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Chinesischer Wirtschaftsexperte Qin Hui: "Alles ist möglich"

Der chinesische Wirtschaftsexperte Qin Hui spricht im Gespräch mit wiwo.de über die Binnennachfrage, Demokratie, Eigentum, soziale Abfederung und die Folgen der Finanzkrise für China.

Qin Hui, 54, ist Wirtschaftshistoriker an der angesehenen Qinghua-Universität in Peking
Qin Hui, 54, ist Wirtschaftshistoriker an der angesehenen Qinghua-Universität in Peking

WirtschaftsWoche: Herr Qin, Sie ziehen aus der Finanzkrise den Schluss, dass China von den USA lernen muss. Wie kommen Sie darauf, die Krise ging doch von den Kredit- und Konsumexzessen in den USA aus?

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Qin Hui: Ja, die Subprime-Krise ist das Ergebnis der bis zum Exzess betriebenen US-Wohnungsmarktpolitik, die auch armen Amerikanern das Hauseigentum ermöglichen sollte. Aber der Hypothekenkrise in den USA ist eine Überproduktionskrise in China  vorausgegangen. Chinas relativ arme Bevölkerung hat den Überkonsum in den USA finanziert. In China macht der Konsum nicht einmal 40 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, in den USA sind es mehr als zwei Drittel. Beide Seiten müssen sich ändern. In den USA geht der Konsum bereits zurück und die Sparquote steigt. Aber was soll China machen, wenn die Amerikaner nicht mehr wie bisher konsumieren?

Die westliche Welt hofft darauf, dass China die Binnennachfrage stärkt, um den Rückgang der Exporte abzufedern.

Seit 1994 diskutieren wir darüber, wie die Binnennachfrage gestärkt werden kann. Die Milliardenspritzen für die Wirtschaft allein werden dafür nicht ausreichen. Wir müssen unser Wirtschaftsmodell verändern. Damit das gelingt und China weniger abhängig von den Exporten wird, muss es auch politische Veränderungen geben. Derzeit trauen sich die Menschen nicht, ihr Geld auszugeben. Weil sie keinerlei Absicherung haben, sparen sie es. Die Binnennachfrage zu stärken, dass wird nur mit mehr politischer Mitsprache und sozialer Absicherung für die Chinesen gelingen.

Nach mehr Demokratie in China sieht es derzeit nicht aus.

Es geht darum, dass die Macht der Herrschenden Grenzen hat. Die Herrschenden müssen dem Volk die Absicherung bieten, die es braucht. Wenn dagegen die Macht unbegrenzt ist, dann ist die Freiheit des Volkes sehr gering und dann sind auch die Pflichten der Herrschenden sehr gering.

Was meinen sie zum Beispiel?

Chinas Volk muss in einigen ganz konkreten Punkten die Macht der Herrschenden beschränken. Damit zum Beispiel Häuser nicht mehr einfach abgerissen werden können, wie es den Herrschenden passt.

In den USA wurde Wohneigentum exzessiv gefördert, in China ist es wie jedes private Eigentum unsicher. Dennoch: Führt das hohe Wirtschaftswachstum nicht trotzdem  zu mehr Binnennachfrage?

Der Anteil des einfachen Volkes an den Früchten des wirtschaftlichen Erfolgs ist sehr gering. Deshalb braucht China acht Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr, um die Konsumkraft nur zu erhalten. China erzielt beim Export von einem Paar Schuhe, dass in den USA für 90 Dollar verkauft wird, rund 10 US-Dollar. Von diesem kleinen Teil des Mehrwerts, der in China bleibt, geht ein großer Teil an den Unternehmer und ein noch größerer Teil fließt in die Staatskasse. Für die Anderen bleibt nur noch wenig übrig.

Wie steht es  um die soziale Absicherung?

Der Staat stellt schon jetzt Dienstleistungen bereit. Aber oft werden die wie die Gnade des Kaisers betrachtet. Das gilt als eine große Güte, die man nicht verlangen darf. Das halte ich für falsch. Wenn es hier in China Fortschritte gäbe, dass das Volk mehr von den Herrschenden einfordern kann, wäre das eine Veränderung für das politische System. Das würde auch das chinesische Entwicklungsmodell und die Binnennachfrage verändern.

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2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 15.11.2009, 18:26 UhrAnonymer Benutzer: Horst (George) Balonier

    Zu meiner Eheschließung am 20.08.1982 wählten ich wir Trauzeugen den chinesischen Kernphysiker Liu bing, Lanzhou sowie die damalige Sekretärin birgit Hillerich, des damaligen FDP- Abgeordneten Gerhard in der Hessischen Landesvertretung, bonn, die als Kollegin mit meiner Ex- Ehefrau befreundet war. Als internationaler Menschenrechtler sowie als GSi- Mitarbeiter konnte
    ich einige Jahre mit Liu bing über Physik, Politik und chinesischer Philosophie diskutieren. Es war eine wunderbare Zeit mit ihm.
    Seit dieser Zeit verfolge ich die chinesische Politik. Aus meiner Sicht lernen die chinesischen Politiker schneller, ihren Staat wirtschaftlich nach vorne zu bringen, als dies in der westlichen Welt geschieht. Allerdings wird die politische Wende sehr traditionell weitergeführt, d.h. die alte ideologie hinkt dem Fortschrittsglauben
    weit hinterher. Dies wird zwangsläufig in den nächsten beiden Jahrzehnten zu größeren inländischen politischen Spannungen in
    China führen. Dies wird selbst dort noch nicht wahrgenommen. Die Gier nimmt kapitalistische Züge an, wobei man gerade doch in einem solchen Lande eine "Soziale Marktwirtschaft" suchen und
    vorfinden müsste, die in den allgemeinen idealen der Politik Chinas eigentlich zu vermuten ist. Die Kluft zwischen arm und reich nimmt in China derzeit gewaltig zu. Diese betrachtungen werden in dem
    Artikel "Alles ist möglich" gewaltig unterschätzt und leider nicht
    thematisiert. Schade! Vielleicht sollte Mark böschen von der WiWo diesbezüglich diesbezüglich ebenso sein Augenmerk darauf werfen und dies in einem anderen Artikel thematisieren. Ansonsten finde
    ich den Artikel gelungen.

    Horst (George) balonier, Pfungstadt

  • 14.11.2009, 11:01 UhrAnonymer Benutzer: Martin Bregulla

    Ein guter beobachter ;-)

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