Corbyn bleibt Labour-Chef: Das britische Stehaufmännchen

Corbyn bleibt Labour-Chef: Das britische Stehaufmännchen

, aktualisiert 24. September 2016, 13:45 Uhr
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Mit einer Mehrheit von 61,8 Prozent der Stimmen wurde Jeremy Corbyn als Vorsitzender der Labour-Partei bestätigt.

Quelle:Handelsblatt Online

Mit einer Zweidrittelmehrheit wurde Jeremy Corbyn als Parteivorsitzender bestätigt. Der britische Labour-Chef gewinnt eine Wahl nach der anderen – dabei wollen ihm selbst seine Parteigenossen an den Kragen.

LondonEin eher gequältes Lächeln huscht über Jeremy Corbyns Gesicht, als die Ergebnisse der Wahl zum neuen Parteivorsitzenden der britischen Labour-Partei verkündet werden. Dabei hat der 67-Jährige gewonnen: Er ist und bleibt Chef der britischen Oppositionspartei Labour. 61,8 Prozent der rund 640.500 Wahlberechtigten stimmten für „JC“, sein Konkurrent Owen Smith kam nur auf 38,2 Prozent der Stimmen. Der Sieg war erwartet worden – trotz des heftigen Gegenwinds, der Corbyn seit Monaten entgegenweht. Doch vermutlich ahnt der Labour-Chef, dass ihm keine leichten Zeiten bevorstehen.

Viele Parteimitgliedern stehen hinter dem Altlinken, der als Mann der Prinzipien gilt: Kriegsgegner, Atomwaffengegner, Befürworter von Verstaatlichungen, Kämpfer für die Armen. Ein Mann, der sich lange weigerte, einen Anzug zu tragen, der nicht einmal ein Auto besitzt. „Ein echter Mensch“, schwärmt ein Labour-Wähler. Seit Corbyn vor einem Jahr überraschend bei einer Urabstimmung mit breiter Mehrheit – und etwas weniger Stimmen als an diesem Samstag in Liverpool – an die Parteispitze rückte, stieg die Zahl der Mitglieder von Labour deutlich. In Großbritannien war daher erwartet worden, dass auch Corbyn die zweite Wahl gewinnen würde.

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Dennoch steht er wie kaum ein anderer Politiker auf der Insel in der Kritik. Selbst seine Ex-Frau, die ihn bei seiner letzten Wahl noch unterstützte, hat nun für den zweiten Kandidaten Smith gestimmt, weil er zu sehr an alten Idealen hänge. Und auch seine eigenen Abgeordneten stehen nicht so geschlossen hinter ihm, wie man vermuten könnte. Im Juni hatten sich 172 von 212 Labour-Abgeordneten in einem Misstrauensvotum gegen Corbyn ausgesprochen und seinen Rücktritt gefordert. Nachdem er sich weigerte, wurden Neuwahlen angestrengt, Abgeordnete versagten ihm die Gefolgschaft. „Die Labour-Partei befindet sich in einem chaotischen Zustand, in einer Art permanentem Bürgerkrieg“, sagt Politik-Professor Tony Travers von der London School of Economics.

„Wir haben mehr gemeinsam als uns trennt“, versucht Corbyn die Parteimitglieder in Liverpool zu überzeugen. In den vergangenen Wochen hatte er bereits versichert, seinen Gegnern einen „Olivenzweig“ zur Versöhnung hinzustrecken – er habe zu diesem Zweck bereits einen Olivenbaum, scherzte er.


„Der Name allein zieht Wähler an“

Corbyn habe nicht genug für den Verbleib Großbritanniens in der EU gekämpft, werfen ihm seine Kritiker vor, und er sei nicht in der Lage, die Partei zu führen. Er gebe nichts als leere Versprechen von sich, sei zu radikal um eine Mehrheit in der britischen Bevölkerung zu erzielen und sei daher „nicht wählbar“. Premierministerin Theresa May konnte es sich so auch nicht verkneifen im Parlament daraufhin zu weisen, dass Corbyn bei einer Umfrage, wer wohl der beste Premierminister sei, nicht nur hinter ihr, sondern auch hinter der Option „weiß nicht“ gelandet sei.

Corbyn selbst versucht diese Bedenken zu zerstreuen: Er zweifle nicht daran, dass diese Partei die nächsten Wahlen gewinnen werde, wann immer sie von der Premierministerin angesetzt werden, sagte er nach seiner Wiederwahl zum Parteichef.

Doch das halten seine Kritiker für unwahrscheinlich. Die Partei befinde sich in ihrer „schwersten Krise“, erklärte so auch der langjährige Labour-Chef Neil Kinnock kürzlich in einem Fernsehinterview. „Ich bin 74 Jahre alt“, sagte er, „wenn sich die Dinge nicht rasch und radikal ändern, ist es sehr zweifelhaft, dass ich es noch erlebe, dass die Labour-Partei regiert“.

Dass die Kritik an Corbyn nach seinem Wahlsieg verstimmen wird, glaubt auch Politologe Travers nicht. Die Labour-Partei vergleicht er mit einer zankenden Familie – ohne die Option auf eine Scheidung. „Der Name „Labour“ allein zieht so viele Wähler an, dass es unzufriedene Parteimitglieder davon abhalten wird abzuwandern und eine neue Partei zu gründen“, sagt Travers. Er erwartet, dass sich die Abgeordneten in ihr Schicksal fügen – aber Corbyn in den kommenden Wochen und Monaten Steine in den Weg legen. Die erste Möglichkeit dazu bietet sich bei der bevorstehenden Zusammenstellung des Schattenkabinetts von Corbyn. So sehr auf dem nun beginnenden Parteitag in Liverpool die Mitglieder ihre Gemeinsamkeiten betonen: Die Krise in der Labour-Partei dürfte weitergehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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