David Stockman: "Die Fed ist Geisel der Wall Street"

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InterviewDavid Stockman: "Die Fed ist Geisel der Wall Street"

von Angela Hennersdorf

Der US-Politiker und Finanzinvestor geißelt wirtschaftsschädlichen Lobbyismus in Amerika und warnt vor einer neuen Krise – ausgelöst durch die expansive Geldpolitik der US-Notenbank.

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David Stockman war als Haushaltsdirektor unter US-Präsident Reagan Architekt der "Reaganomics".

Mr. Stockman, die fast einhellige Meinung unter Ökonomen lautet: Die Notenbank Fed hat mit ihrer expansiven Geldpolitik das Land vor dem erneuten Abschwung gerettet. Warum sind Sie anderer Meinung?

Stockman: Niemand kann wissen, was passiert wäre, wenn die Notenbank nicht so massiv in die Finanzmärkte eingegriffen hätte. Klar ist, dass die 85 Milliarden Dollar, die sie derzeit monatlich in den Markt pumpt, in der Realwirtschaft nicht ankommen. Die Liquidität hat sich zwar erhöht. Doch damit kreiert die Fed die nächste Preisblase, die über kurz oder lang platzen wird. Der Markt ist durch das billige Geld nur künstlich aufgebläht.

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Die Finanzmärkte vertrauen aber darauf, dass die Notenbank ihre Finanzspritzen aufrechterhält...

...und wie schnell sich das ändern kann, haben wir jüngst beobachten können, als die Notenbank die Märkte mit unterschiedlichen Aussagen über die künftige Geldpolitik irritiert hat! Da fuhr der Dow Jones Achterbahn!

Innerhalb der FED gibt es Stimmen, die Stützungsmaßnahmen bald zurückzufahren. Aber ist die Notenbank überhaupt noch in der Lage, die Notenpresse anhalten? Muss sie dann nicht die nächste Finanzkrise befürchten?

Die Fed steht mit dem Rücken zur Wand, sie ist zur Geisel der Wall Street geworden. Sie fürchtet sich davor, die Finanzmärkte zu verschrecken. Die Regeln der ehrlichen Preisbildung hat Bernanke mit seiner Nullzinspolitik und dem massiven Kauf von Anleihen außer Kraft gesetzt. Wir müssen der Welt die Wahrheit sagen: Die US-Wirtschaft ist strukturell schwach. Die hohe Schuldenlast lähmt die Konjunktur. Wir müssen aufhören mit diesem geldpolitischen Wahnsinn. Es ist nicht die Aufgabe der Notenbank, die Preise für Finanzmarktprodukte festzulegen. Die Zinsen müssen wieder Nachfrage und Angebot reflektieren.

Aber das Vertrauen der Märkte wäre dahin.

Richtig, doch wie weit soll das Spiel der Fed denn noch gehen? Je länger wir weitermachen wie bisher, desto lauter wird der Knall. Zumal andere Zentralbanken wie die EZB und die Bank of Japan demselben Spiel folgen, um ihre Währung nicht zu gefährden. Ändert die Fed ihre Zinspolitik, würden auch die anderen gegensteuern. Was die Fed betreibt, ist Machtmissbrauch. Sie hat sich zum geldpolitischen Politbüro entwickelt, das Konjunktur und Arbeitsmarkt steuert.

Sie beklagen, der Kapitalismus in Amerika sei zur korrupten Vetternwirtschaft verkommen. Was meinen Sie genau?

Interessengruppen steuern die Politik, und die wiederum greift entsprechend den Wünschen dieser Gruppen in die Märkte ein. Sei es Wall Street, die Gesundheitsindustrie, die Banken – alle nutzen das System zu ihren Gunsten aus. Da gibt es Steuererleichterungen und Steuerschlupflöcher, Sonderregeln, Unternehmen werden vor dem Bankrott mit Staatsgeldern gerettet. Wir sind eine Bail-out-Ökonomie geworden. Warum musste GM vom Staat gerettet werden? Eine geordnete Insolvenz wäre möglich gewesen, dann wäre das Unternehmen jetzt besser für den Wettbewerb gerüstet.

Sie waren aber selbst Teil des Systems – als Politiker im US-Kongress, als Haushaltsdirektor unter Präsident Reagan und später als Finanzinvestor.

Sowohl die Konservativen als auch die Demokraten in Amerika haben an der Entwicklung Schuld, weil sie nur darauf bedacht sind, ihren Wählergruppen das Wort zu reden, anstatt auf die langfristige politische und ökonomische Gesundheit des Landes zu setzen. Die Konservativen haben ihre zentralen Werte – freie Märkte, finanzpolitische Rechtschaffenheit und ehrliches Geldverdienen – aufgegeben.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Es wird schwierig, aus diesem korrupten System herauszufinden. Die Notenbank muss aufhören, Schulden aufzukaufen. Um dem Verspielen von Kapital ein Ende zu setzen, müssen wir das Trennbankensystem wieder einführen. Die Banken sind derzeit „too big to fail“. Wir müssen außerdem unsere Verfassung ändern und die Präsidentschaftswahl nur noch alle sechs Jahre durchführen. So verhindern wir, dass die Parteien ständig mit Wahlkampf beschäftigt sind. Außerdem sollte es für Präsident und Senatoren keine Wiederwahl mehr geben. Und es dürfte kein privates Geld mehr in die Wahlkampagnen fließen. Das würde uns von der Geißel der Lobbyisten befreien.

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Stockman, 66, war als Haushaltsdirektor unter US-Präsident Ronald Reagan (1981–1985) Architekt der „Reaganomics“. Nach seinem Job im Weißen Haus heuerte Stockman bei Salomon Brothers an, später beim Finanzinvestor Blackstone. Sein neues Buch „The Great Deformation – The Corruption of Capitalism in America“ analysiert die Geldpolitik der US-Notenbank Fed und die historischen Ursachen und Folgen der Finanzkrise.

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