
Noch einmal rückt Hou Jianzhong die Bücher hin und her. Als die Rücken der 50 schwarz eingebundenen Wälzer mit den roten Schriftzeichen schließlich bündig mit der vorderen Regalkante abschließen, zupft der Chinese seinen ockerfarbenen Blouson zurecht und rückt die Brille gerade. Schließlich bringt er sich vor den Regalreihen in Position und blickt mit ernster Miene in die schussbereite Digitalkamera seiner Begleiterin. Was er kurz darauf auf dem kleinen Display sieht, überwältigt den Chinesen: Hou vor der chinesischen Gesamtausgabe der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels. Mit dem Besuch des Studienzentrums des Karl-Marx-Hauses in Trier hat die Europareise von Hou Jianzhong einen neuen Höhepunkt erreicht. „Wir verehren Karl Marx noch sehr“, sagt der Deutschland-Besucher, der in Peking als stellvertretender Direktor die zentrale Ausbildungsstätte der Regierung für Beamte leitet. Dort spielen Marx’ Lehren, Kapitalismus hin oder her, noch immer eine große Rolle. „Und jetzt hier zu sehen, wo er geboren und aufgewachsen ist, das bewegt einen schon sehr“, sagt Hou. Schon am Vorabend hatten Hou und seine 21 Mitreisenden aus Peking das Geburtshaus von Karl Marx besichtigt – und damit den Ablauf der Trier-Visite gründlich durcheinandergebracht. Denn eigentlich war der Besuch erst für den nächsten Vormittag geplant. Doch die chinesische Reisegruppe war früher als vorgesehen aus Paris in Trier angekommen und hatte sich schon mal auf eigene Faust zum Karl-Marx-Museum aufgemacht. „Das kommt bei den Touristen aus China öfter vor“, sagt Elisabeth Neu vom Karl-Marx-Studienzentrum. „Die können es einfach nicht abwarten.“ Rund 34.000 Besucher zählte das Trierer Karl-Marx-Haus im vergangenen Jahr, allein 12.000 davon kamen aus China. Doch nicht nur die Provinzstadt an der Mosel ist bei den Reisenden aus dem Reich der Mitte beliebt. Auch ein zünftiges Abendessen im Münchner Hofbräuhaus, Rheinromantik bei Rüdesheim, eine Hafenrundfahrt in Hamburg und das Foto vor dem weltberühmten Kölner Dom stehen bei den Deutschland-Touristen aus China hoch im Kurs. Und immer mehr wollen es ihnen nachmachen. Um durchschnittlich zehn Prozent steigt die Zahl der Übernachtungen von Chinesen in Deutschland pro Jahr. 2005 buchten bereits rund 400.000 chinesische Touristen 853.000 Übernachtungen. Experten der Deutschen Zentrale für Tourismus rechnen im Jahr 2020 weltweit mit 100 Millionen chinesischen Auslandstouristen. Im vergangenen Jahr waren es noch 25 Millionen. Hoteliers, Restaurantbesitzer und Souvenirhändler zwischen Flensburg und Friedrichshafen sollen sich dann auf 15,6 Millionen Besucher im Jahr aus dem boomenden Riesenreich freuen können. „China wird wegen der wirtschaftlichen Entwicklung zu einem der interessantesten Quellmärkte weltweit“, erkannte Monika Echtermeyer, Tourismusexpertin an der Internationalen Fachhochschule Bad Honnef, schon vor einem Jahr.
Allerdings planen die Besucher aus China selten mehr als zwei Tage für Deutschland ein. Der Mini-Abstecher an den Rhein oder nach Bayern ist meist Teil einer Blitztour quer durch Europa. „Außer Deutschland nehmen die Touristen meist noch Italien, Frankreich und die Benelux-Länder mit“, erklärt Chen Mang, Chef bei Caissa-Touristic in Hamburg. Der Chinese lebt seit 1988 in Deutschland und hat sich mit seinem Hamburger Reiseunternehmen auf Europatrips für Touristen aus dem Reich der Mitte spezialisiert. Insgesamt, so der Reiseveranstalter, tourten die Besucher aus Fernost maximal zehn bis zwölf Tage durch Europa. Hou und seine 21 Mitreisenden sind da schon eine Ausnahme, denn sie sind bereits seit 18 Tagen unterwegs. Trier ist die letzte Station ihrer Reise. In den Tagen zuvor haben sie sich Paris, Luxemburg, Amsterdam, Brüssel, Hamburg, Berlin, Wolfsburg, Köln, Bonn und Rüdesheim angesehen.













