China: Auf der Schattenseite des Booms

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China: Auf der Schattenseite des Booms

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Liu Ling, 33, Haushaltshilfe

„Ich bin vor acht Jahren mit meinem Mann nach Shanghai gezogen. Meine Eltern sind Bauern in der Provinz Anhui. Mit dem Bus sind es etwa zehn Stunden dorthin. Wir sind hierher gezogen, um mehr Geld zu verdienen. Richtig viel ist es nicht, aber mehr als auf dem Land allemal. Ich arbeite als Hausangestellte bei verschiedenen Leuten. Das bringt etwa 2500 Yuan im Monat. Mein Mann verdient in etwa dasselbe. Er arbeitet auf Baustellen. 600 Yuan kostet das Zimmer im Monat. Die Hälfte unseres Einkommens legen wir zurück. Versicherungen haben wir nicht. Das Geld ist für die Ausbildung meiner Tochter und eine Altersvorsorge. Materielle Wünsche habe ich keine, unsere letzte Anschaffung war ein Computer. 3000 Yuan hat der gekostet. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich meine Tochter nach Shanghai holen. Ich vermisse sie sehr, wir telefonieren alle zwei Wochen. Am tollsten wäre es, wenn sie hier studieren könnte.“

von Philipp Mattheis

Während die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt boomt, leben 250 Millionen Wanderarbeiter als Bürger zweiter Klasse. Ein veraltetes Meldesystem und eine fehlende Absicherung hindern sie am sozialen und ökonomischen Aufstieg.

Liu Ling freut sich auf das Frühlingsfest, das China in diesen Tagen feiert. Dann wird sie zehn Stunden in einem Bus sitzen, der sie in ihre Heimat bringt, ein Dorf in der Provinz Anhui. Für Liu Ling ist das etwas ganz Besonderes: Nach einem Jahr Arbeit in der Stadt darf sie endlich ihre fünfjährige Tochter wiedersehen.

Aber noch ist in Liu Ling in Shanghai. Die 33-Jährige sitzt auf einem fleckigen Laken, ringsumher stapeln sich zwei alte Fernseher, Essen in Plastikboxen, Kleidung, Werkzeuge und Müll. Der Raum, in dem sie mit ihrem Mann lebt, ist ungeheizt, die Wände sind schmutzig. Ihre Finger zupfen an den Ärmeln ihres Anoraks herum, sie blickt zu Boden. „Das Geld reicht nicht, um unsere Tochter hier auf die Schule zu schicken. Wir müssen so viel sparen wie möglich“, sagt sie.

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250 Millionen Wanderarbeiter

Liu Ling und ihr Mann gehören zu den 250 Millionen Wanderarbeitern, ohne die Chinas Aufstieg und Wohlstand nicht möglich gewesen wäre. Nur sie selbst sind dabei nicht reich geworden. Beide arbeiten täglich zwischen acht und zwölf Stunden. Auf die Frage, was sie in ihrer Freizeit tue, hat Liu keine Antwort. Sie arbeitet als Hausangestellte und bekommt 2500 Yuan im Monat, etwa 300 Euro. Ihr Mann verdient als Bauarbeiter ebenso viel. Obwohl Liu seit acht Jahren in Shanghai lebt, hat sie keinen Anspruch auf Sozialleistungen wie Kranken- oder Arbeitslosenversicherung. Deshalb legen die beiden die Hälfte ihres Verdienstes zurück: für den Fall, dass sie ihre Jobs verlieren, für die Ausbildung ihrer Tochter, für Medikamente oder Krankenhausaufenthalte, für das Alter.

Was übrig bleibt, geht für Miete, Strom, Wasser und Nahrung drauf. Damit verdienen die beiden noch verhältnismäßig gut: Das durchschnittliche Monatseinkommen von chinesischen Wanderarbeitern lag 2011 bei etwas über 2000 Yuan (rund 250 Euro).

Konsumausgaben der Chinesen

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Zu geringer Konsum

Hinter diesen Zahlen verbergen sich nicht nur menschliche Tragödien. Auch hemmt die Armut der Wanderarbeiter Chinas wirtschaftliche Entwicklung. Wer wenig hat und viel spart, kann wenig ausgeben. Dabei will die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt künftig stärker durch den Konsum als durch Exporte wachsen. Seit Jahren predigt Chinas Regierung den Umbau der Wirtschaft: weg von der Ausfuhr von Billigwaren, hin zu mehr Binnennachfrage.

Zwar wuchsen die Ausgaben der privaten Haushalte seit 1995 im Schnitt um 8,5 Prozent pro Jahr. Dennoch stellt der Konsum einen immer geringeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP): Von 2000 bis 2010 schrumpfte er von 46 auf 34 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag der Anteil 2011 bei 57 Prozent, in den USA bei 72 Prozent. Gleichzeitig hat China eine der weltweit höchsten Sparquoten: Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds legen die Haushalte 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens zurück.

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