirklich sagen – Russisch oder Ukrainisch. Vorher waren wir da nicht so pingelig. Eine Menge Essen ist sehr ähnlich, aber nicht nur Essen, der ganze Lebensstil. Es ist sehr traurig, was gerade passiert. Ich sage jetzt Ukrainisch. Wir sind auf der ukrainischen Seite. Wareniki sind ukrainische Knödel.“

Russisches Fernsehen schauen die Akthiorskayas schon lange nicht mehr. Absichtlich. Sogar dem Großvater haben sie es abgewöhnt. Zwischen den Ukrainern und Russen in Brighton Beach knirsche es, sagt Paulina Akthiorskaya. Dabei habe das Viertel doch eigentlich immer für die Erfüllung vom Traum einer guten Sowjetunion gestanden, sagt David Akthiorskaya, Yelenas Vater.

„Unser Haus steht eigentlich ganz wunderbar für Brighton Beach“, ergänzt Mutter Paulina. „Wenn du auf den Hausflur trittst, wirst du einer alten Dame begegnen, die Ukrainisch spricht, nichts anderes, nur Ukrainisch. Neben ihr lebt ein riesiges, übergewichtiges Mädchen aus Georgien, die einen Typen nach dem anderen abschleppt. Ihr Russisch ist ziemlich zerrüttet. Aber sie sorgt für Geschichten. Neulich wollte ein Typ nachts bei ihr durchs Fenster einsteigen und hat das Fenster verwechselt, er landete bei einem alten Mann, der beinahe eine Herzattacke bekam. Krankenwagen war hier, alles. So leben wir hier miteinander. Wir leben miteinander. Wenn ich Zwiebeln brauche, dann klopfe ich nebenan.“

Eigentlich seien die Menschen in Brighton Beach unpolitisch, sagt auch Tochter Yelena Akthiorskaya. „Die ukrainischen Juden hier halten sich ziemlich raus. Die härtere ukrainische Community ist in Manhattan, im East Village, dort stehen auch die ukrainische Kirche und das Kulturzentrum. Dort geht es politischer zu. Hier ist man beinahe unpolitisch, ein wenig abseits. Genauso wie es in Odessa immer war. Der Spirit von Odessa war immer mehr auf Vergnügen als Politik orientiert.“

Vasyl Machno arbeitet in der ukrainischen Gemeinde in Manhattan. Der Poet und Autor aus der Westukraine kam in den neunziger Jahren nach New York und wohnt inzwischen im Viertel Staten Island. Brighton Beach fasziniert ihn. 2006 hat er ein Theaterstück über das Viertel geschrieben, aber dort leben will er nicht. „Wenn ich nach Brighton Beach komme, denke ich, ich bin in der Sowjetunion. Es ist so anders als Amerika. Ich sehe nicht, dass Brighton Beach irgendwie in die amerikanische Gesellschaft eingegliedert ist. Es wirkt festgefahren. Ich habe das Leben in der Sowjetunion nie gemocht. Jeder Moment dort hat eine negative Erinnerung.“


„Zurück blieben die Älteren“

Der Konflikt in der Ukraine beschäftigt Machno ständig. „Die russische Sprache und Kultur sind keine Feinde der Ukrainer. Es ist das Putin-Regime, das Propaganda betreibt und Ukrainer zu schlechten Menschen macht, zu Feinden anstatt von Brüdern. Und die Brüderschaft zwischen Ukrainern und Russen spaltet. Nach Putin werden Ukrainer und Russen ein völlig neues Verhältnis zueinander aufbauen müssen.“

Machno hat mehrere Gedichte über den Krieg in seinem Heimatland geschrieben. „In einem davon sage ich: Auch wenn du in New York lebst, lebst du in der Ukraine, in deiner Stadt, in deiner Militäreinheit. Viele von meinen Freunden sind gerade an der Front. Das sind meine Freunde aus der Schule, aus dem Studium. Mit einem spreche ich öfter auf Skype oder per E-Mail. Viele Ukrainer, die in Amerika leben, versuchen, der ukrainischen Armee, den ukrainischen Soldaten zu helfen. Wir schicken zum Beispiel Geld für Waffen. Ich suche auch gerade nach einer Uniform, weil ein Freund von meiner Uni sich wahrscheinlich der Armee anschließt. Ich suche eine amerikanische Uniform. Die sind sehr gut. Die ukrainischen sind schlechte Qualität.“

Aber auch wenn der Ukraine-Konflikt in Brighton Beach angekommen sei, so versuchten die Menschen dort doch trotzdem an ihrer Toleranz festzuhalten, sagt die Künstlerin Alisa Minyukova. „Selbst russische Republikaner, die tendenziell rechts sind, scheinen sich hier an demokratische Werte zu halten, die Leuten erlauben, sich zu akzeptieren und tolerant zu sein.“ Die New Yorkerin mit russischen Wurzeln verbringt viel Zeit in Brighton Beach und lässt sich dort für ihre Projekte inspirieren. „Ich glaube, man sieht an Brighton Beach, dass etwas mit der Politik in Russland offensichtlich falsch läuft, was dafür sorgt, dass die Leute dort so hungrig auf Konflikt sind. Ich habe selbst sieben Jahre in Russland gelebt, ich weiß dass es homophob ist, chauvinistisch und sexistisch und all das. In Brighton Beach ist das alles weit weniger zu spüren.“

Der sowjetische Frieden in Brighton Beach sei in Gefahr, sagt Autorin Yelena Akthiorskaya. Durch den Krieg in der Ukraine – und durch die Zeit. Mehr als ein Viertel der Bewohner ist älter als 65 Jahre. „Brighton Beach ist voller alter Menschen, weil sie zum Beispiel aus Odessa hierher kamen und ihre Kinder nichts wie raus wollten. Zurück blieben sie, die Älteren und die, die nie richtig Englisch gelernt haben. Und jetzt werden sie alle alt. Ich liebe es, nach Brighton Beach zu kommen, aber ich komme mit gemischten Gefühlen. Ich spüre etwas Trauriges, Abgeschlagenes, Besiegtes. Es ist wie ein letzter Atemzug.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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