China: Proteste beunruhigen die deutsche Wirtschaft

China: Proteste beunruhigen die deutsche Wirtschaft

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China: Proteste gegen Carrefour

Demonstrationen, Boykottaufrufe, restriktive Visa-Praxis: Die antiwestliche Stimmung in China beunruhigt die deutsche Wirtschaft.

Christian Rommel ist ein Freund Chinas. Seit gut zehn Jahren lebt der Deutsche nun schon in Hongkong und macht von dort aus Geschäfte mit der Volksrepublik. „Mindestens einmal in der Woche fahre ich über die Grenze nach Guangdong und schaue bei unseren Lieferanten vorbei“, sagt Rommel, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Rox Asia. In der chinesischen Provinz nahe Hongkong haben gut 30 chinesische Unternehmen ihre Fabriken, bei denen der Deutsche im Auftrag deutscher Edelmarken regelmäßig einkauft: unter anderem Verpackungen für die Porzellanhersteller  Nymphenburg und WMF sowie den Schreibgerätehersteller Pelikan.  „Ich muss ständig zu den Herstellern in China, um zu kontrollieren, ob die Qualität stimmt“, sagt Rommel.

Doch das dürfte künftig schwieriger werden, denn vor wenigen Tagen ist Rommels Visum für China abgelaufen. Beliebig oft konnte der Deutsche damit bislang während eines Zeitraums von sechs Monaten in die Volksrepublik einreisen, die Verlängerung der Genehmigung war in der Vergangenheit nie ein Problem. Seit Kurzem vergeben die chinesischen Behörden in Hongkong solche sogenannten Mehrfachvisa nicht mehr. „Ich muss jetzt jede Einreise nach China neu beantragen“, sagt der Deutsche. „Das nervt, ist teuer und kostet Zeit.“

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Rund 60 Prozent der rund 3000 deutschen Unternehmen in China spüren bereits die Verschärfung der Vergabepraxis, ergab eine Umfrage der Deutschen Handelskammer in China. Rund 30 Prozent beklagen, dass unter den derzeitigen politischen Spannungen ihre Geschäfte litten; 40 Prozent der deutschen Firmen in Hongkong wollen, einer weiteren Umfrage zufolge, wegen der restriktiven Visapolitik ihr China-Engagement überdenken.

Geschäftsleute in Deutschland bekommen zwar – anders als die in Hongkong – noch Mehrfachvisa für die Einreise nach China. Im Gegensatz zu früher brauchen sie aber ein offizielles Einladungsschreiben der chinesischen Behörde Fesco, eines Dienstleisters für ausländische Unternehmen in China.

Gut drei Monate vor Beginn der Olympischen Spiele hat sich das politische Klima in China tiefgreifend gewandelt. Bislang galt das boomende Riesenreich als offen und ausländerfreundlich, jetzt herrschen auf chinesischer Seite Misstrauen und Vorsicht gegenüber dem Westen. Auch Chinas Normalbürger machen keinen Hehl aus ihrer Ablehnung gegenüber dem Ausland. So erhalten westliche Journalisten Morddrohungen wegen angeblich unausgewogener Berichterstattung über die Ereignisse in Tibet. Gleichzeitig demonstrieren aufgebrachte Chinesen wegen der Pro-Tibet-Aktionen beim olympischen Fackellauf in Paris gegen Frankreich und rufen zum Boykott der Supermarktkette Carrefour auf.

Mitunter versucht die chinesische Regierung sogar, den Volkszorn gezielt anzuheizen. So erhielten die Chefs des InternetPortals Sohu.com, eines der größten im Reich der Mitte, kürzlich einen bedeutungsvollen Anruf aus dem Pekinger Propagandaministerium. Man möge, so die Anweisung, umgehend eine Liste aller in China lebenden Auslandskorrespondenten und ihrer Handynummern ins Internet stellen, damit die chinesischen Bürger mal richtig Dampf ablassen könnten. Erst nach heftigen Protesten des an der Nasdaq gelisteten Portals ließ das Propagandaministerium von seiner Forderung ab.

Die nächste Störung im deutsch-chinesischen Verhältnis ist programmiert. Im Mai will der Dalai Lama wieder nach Deutschland reisen und unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert treffen, möglicherweise auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nicht ausgeschlossen, dass die chinesischen Behörden die deutschen Unternehmen ihre Verärgerung wieder deutlich spüren lassen werden. Schon seit dem Treffen des geistlichen Oberhauptes der Tibeter mit der Kanzlerin im vergangenen September hat etwa der Daimler-Konzern in China große Probleme, Einfuhrlizenzen für seine Fahrzeuge zu bekommen. Kein Zufall sei das, wird in der Daimler-Niederlassung in Peking vermutet.

Für den einen oder anderen könnte sich zumindest das Visaproblem auf speziell chinesische Weise lösen. So sollen sich in Hongkong bereits die ersten Schwarzmarkthändler tummeln. Sie versprechen, die begehrten Geschäftsvisa für mehrmalige Einreisen nach wie vor besorgen zu können. Gegen ein saftiges Honorar.

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