China: Vergiftete Hilfe für Tibet

China: Vergiftete Hilfe für Tibet

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von Matthias Kamp

Die Regierung in Peking bemüht sich seit zehn Jahren, die Unruheregion Tibet durch Entwicklung und Wohlstand zu befrieden. Doch davon profitieren mehr zugereiste Chinesen als Tibeter.

Scheinbar endlos erstreckt sich die Steppe am Rande des Städtchens Damxung im Osten Tibets. Auf den Wiesen haben ein paar Nomaden ihre Zelte aufgebaut, davor grasen Yaks, eine besonders robuste Rinderart. Zwischen den Zelten trocknet der aufgestapelte Dung der Tiere. Im kalten tibetischen Winter heizen die Hirten damit. Im Hintergrund erheben sich imposante Sechs- und Siebentausender mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Smog und Dunst wie im Osten Chinas kennen die Menschen hier nicht.

Inmitten dieser Bergidylle, rund drei Autostunden nördlich der Hauptstadt Lhasa, steht eine weiße Fabrikhalle. Ein Unternehmen aus Hongkong füllt hier Mineralwasser ab. Jiang Xiaohong, Direktor des Werks, führt die Besucher stolz über das Gelände. Modernste Abfüllanlagen des bayrischen Herstellers Krones haben die Hongkonger für ihre Fabrik in Tibet angeschafft. Eine Produktionslinie kostet rund zwölf Millionen Dollar, Jiangs Fabrik hat fünf davon. Insgesamt haben die Hongkonger rund 74 Millionen Dollar in die Fabrik in Damxung investiert.

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Seit 2006 laufen die kleinen Flaschen mit dem Mineralwasser der Marke 5100 von den Bändern. Der Name steht für einen Gletscher in 5100 Meter Höhe, dessen Schmelzwasser die 150 Arbeiter des Werks aufbereiten und abfüllen. 5100 gilt als Premiummarke und wird im ganzen Land verkauft. Vor allem bei den wohlhabenden Chinesen im Osten des Landes findet das Edel-Wasser reißenden Absatz. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz des Herstellers auf umgerechnet 34 Millionen Dollar – ein Plus von 300 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „In diesem Jahr werden wir auch wieder kräftig zulegen“, sagt Direktor Jiang.

Geld für Strassen und Häuser

Geht es nach dem Willen der chinesischen Regierung, sieht es auch in anderen Teilen Tibets bald so aus wie in dem Städtchen Damxung. Denn Peking will die Provinz Tibet, die formal den Status einer autonomen Region hat, wirtschaftlich weiter entwickeln. Vor zehn Jahren startete Peking dazu eine sogenannte Go-West-Initiative. Denn bislang haben vor allem die Provinzen im Osten vom Boom der vergangenen Jahrzehnte profitiert.

Vor allem Tibet, das immer wieder von ethnischen Unruhen – zuletzt im März 2008 – erschüttert wird, gilt die besondere Aufmerksamkeit der Parteiführer. Zunehmender Wohlstand, so das Kalkül der Regierung, werde die Tibeter, die über religiöse Unterdrückung und soziale Ausgrenzung klagen, langfristig befrieden. Mehr als 41 Milliarden Dollar, erklärt Hao Peng, Tibets stellvertretender KP-Sekretär, hat die Zentralregierung darum in den vergangenen zehn Jahren nach Tibet gepumpt. Allein im vergangenen Jahr flossen rund drei Milliarden Dollar in die Region mit ihren 2,9 Millionen Einwohnern, gegenüber 2008 ein Plus von 31 Prozent. Einen großen Teil des Geldes hat die Regierung in den Aufbau der Infrastruktur auf dem Dach der Welt investiert.

Auf den ersten Blick können sich die Erfolge sehen lassen. Die Fahrt von Lhasa Richtung Norden geht über gut ausgebaute Straßen, links und rechts der Trasse glänzen nagelneue Hochspannungsmasten. Selbst die abgelegensten Dörfer sind inzwischen an das Stromnetz angeschlossen. Auf einer Seite der Straße verläuft die Bahnlinie, die seit 2006 Tibets Hauptstadt Lhasa mit dem Rest des Landes verbindet. Auch auf mehr als 5000 Meter Höhe zeigt das Mobiltelefon noch Empfang. Die meisten der Ortschaften haben eine Schule und ein Krankenhaus. In den vergangenen zehn Jahren erhielten mehr als 1,2 Millionen Tibeter Anschluss an eine Trinkwasserversorgung.

Überdurchschnittliches Wachstum

Auch der Wohnungsbau boomt. In Lhasa und Shigatse wachsen moderne Apartmenthochhäuser mit 20 und mehr Etagen in den Himmel. Auf den Landstraßen bewegen sich im Minutentakt Lkws, beladen mit Baumaschinen, Ziegelsteinen und Zement. Sie werden aus den Nachbarprovinzen Sichuan, Gansu und Qinghai in die unwirtliche Berggegend geschickt. Die größtenteils öffentlichen Investitionen schlagen sich inzwischen auch in den Statistiken nieder. Seit 2000 ist Tibets Wirtschaft um durchschnittlich 11,9 Prozent pro Jahr gewachsen, stärker als im Landesdurchschnitt. Die Wirtschaftsleistung der Region hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 6,45 Milliarden Dollar verdreifacht. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der tibetischen Bauern stieg in dieser Zeit von 177 auf 516 Dollar.

Doch trotz der erreichten Fortschritte hinkt Tibet dem Rest des Landes weit hinterher. Während die Wirtschaftsleistung pro Kopf im chinesischen Landesdurchschnitt im vergangenen Jahr bei rund 3700 Dollar lag, erwirtschaftet jeder Tibeter nur rund 2100 Dollar. „Unser Ziel ist es, das Einkommen der Bevölkerung in den nächsten Jahren auf den Landesdurchschnitt zu heben“, sagt der stellvertretende tibetische KP-Sekretär Hao.

Im Januar hat daher das KP-Zentralkomitee weitere Schritte zur Entwicklung der Region beschlossen – auch, um den nach wie vor schwelenden ethnischen Konflikt zwischen Tibetern und Han-Chinesen zu entschärfen. So will die Regierung Milliarden in den Aufbau der tibetischen Wirtschaft investieren. Den Schwerpunkt setzt Peking dabei auf den weiteren Ausbau der Infrastruktur, des Fremdenverkehrs und der Landwirtschaft sowie auf die Ausbeutung der Bodenschätze. Die Stabilität Tibets, verkündete Chinas Parteisekretär Hu Jintao, sei für Chinas Regierung neben der Verkleinerung der Kluft zwischen Arm und Reich und den Unruhen in der Region Xinjiang eine der drei großen Herausforderungen der kommenden Jahre.

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