Britischer Ökonom: „Es wäre saudumm, die EU zu verlassen“

Britischer Ökonom: „Es wäre saudumm, die EU zu verlassen“

, aktualisiert 13. Dezember 2011, 22:41 Uhr
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Die europäische Flagge.

von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Laut Meinungsumfragen will eine Mehrheit der Briten am liebsten die EU verlassen. Für die eigene Wirtschaft wäre dies eine Katastrophe. Ein britischer Top-Ökonom warnt eindringlich vor den Folgen.

DüsseldorfEin Austritt Großbritanniens aus der EU würde aus Sicht des britischen Wirtschaftshistorikers Timothy Leunig massiven Schaden anrichten. "Es wäre wirklich saudumm, wenn Großbritannien die EU verlassen würde," sagte der britische Wirtschaftshistoriker von der London School of Economics (LSE) im Gespräch mit Handelsblatt Online. Er halte dies aber für sehr unwahrscheinlich.

Die größten Verlierer wären aus Sicht von Leunig der Exportsektor und die Finanzindustrie. Besonders leiden würden die japanischen Autohersteller wie Nissan und Toyota. Sie hatten sich nach den Reformen von Margaret Thatcher dafür entschieden, ihre europäische Autoproduktion in Großbritannien aufzubauen.

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Außerdem würde der Finanzsektor in London schwer in Mitleidenschaft gezogen, so Leunig. Durch seine EU-Mitgliedschaft kann Großbritannien bislang in Fragen der Finanzmarktregulierung sein Veto einlegen und so Gesetze verhindern, die dem Finanzplatz London schaden. Bei einem EU-Austritt gäbe es diese Möglichkeit nicht mehr. Zwar wäre Großbritannien dann auch nicht mehr direkt an die EU-Gesetze gebunden. Indirekt hätten diese aber dennoch einen sehr großen Einfluss auf den Finanzplatz London, wie Leunig feststellt.

Auch die politische Architektur Europas würde durch einen EU-Austritt Großbritanniens verschoben. Großbritannien steht mit seiner liberalen Wirtschaftsordnung den osteuropäischen Ländern näher als Frankreich. In vielen Bereichen hat es aber auch gemeinsame Interessen mit Deutschland - etwa wenn es um die Senkung der EU-Agrarsubventionen geht.

Aus Sicht von Leunig würde ein EU-Austritt Großbritanniens die dominante Rolle Deutschlands in der EU verstärken - die bereits jetzt für Argwohn bei kleinen Mitgliedsstaaten sorgt. "Das wäre nicht im Interesse Deutschlands."


Verheugen kritisiert deutsch-französische Dominanz

Die Vize-Präsidentin der EU-Kommission, Viviane Reding, gab sich unterdessen zuversichtlich, dass Großbritannien beim neuen EU-Vertrag doch noch einlenkt. „Aus der Erfahrung wissen wir, dass die sich immer etwas zieren und dann nach einer Brücke Ausschau halten, um doch noch dabei zu sein“, sagte Reding am Montag dem Sender MDR INFO. Wie lange das dauere, könne sie nicht sagen.

„Die Briten brauchen uns mehr, als wir die Briten brauchen.“ Großbritanniens Premierminister David Cameron werde für seine Blockadehaltung beim EU-Gipfel im eigenen Land scharf kritisiert, selbst von den Finanzjongleuren der City, sagte Reding. Auch seien die Briten Realisten. Sie wüssten, dass Isolation das Schlimmste sei, was ihrem Land passieren könne. Das Land sei zu sehr „verzahnt mit Europa“ und profitiere auch von der Union.

Der frühere EU-Industriekommissar Günter Verheugen (SPD) nannte es ein ernsthaftes Problem für die EU, dass Großbritannien erst einmal nicht dabei sei. „Wir brauchen die Briten in der Europäischen Union und wir sollten alles tun, um sie drinnen zu halten“, sagte er am Montag in Bayern2Radio. „Wenn wir anfangen darüber zu reden, auf wen wir verzichten können, ist das der Anfang vom Ende.“

Verheugen kritisierte, es entstehe der Eindruck, dass Deutschland und Frankreich in der EU schlicht befehlen würden. „Auf jeden Fall wäre es vielleicht hilfreich gewesen, in einem normalen diplomatischen Verfahren einen so wichtigen Partner wie Großbritannien in diese Politik mit einzubeziehen.“

Mit Material von dpa

Quelle:  Handelsblatt Online
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