China: Peking ist weit weg

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Ein Junge winkt einem Flugzeug, das auf dem Flughafen von Guangzhou landet

von Matthias Kamp

Im Süden von China, in der Stadt Guangzhou, entsteht eine lebendige Zivilgesellschaft. Von dem eisigen politischen Klima in der Hauptstadt Peking lassen sich die Menschen dort nicht beeindrucken.

Wer das Büro von Zhu Jiangang sucht, muss zunächst an mehreren Bambusregalen vorbei. Fair gehandelten Tee und Sojabohnen bietet er dort zum Verkauf an. Wenige Meter weiter sitzen einige seiner Mitarbeiter vor ihren Laptops. Manche der jungen Leute tragen Latzhosen und Schlabber-T-Shirts. An der Wand steht ein Regal mit Literatur zur Arbeit westlicher Nichtregierungsorganisationen. Auf dem Tisch davor dampft frisch gebrühter Tee. Die Szenerie erinnert ein wenig an das friedensbewegte Deutschland der frühen Achtzigerjahre.

Zhus Büro liegt am Ende des lang gezogenen Raums. Der studierte Anthropologe und Politikwissenschaftler ist Direktor des Instituts für Zivilgesellschaft im südchinesischen Guangzhou, dem früheren Kanton. Zhu und seine 16 Mitarbeiter unterstützen chinesische NGOs bei ihren Hilfsprojekten in armen Landstrichen Südchinas. Außerdem betreibt er politische Forschung: Zhu will herausfinden, wie sich Chinas Zivilgesellschaft unter den derzeitigen politischen Bedingungen weiterentwickeln lässt. Eine Revolution plane er nicht, betont Zhu. Allerdings: „Wir wollen die Menschen ermuntern, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“

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Lebendige Zivilgesellschaft

Dass in der rund 2000 Kilometer entfernten Hauptstadt die kommunistischen Hardliner ein Klima der Angst verbreiten, beeinträchtigt Zhus Arbeit kaum. Von den Verhaftungen der vielen Rechtsanwälte und Künstler wie Ai Weiwei in jüngster Zeit hat er gehört, auch von dem verschärften Druck auf die Medien, von den Liedern der Mao-Ära, die in einigen Landesteilen nun wieder gesungen werden, und der drakonischen Internet-Zensur auch. Aber am Ende sei Peking dann eben doch sehr weit weg. Als die Zentralregierung beispielsweise anordnete, chinesische NGOs dürften keine Spenden aus dem Ausland mehr annehmen, hat man in Guangzhou nur mit den Schultern gezuckt. „Vielleicht greift das Verbot in Peking“, sagt Zhu, „bei uns in Guangzhou aber nicht.“ Die örtliche Regierung sei klug, findet er, denn bei vielen Dingen schaue sie einfach weg.

Engagierte Bürger wie Zhu gewinnen in Guangzhou an Einfluss. In der Stadt am Perlflussdelta, nicht weit von Hongkong, hat sich in den vergangenen Jahren eine lebendige Zivilgesellschaft entwickelt. Da gehen Anwohner schon mal gegen den Bau einer Müllverbrennungsanlage auf die Straße. Eigentümer teurer Wohnungen und Häuser schließen sich in Verbänden zusammen, um ihre Interessen gegenüber den Behörden und den oft arroganten Immobilienfirmen zu vertreten. Internet-Aktivisten gründen Plattformen, auf denen Wanderarbeiter sich über Behörden und Arbeitgeber beschweren können. Unterstützung bekommen sie von den Medien der Region: Die Zeitungen in Guangzhou gehören zu den mutigsten im ganzen Land. „Natürlich gibt es Grenzen, aber die Freiräume sind in Guangzhou sicherlich größer als in Peking“, sagt der Soziologe Peng Peng.

Guangzhou gilt als Einfallstor für neue Ideen

In den vergangenen Jahrzehnten haben es Guangzhou und das Perlflussdelta im Ausland vor allem als Fabrik der Welt zu Bekanntheit gebracht. Millionenheere von Wanderarbeitern fertigen in staubigen Fabriksiedlungen Taschen, Turnschuhe oder Tretroller für Europa und die USA. Beobachter wie Zhu finden, die Zuwanderer aus allen Teilen Chinas hätten zum weltoffenen und multikulturellen Flair Guangzhous beigetragen.

Doch die Handelsmetropole im Süden hat eine lange Tradition als Einfallstor für neue Ideen und Einflüsse aus dem Westen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgte der Hafen für intensive Kontakte mit dem Ausland. Im frühen 20. Jahrhundert lebte Chinas Republikgründer Sun Yat-sen in Guangzhou. Er wollte das Reich der Mitte mit weitreichenden Reformen in die Moderne führen. Als Anfang der Neunzigerjahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Öffnung der Wirtschaft ins Stocken geriet, reiste Deng Xiaoping in den Süden. In Shenzhen, nicht weit von Guangzhou, hielt der Begründer des chinesischen Wirtschaftswunders eine viel beachtete Rede. Kurz darauf gingen die Reformen weiter. Im vergangenen Jahr wählte Premier Wen Jiabao ebenfalls die Region im Süden Chinas für ein wichtiges Plädoyer: Er sprach sich für politische Reformen aus.

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