China: Pekings Kampf gegen die Arbeitslosigkeit

China: Pekings Kampf gegen die Arbeitslosigkeit

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Chinesische Baustelle: Mit einer Jobbörse sollen Wanderarbeiter neue Arbeit finden

Jobbörsen, Startup-Hilfen, Steuergeschenke: Wie die Behörden in Chinas Provinzen versuchen, arbeitslose Wanderarbeiter von der Straße zu holen.

Der Regen hat die Feldwege der Bauernsiedlung Renyuan im Landkreis Sihong aufgeweicht. Zwei Kinder, zum Schutz gegen die Kälte in mehrere Lagen Kleidung gehüllt, spielen im Schlamm. Vor einem der halb verfallenen Häuser arbeitet ein alter Mann in Mao-Jacke mit einer Spitzhacke auf einem rund 20 Quadratmeter großen Feld. Süßkartoffeln sollen hier im Frühjahr wachsen. Renyuan im Nordwesten der chinesischen Provinz Jiangsu ist der Inbegriff der Trostlosigkeit.

Inmitten der Einöde steht Deng Benhua und zerbricht sich den Kopf darüber, wie er seine Frau und seinen Sohn in diesem Jahr durchbringen soll. „Die Einnahmen aus dem Anbau decken in manchen Jahren nicht mal die Kosten“, sagt der Mann. Bislang kam seine Familie noch ganz gut über die Runden, denn Deng hatte einen vergleichsweise gut bezahlten Job auf einer Baustelle in Nanjing, etwa 200 Kilometer südlich seines Heimatdorfes. Gut 2000 Yuan, umgerechnet fast 230 Euro, hatte er am Monatsende in der Lohntüte.

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Doch damit ist seit gut fünf Wochen Schluss. Deng hat, wie Hunderttausende Arbeiter auf Chinas Baustellen, in den vergangenen Monaten seine Arbeit verloren. „Einen neuen Job werde ich so schnell nicht finden“, sagt der Chinese und blickt betreten zu Boden. Die gekündigten Bauarbeiter lassen das Heer der arbeitslosen Wanderarbeiter in China weiter anschwellen. Rund 20 Millionen der schätzungsweise 130 Millionen Chinesen, die fernab der Heimat in Fabriken und auf Baustellen Geld für ihre Familien verdienen, haben bislang ihre Arbeit verloren, und es dürften noch mehr werden. Im Januar hat China gut 17 Prozent weniger Waren ausgeführt als im Vorjahreszeitraum. Im Februar, erwarten Experten, dürften die Exporte abermals geschrumpft sein. Damit werden in den Küstenprovinzen weitere Fabriken schließen.

Massenunruhen könnten China ins Chaos stürzen

Die Kommunistische Partei ist wegen dieser Zahlen alarmiert. Sie fürchtet, Massenunruhen könnten das Land ins Chaos stürzen. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist darum eines der beherrschenden Themen des Nationalen Volkskongresses, der heute in Peking beginnt.

Neue Jobs für arbeitslose Wanderarbeiter zu finden, ist die Aufgabe von Wang Rongzhong. „Die Lage ist sehr ernst“, gesteht der Leiter des Arbeitsamts in Sihong. Doch Wang lässt sich nicht entmutigen. Mit Initiative, Fantasie und viel Arbeit, glaubt der Chinese, lässt sich die Krise bewältigen.

Als Erstes hat er vor wenigen Monaten den Kundenbereich des Arbeitsamtes renovieren lassen. Sihongs Arbeitslose führen ihre Vermittlungsgespräche mit den Sachbearbeitern nun in modernen, weiß gestrichenen Büros. Außerdem hat Wang seit Anfang des Jahres mehr als 30 Jobbörsen veranstaltet. Rund 11.000 Arbeitslose haben sich auf der jüngsten Messe registrieren lassen; dazu kamen 64 Firmen, die derzeit Mitarbeiter suchen. „Qualifizierte Leute haben durchaus Chancen“, sagt Wang.

Etwa bei Boston, einem lokalen Textilhersteller, der 1200 Fachkräfte sucht. Das Unternehmen produziert hauptsächlich für den Binnenmarkt – und da sind die Einzelhandelsumsätze im Januar um fast 20 Prozent gestiegen. Insgesamt, schätzt Wang, haben in den vergangenen Wochen gut 5000 Leute durch die Vermittlungsbörsen einen neuen Job gefunden. Andere Provinzen, wie etwa Anhui, haben sich das Modell abgeschaut und veranstalten nun auch regelmäßig Jobmessen.

Wang und sein Team in Sihong haben sich noch mehr einfallen lassen, um das Heer der Arbeitslosen zu verringern. Wer ein neues Unternehmen gründet, erhält einen zinslosen Kredit. Außerdem fallen während der ersten drei Jahre keine Steuern auf Erlöse an. Für neu eingestellte Mitarbeiter übernehmen die Behörden außerdem den Arbeitgeberanteil der Sozialbeiträge.

Wang Zheng hat sich von dem Angebot überzeugen lassen. Vor wenigen Wochen hat der 38-Jährige in Sihong eine Firma gegründet. Umgerechnet gut drei Millionen Euro hat er investiert, das Land haben ihm die Behörden verbilligt zur Verfügung gestellt. Jiangsu Tongxin, wie Wang sein Unternehmen getauft hat, produziert Kunststofffolien für die Landwirtschaft und für Verpackungen. Das Geschäft laufe immerhin zufriedenstellend, sagt Wang. Er profitiere unter anderem von den Investitionen der Regierung in die Modernisierung der Landwirtschaft. Immerhin hat er seine Belegschaft in den vergangenen Wochen von 30 auf 50 Mitarbeiter aufgestockt.

Es sind nicht mehr als erste zarte Pflänzchen, die sich inmitten von Chinas Wanderarbeiter-Misere zeigen. Doch die Regierung braucht solche Erfolge, denn die Unzufriedenheit bei den Arbeitslosen wird jeden Tag größer. Die ersten Arbeiteraufstände hat es bereits gegeben. „Die Regierung muss mehr für uns tun“, fordert der arbeitslose Bauarbeiter Deng Benhua. Noch immer schuldet ihm der alte Arbeitgeber rund 230 Euro. Jetzt hofft auch er, nach der nächsten Jobbörse in Sihong nicht länger auf Arbeit warten zu müssen.

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