China: Chinas Staatsbanken drohen Kredit-Exzesse

China: Chinas Staatsbanken drohen Kredit-Exzesse

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Bankenviertel in Shanghai: Welle neuer Darlehen ist staatlich gewollt

Kreditschwemme statt Kreditklemme: Als Konjunkturanschub verleihen Chinas Staatsbanken Geld wie nie zuvor. Die Angst vor faulen Krediten wächst.

Liu Mingkang ist normalerweise ein besonnener Mensch. Doch als er vor wenigen Tagen die neuesten Statistiken zur Kreditvergabe auf den Tisch bekam, hätte Chinas oberster Bankenaufseher beinahe die Geduld verloren. Umgerechnet mehr als 520 Milliarden Euro an neuen Krediten haben Chinas Staatsbanken in den ersten drei Monaten des Jahres vergeben – im Vergleich zum Vorquartal ein Anstieg von mehr als 200 Prozent. „Das Kreditwachstum“, ereiferte sich Liu, „muss strenger kontrolliert werden.“ Ansonsten drohe ein massiver Anstieg fauler Kredite.

Dabei ist die Welle neuer Darlehen staatlich gewollt. Als im November 2008 klar wurde, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise auch an China nicht spurlos vorübergehen würde, beschloss die Regierung ein Konjunkturprogramm im Umfang von rund 470 Milliarden Euro, das weltweit zweitgrößte nach den USA. Doch nur etwa ein Drittel der Summe kommt aus dem chinesischen Staatshaushalt. Den überwiegenden Teil müssen die Provinzregierungen, vor allem aber die staatlichen Banken über eine höhere Kreditvergabe beisteuern.

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In den Wochen darauf haben die großen staatlichen Finanzinstitute, allen voran Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), Bank of China (BoC) und China Construction Bank (CCB), die Darlehensvergabe stark ausgeweitet. Im ersten Quartal vergab die ICBC viermal so viele Kredite wie vor einem Jahr. Bei der CCB verdreifachte sich das Kreditwachstum, und die BoC hat doppelt so viel Geld verliehen wie im ersten Quartal 2008. Mit der Kreditschwemme drohen zugleich vermehrte Kreditausfälle, die die Banken belasten. Geraten sie dadurch in Not, müsste dann der chinesische Staat einspringen.

Durchwachsene Resultate in der Vergangenheit

Die Steuerung der Wirtschaft über direkte Anweisungen der Regierung an die Banken, die Kreditvergabe auszuweiten oder zu drosseln, ist ein beliebtes Werkzeug im staatskapitalistischen Instrumentenkasten. Jedes Jahr legt Chinas Zentralbank für jedes Finanzinstitut eine Quote für die zu vergebenden Darlehen fest. Befürchtet Peking ein langsameres Wachstum, wird die Quote erhöht. Droht die Wirtschaft zu überhitzen, wird sie verringert. Die Höhe der Zinsen spielt praktisch keine Rolle „Die Steuerung der Kreditvergabe durch direkte administrative Eingriffe ist Chinas schärfste wirtschaftliche Waffe“, sagt Derek Scissors, Asien-Ökonom des Forschungsinstituts Heritage Foundation in Washington.

Doch schon in der Vergangenheit haben die Eingriffe der Regierung ins Kreditgeschäft der Banken bestenfalls durchwachsene Resultate geliefert. Als Ende des vergangenen Jahrzehnts im Gefolge der Asienkrise der Konjunkturmotor stotterte, weitete Peking die Kreditvergabe massiv aus. Längst nicht immer floss das Geld in rentable Projekte, zahlreiche leere Fabrikhallen und Apartmenthochhäuser in der Provinz waren die Folge. Als vor zwei Jahren die Wirtschaft zu überhitzen drohte, drosselte Peking die Darlehensvergabe wieder – mit der Folge, dass selbst gesunde Unternehmen mit soliden Investitionsplänen kein Geld mehr bekamen. Dieses Mal könnte die staatlich initiierte Geldschwemme Chinas Bankensektor in Schwierigkeiten bringen, denn das Volumen der neu vergebenen Darlehen ist beispiellos. „Die faulen Kredite werden mit Sicherheit zunehmen“, warnt Qiang Liao, Bankenexperte der Ratingagentur Standard & Poor’s in Peking.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was der China-Chefökonom Paul Cavey über den Kurs der Regierung denkt

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