Buschfunk: Brasilien im Sog der Gewalt

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kolumneBuschfunk: Brasilien im Sog der Gewalt

Kolumne von Alexander Busch

Kommende Woche startet die Fußball-WM in Brasilien. Das Land hat derzeit höhere Mordraten als der kongolesische Bürgerkrieg. Wie die alltägliche Gewalt die Gesellschaft verändert.

Etwa 10.000 Deutsche werden zur WM nach Brasilien reisen, schätzt die Fifa anhand der Ticketbuchungen. Sie brauchen sich keine Sorgen um die Kriminalität zu machen - so lautet die offizielle Beruhigungsmantra der Regierung. Für die Sicherheit der Touristen sei gesorgt, wiederholen Minister und Behörden. Doch das wirkt wenig glaubwürdig angesichts der Tatsache, dass in Brasilien im vergangenen Jahr 50.000 Menschen ermordet wurden – in Deutschland waren es 2012 gerade mal 281 Menschen.

In Brasilien herrschen also höhere Mordraten als im kongolesischen Bürgerkrieg. Die Mehrheit der zwölf Austragungsorte der WM zählen zu den 50 Städten mit den höchsten Mordraten weltweit.

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Gewalt und Unsicherheit.

Dennoch hat auch die Regierung durchaus Recht: Die Chancen stehen gut, dass die allermeisten WM-Touristen unbeschadet wieder nach Hause fahren. Denn sie werden gar nichts mitbekommen von der hier herrschenden Gewalt und Unsicherheit.

Denn einerseits finden die meisten Morde dort statt, wo sich Touristen eher selten verirren: In der Peripherie der Großstädte, auf dem flachen Land. Außerdem wirken die Brasilianer meist so entspannt und gut gelaunt, dass man gar nicht ahnt, wie schnell eine Situation in steinzeitliche Gewalt umschlagen kann. Wenn der eben noch cool aussehende Surfer in Bermudas und nacktem Oberkörper sich zwischen den Autos durchschlängelt, einen Revolver zieht und keine Sekunde zögern wird, einen Fahrer, der nicht schnell genug sein Handy rausrückt, in den Kopf zu schießen.

Verlust an Lebensqualität

Es ist für Europäer unvorstellbar, wie weit der Alltag in Brasilien durch Unsicherheit geprägt wird, wie weit diese permanente Bedrohung bis ins Unterbewusstsein eindringt: Wie ich durch eine Straße gehe, was ich anziehe, welchen Weg ich wähle, auf was ich achte beim Gespräch mit jemandem – alles kontrolliere ich permanent auf Sicherheitsaspekte.

Das meiste davon automatisch, ohne es überhaupt noch zu bemerken - wie alle Brasilianer. Das ist ein hoher Verlust an Lebensqualität: Automatisch legen unsere Kinder ihre Uhren und Halsketten ab, wenn sie auf die Straße gehen.

Die kleineren können nicht alleine mit dem Fahrrad zum Fußballverein fahren. 300 Meter sind das. Warum? Weil immer wieder Autofahrer mit 100 Km/h durch unsere Straße rasen und sich nicht um Fußgänger, Ampeln und Verkehrsregeln kümmern. Weil ihnen nicht nur das Fahrrad und die Fußballschuhe geklaut werden könnten – was nicht wegen des Verlusts, sondern wegen der Bedrohung beängstigend ist. Weil sie in ein Auto gezogen und entführt werden könnten.

Vier Überfälle

Ich bin in Brasilien viermal mit einer Waffe überfallen worden. Mir ist dabei nie etwas Schlimmeres passiert. Auch meiner Familie ist bisher nichts geschehen. Damit gehören wir zu den Privilegierten. Doch die Einschläge rücken näher.

Aus dem engeren Bekanntenkreis wurde eine Freundin vor wenigen Wochen brutal in ihrem Wohnhaus überfallen, kam aber mit dem Leben davon. Ein enger Freund wurde telefonisch erpresst mit einer fingierten Entführung seines Sohnes. Die Ehefrau eines anderen wurde mehrere Stunden entführt, kam dann aber ohne Lösegeldzahlung unversehrt wieder frei.

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