China auf der Buchmesse: China: Ökonomie und Menschenrechte

China auf der Buchmesse: China: Ökonomie und Menschenrechte

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Schriftsteller Ma Jian

Der chinesische Schriftsteller Ma Jian über Chinas Wirtschaftsmacht, Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung und was Deutschland tun kann.

WirtschaftsWoche: Herr Ma, die Welt hofft wegen der Finanzkrise auf China und sein Wirtschaftswunder. Sie dagegen beschreiben in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Peking Koma“ China als Land der Unterdrückung und des Leids. Wie passt das zusammen?

Ma: Es scheint, dass man mit Diktaturen besonders gut Geschäfte machen kann.

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Was bedeutet das für westliche Unternehmen, die nach China gehen?

Es geht nicht an, dass Unternehmen Menschen, die unter der Diktatur leiden oder dagegen aufbegehren, in Gefahr bringen. Ich hoffe, dass die Wirtschaft aus dem Fall Yahoo gelernt hat. Das Internet-Unternehmen hatte Informationen über den Journalisten Shi Tao herausgegeben, der dann 2004 zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Wir Schriftsteller im PEN haben Yahoo deswegen kritisiert. Es gab eine große Debatte, als Folge davon hat der US-Kongress sich mit Yahoo beschäftigt. Shi Tao sowie der Internet-Blogger Wang Xiaoning und ihre Familien haben Yahoo verklagt. Am Ende hat der damalige Yahoo-Chef Jerry Yang, der aus Taiwan stammt, einen Vergleich mit ihnen geschlossen. Die Anhörung im US-Kongress wurde live übertragen, ich habe sie mir angesehen. Am Ende hat jemand zu Yahoo-Chef Yang gesagt: „Shi Tao ist ungefähr so alt wie Sie. Sie sitzen hier, er sitzt im Gefängnis. Wie wollen sie das seiner Schwester erklären?“ Das hat mich sehr bewegt.

Haben die Unternehmen denn daraus gelernt?

Ich denke, dass es in der Wirtschaft nun einmal um das Geschäft geht. Wenn wir die Unternehmen nicht kontrollieren, werden sie Fragen der Menschenrechte wenig beachten.

Und von Chinas Regierung nicht gewünscht.

Das zu ändern, ist nicht einfach. In China lässt sich viel Geld verdienen. Ministerpräsident Wen Jiabao kann nicht nur Deutschland besuchen, sondern auch Frankreich. Er kann sagen: Wenn ihr Geld verdienen wollt, dann seid lieber brav. Falls nicht, macht er beim nächsten Europabesuch sonst einen Bogen um Deutschland. Diesen Druck finde ich furchterregend. Dieses Verhalten Chinas senkt weltweit die Standards, was Menschenrechte betrifft. Das darf nicht sein.

Auch China profitiert von den Geschäften und hat ein Interesse daran. Gibt es nicht doch einiges, was Deutschland tun kann?

Die Frankfurter Buchmesse ist eine sehr gute Gelegenheit. Die chinesischen Schriftsteller und Verleger sind alle hier. Ihr müsst ihnen Eure Werte erklären. Das Verlagswesen ist keine Branche wie jede andere. Die Meinungsfreiheit der Autoren muss geschützt werden. Die Meinung des Einzelnen. Das Verlagswesen darf nicht unter der Kontrolle einer Einheits-Staatspartei stehen. Aber so ist es heute in China: Die Bücher drücken die Meinung der Partei aus. Zum Nationalfeiertag am 1. Oktober hat Staatspräsident Hu Jintao noch einmal eine Ausgabe mit dem „Mao-Zedong-Denken“ herausgegeben. Das ist nicht gerecht gegenüber dem chinesischen Volk. China ist keine sozialistische Gesellschaft mehr, Mao Zedong ist tot. Trotzdem kann die Führung solche Mittel benutzen, um die Kontrolle zu bewahren.

Aber die Menschen müssen ihr nicht glauben.

Wenn ich auf der Arbeit sagen muss: Ja, das stimmt. Und zu Hause, zu meiner Frau und den Kindern sage: Das sind alles Lügen, das ist alles Mist. Dann entsteht dadurch eine Gesellschaft ohne Werte und Moral, ohne Menschenwürde. Sie können ja mal ein paar Chinesen nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 fragen. Die trauen sich nicht, ihre Meinung dazu zu sagen. Die wagen es wirklich nicht. Schauen sie nach Singapur, ebenfalls ein autoritärer Staat ohne Freiheit. Das erstickt die Kreativität. In China fehlt eine Kultur der Kritik an Missständen. Die Zensur ist sehr streng. Schauen sie in die Bücher der offiziellen Delegation: Da finden sie teils schöne Literatur, aber keine Wahrheit.

Wirklich? Wie ist es zum Beispiel mit Mo Yan, der auf der Eröffnungsfeier neben Angela Merkel und Chinas Vize-Staatspräsident Xi Jinping gesprochen hat? Der hat 1992, wenige Jahre nach dem Massaker vom Tiananmen-Platz, einen fantastischen Roman geschrieben über Parteifunktionäre, die so korrupt sind, dass sie Kinder essen. Das klingt nicht nach Lobhudelei für die Mächtigen.

Mo Yan macht das sehr geschickt, das ist wahr. Aber am Messestand der offiziellen Delegation werden sie kein einziges Buch finden, in dem etwas über das Massaker vom 4. Juni steht. Im Frühjahr hatte ich bei einer China-Reise die seltene Gelegenheit, an einer Universität vor Studenten über das Massaker zu sprechen. Viele hörten zum ersten Mal davon.

In „Peking Koma“ beschreiben Sie auf 920 Seiten, wie die Studenten mit dem Protest begannen, was auf dem Platz des himmlischen Friedens im Mai und Juni 1989 geschah. Sie beschreiben auch das Massaker und was aus den Überlebenden wurde. Ist es nicht eine große Last für einen Schriftsteller, zugleich die Arbeit des Historikers machen zu müssen?

So sehe ich das nicht. Ich schreibe über diesen Teil der jüngsten Geschichte, weil er mich bewegt. Als ersten Anstoß zu dem Roman hatte ich das Bild eines Menschen, der im Koma liegt, mit einem Vogel, der auf seiner Brust sitzt. Anfangs wusste ich nicht, was daraus entstehen würde.

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