Chaos in Mali: Europa droht Terrorismus und Verlust wirtschaftlicher Partner

Chaos in Mali: Europa droht Terrorismus und Verlust wirtschaftlicher Partner

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Die französische Regierung hofft auf einen leichten Durchmarsch in Mali.

von Hans Jakob Ginsburg, Florian Willershausen, Silke Wettach und Karin Finkenzeller

Von Mali bis zum Suezkanal taumelt die riesige Weltregion ins Chaos. Die Krisen in den unterschiedlichen Ländern verstärken sich gegenseitig. Europa drohen Terrorismus und der Verlust potenzieller wirtschaftlicher Partner vor der eigenen Haustür.

Heute noch schämt sich Madibo Maiga, dass er sich nicht gleich von Anfang an gegen die bärtigen Männer stellte, die in seiner Heimatstadt Timbuktu die Macht übernahmen. Der 54-jährige Agrarexperte war eine Respektsperson, schon weil er für die Verbreitung moderner Bewässerungssysteme im dürren Norden von Mali sorgte. „Die Bärtigen taten so, als wollten sie uns helfen, eine neue Ordnung aufzubauen“, erzählt Maiga der WirtschaftsWoche. Von Ordnung träumt man in der riesigen Region, wo Korruption und Clanherrschaft das Geld aus der Hauptstadt Bamako seit Jahren versickern lassen.

Dann aber entpuppten sich die neuen Machthaber als islamistische Terroristen. Maiga musste fliehen, und seine Heimat wurde Brennpunkt eines Konflikts, der Nordafrika – von der Mittelmeerküste bis zum Südrand von Sahara und Sahel-Zone – mit dem Kollaps bedroht. Er erschüttert aber auch Europa: Die militärische Intervention in Mali, für Frankreichs Regierung fast eine Selbstverständlichkeit und für das bislang erst spärlich involvierte Deutschland eine lästige Bürde, könnte einem neuen Afghanistan gelten.

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Zwei Jahre nach der großen arabischen Rebellion droht der Norden Afrikas in islamistischer Reaktion und wirtschaftlicher Stagnation zu versinken. Das wirkt sich verheerend aus auf die viel ärmeren Länder im Süden, die ihr gesteigertes Elend wiederum in Richtung Norden exportieren. Für Flüchtlinge sind die Tausende Kilometer langen Grenzen in der Wüste keine wirklichen Hindernisse; für Terroristen erst recht nicht: Der Anschlag auf das algerische Gasfeld im Januar war dafür ein schlimmes Beispiel.

Glanz und Elend in der Wüste. Zur vergrößerten Ansicht bitte auf die Darstellung klicken.

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All das konnte sich Maiga, der Agronom aus Timbuktu, anfangs nicht vorstellen. Solange es ging, gehorchte er den bärtigen neuen Herren, damit er weiter Medikamente für die örtliche Krankenstation besorgen und weiter Brunnen bauen konnte – das Geld dafür kam aus Frankreich und den USA. Doch es ging nicht lange gut: Nach zwei Wochen begannen die radikalen Herrscher, vor Maigas Augen widerspenstige alte Männer zu schlagen und jungen angeblichen Dieben die Hand abzuhacken.

Mit Mühe erhielt Maiga schließlich die Erlaubnis, Timbuktu mit dem Auto zu verlassen. Dramatische Momente, die ihn noch heute verfolgen: Aus einer Falte seines grünen Gewands zieht er einen Zettel mit der Aufschrift „Laisser Passer“ – den Passierschein der inzwischen aus Timbuktu vertriebenen islamistischen Polizei.

Und jetzt, nachdem das französische Militär die Bärtigen aus Timbuktu verjagt hat? Maiga haust weiter in Bamako, in einem Flüchtlingsheim in Zimmer B9 auf einer verlausten Matratze: „Sie haben mir alle Maschinen gestohlen, es gibt keine Verwaltung, keine Wirtschaft, keine Arbeit, absolut nichts!“ Der Wiederaufbau wird lange dauern, die Stabilisierung Nordafrikas, so überhaupt möglich, viel länger.

Eines ist sicher: Mit der Entsendung von Militär, wie jetzt nach Timbuktu, ist wenig getan. Die Krisenregion ist größer als EU-Europa – und ein gefährliches Gemisch. Da gibt es potenziell reiche Länder, dank der Bodenschätze – aber auch bettelarme. In vielen Ländern gibt es ethnische Gegensätze zwischen Afrikanern schwarzer Hautfarbe, Arabern und Berbervölkern wie den Tuareg in Mali. Und dann gibt es den ganz großen Konflikt zwischen offenbar immer militanteren Islamisten, friedlichen Muslimen wie Maiga und nicht islamischen Minderheiten wie den Christen in Ägypten oder im Norden Nigerias.

Nach alter Gewohnheit könnte Europa – abgesehen vielleicht von der alten Kolonialmacht Frankreich – wegschauen, wenn weit weg in der Sahelzone die Völker aufeinander einschlagen. Die Argumente sind bekannt. Sie reichen von der Unregierbarkeit von Subsahara-Afrika bis zur Warnung vor einer imperialistischen Bevormundung der arabischen Welt. All das zieht derzeit aber nicht: In Mali spielt sich eben keine der postkolonialen Endlos-Tragödien ab – wie etwa im Kongo. In der ehemaligen französischen Kolonie gibt es eine muntere Zivilgesellschaft, die nicht islamisiert werden will und die Intervention der Franzosen gut findet, ja feiert.

In den Hauptstädten am Mittelmeer denken viele Menschen ähnlich: Junge Geschäftsleute im Kairoer Café Riche, Universitätsdozenten in Tunis oder gebildete Journalisten in algerischen Zeitungsredaktionen wünschen sich derzeit sehnlichst mehr westlichen Einfluss auf ihre Länder, um den islamistischen Ansturm und den anhaltenden Machtanspruch korrupter Militärs und Bürokraten abzuwehren.

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