Bruno Cavalier: "In Frankreich ist keine Trendwende in Sicht"

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InterviewBruno Cavalier: "In Frankreich ist keine Trendwende in Sicht"

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Bruno Cavalier über die Zukunft Frankreichs.

von Tim Rahmann

Am Freitag wirbt Frankreichs Präsident Francois Hollande bei einer Rede in Davos um die Gunst der Wirtschaft. Der Ökonom Bruno Cavalier zweifelt an den Erfolgschancen Hollandes. Zu schlecht sei dessen Ruf, zu groß Frankreichs Probleme.

Herr Cavalier, der französische Präsident François Hollande scheint eine Kehrtwende zu vollziehen. Erstmalig reist er nach Davos, um sich der Wirtschaftselite zu stellen. Gleichzeit will er 2015 ganze 155 Reformen umsetzen und mehr Wirtschaft wagen. Wie glaubwürdig sind die Ankündigungen?

Bruno Cavalier: François Hollande und seine Regierung sind an einem entscheidenden Punkt ihrer Amtszeit angekommen. Wenn Sie jetzt nicht liefern, hat Hollande keine Chance wiedergewählt zu werden – und Frankreich wird sich auf Sicht wirtschaftlich nicht erholen. Also reagiert Hollande. Er ist ein Pragmatiker. Als er 2012 gewählt wurde, stand er für Stimulus-Politik. Er hat Regierungsprogramme aufgelegt – und ist gescheitert. Nun hat er seine Prioritäten geändert und versucht, neue Wege zu gehen.

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Was sind die Kernpunkte der neuen Agendapolitik?

Die französische Regierung hat, so glaube ich, verstanden, dass die hohe Arbeitslosigkeit im Land nicht durch Einstellungen im öffentlichen Dienst bekämpft werden kann. Eine spürbare Erholung auf dem Arbeitsmarkt wird nur möglich sein, wenn die Unternehmen Jobs schaffen. Die Regierung will also nun den Unternehmen Anreize geben, Arbeitsplätze zu schaffen. Etwa, indem die Sozialabgaben reduziert werden, damit Firmen ihre Gewinne steigern können. Das halte ich für wichtig und richtig. Falsch aber ist, dass der öffentliche Dienst in den Reformplänen fast gar nicht vorgesehen ist. Es ist zu wenig, keine neuen Einstellungen zu planen. Vielmehr müsste die Rolle des Staates weiter zurückgefahren werden. Das aber wird nicht passieren.

Zur Person

  • Bruno Cavalier

    Bruno Cavalier ist Makro-Ökonom und seit 2007 Chefvolkswirt von „Oddo &Cie“, Paris, einer unabhängigen und familiengeführten Finanzdienstleistungsgruppe. Zuvor hatte er  führende Positionen bei den französischen Großbanken Crédit Agricole und Crédit Lyonnais inne.

Warum nicht?

Ganz einfach: Das kommt in der Öffentlichkeit nicht gut an. Die Regierung fürchtet einen Imageschaden. Und: Die Angestellten im öffentlichen Dienst sind schon aufgrund ihrer hohen Zahl für alle Parteien bei Wahlen extrem wichtig. 2012 wäre Hollande niemals ohne die Stimmen der Staatsbediensteten Präsident geworden, sie haben massiv für ihn gestimmt. Mit der Klientel will man es sich also nicht verscherzen.

Zumal dann sicher auch der linke Flügel der sozialistischen Partei auf die Barrikaden geht, oder?

Ich glaube, dass der Einfluss des linken Flügels überschätzt wird. Mit der Kabinettumbildung im Herbst 2014 sind alle kritischen und antiwirtschaftlichen Stimmen aus der Regierungsmannschaft geflogen. Die Hollande-Administration macht inzwischen einen stabilen Eindruck und scheint sich auf die Agendapolitik eingeschworen zu haben.

Woran Frankreich krankt

  • Wettbewerbsfähigkeit

    In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

    Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

  • Lohnstückkosten

    Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

  • Arbeitslosigkeit

    Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

  • Staatsverschuldung

    Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2013 lag die Defizitquote mit 4,3 Prozent weiterhin deutlich über den Maastricht-Kriterien. Und auch für das Jahr 2014 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

  • Private Verschuldung

    Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Zurück zu der Ausgangsfrage: Sie sagen, Hollandes neuer Kurs ist glaubwürdig. Warum aber bleiben heilige Kühe unangetastet – etwa die Taxi-Branche?

Nun, das Gezerre mit der Taxi-Branche ist ja kein typisch französisches Problem. Ich glaube, es gibt fast in ganz Europa politischen und gesellschaftlichen Streit, ob die Taxi-Branche aufgelockert werden muss. Nur: Gerade in Frankreich hat die Riege eine starke Stellung. Wenn alle Taxifahrer ab morgen streiken würden, wäre Paris lahmgelegt. Das Problem wird zeitnah nicht durch die Politik gelöst, wohl aber durch die Technik. Die Taxi-Fahrer werden den Fortschritt nicht aufhalten können; Wettbewerber aus der digitalen Welt drängen in den Markt der Personenbeförderung. Zum Teil tut sich in diesem Bereich auch etwas in Frankreich: Hollande plant, den Reisebusverkehr auszubauen. Bislang sind Überlandbusse, wie wir sie aus England oder Spanien oder seit einigen Monaten nun auch aus Deutschland kennen, in Frankreich nicht existent. Hier soll ein neuer Geschäftszweig geschaffen werden. Das schafft Jobs und führt zu niedrigeren Preisen für die Verbraucher, da wir Wettbewerb haben werden.

Werden in Frankreich bald auch Geschäfte sonntags öffnen?

Nun, zunächst einmal müssen wir feststellen, dass die Öffnung von Läden am Sonntag nicht viele Jobs schaffen oder Wachstum bringen wird. Die Leute werden nicht mehr ausgeben als früher. Es macht keinen Sinn, Shops am Sonntag in kleinen Dörfern und Städten im Landesinneren zu öffnen. Das muss auch nicht sein. Aber: Es ist ein Symbol für Flexibilität und Bereitschaft, den weltweiten Wettbewerb anzunehmen. Wichtig ist die Lockerung der Ladenöffnungsgesetze vor allem für Paris. Für die Hauptstadt ist es von Nachteil, dass die Geschäfte am Sonntag geschlossen sind. Touristen, die in der Stadt sind, können ihr Geld so gar nicht ausgeben. Das ist in New York, London und mit Abstrichen auch in Berlin anders. Kurzum: Wir brauchen mehr Flexibilität und die Möglichkeit, dass jeder Unternehmer in seinem Interesse handeln kann.

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