Davos: Britischer Charme und kontinentale Wut

Davos: Britischer Charme und kontinentale Wut

von Roland Tichy

In Davos gibt es immer drei konkurrierende Themenschwerpunkte: den ersten gibt Klaus Schwab vor - das Jahresmotto. Es ist oft am Nerv der Zeit, resilient stabilty beispielsweise hält Franz Fehrenbach, der mächtige Bosch-Aufseher, für "genial". Schließlich gehe es genau darum - nachhaltig die Unternehmen so aufzustellen, dass ein unerwartetes Ereignis oder ein Rückschlag sie nicht aus dem Gleis wirft.

 

Und Schocks aus allen Ecken der so gegenseitig abhängigen Welt sind dauernd zu erwarten: Kriege, Unruhen, Wirre Finanzmärkte und irre Politiker, dazu Klimawandel und jede Sorte von Risiko - das sind die zweite Ebene der Themen, die von Wissenschaftlern jeder Fachrichtung und Managern diskutiert werden. Auf dieser Bühne ist der Klimawandel schon fast gelöst. Davos folgt der Themenkonjunktur, und Klima ist gerade nicht so preistreibend gefragt. Es geht jetzt eher um die Bewältigung des Wachstums in den großen neuen Wirtschaftsnationen - um Smog in Shanghai, Mega-Städte, Bildung. Und die eine Weltsicht gibt es nicht. Klaus Engel, der Chef des Essener Chemiekonzerns Evonik, beobachtet dass die Diskussionen auseinanderdriften. Klimaziele, so Engel, werden von den Forderungen nach Wachstum auf der Südhalbkugel einfach verdrängt. Armut wird als elementares Überlebensthema gesehen, nicht wie in Deutschland entlang der Hartz-IV Debatte, in der Kinokarten und Farbfernseher zur Selbstverständlichkeit gehören. In Davos werden europäische Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt nicht einmal der Euro ist da noch wichtig, der ist eher Teil der europäischen Nabelschau.

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Und dann ist Davos eine Bühne der aktuellen Politik. In diesem Jahr ist es der Vorstoß der britischen Regierung zum Europa-Referendum. Premier Cameron hielt eine fulminante Rede, in der er den Verfall der europäischen Wettbewerbsfähigkeit beklagte, und dem sei mit mehr Brüsseler Bürokratie, mit höheren Steuern und mehr Wettbewerbsbegrenzung gerade nicht zu begegnen. Auch Schatzkanzler Osborne argumentierte, der Vorstoß sei eine Chance für Europa, nämlich sich endlich zu reformieren, von Zentralstaatsphantasien Abstand zu nehmen und pragmatisch für mehr Wohlstand zu sorgen. Geschickt stellten sie die Insel als Brücke in die große weite Welt vor, klopften den Franzosen auf die Schulter und versprachen Blutsbrüderschaft beim Krieg in Mali, appellierten unterschwellig an die Waffenbrüderschaft, stellten Großbritanniens militärische Schlagkraft ins Schaufenster und seine globale Diplomatie - da kann ja Deutschland, die andere Führungsmacht in Europa mit seiner Pfadfinderbundeswehr nicht mithalten.

+++Davos Diary+++ Was bleibt vom WEF 2013?

Das Weltwirtschaftsforum 2013 in Davos: Für die WirtschaftsWoche vor Ort sind Roland Tichy, Sebastian Matthes und Tim Rahmann. Sie berichten laufend aktuell und bieten spannende Einblicke hinter die Kulissen.

huGO-BildID: 29602729 Participants leave the Congress Center the last day of the 43rd Annual Meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Saturday, Jan. 26, 2013. (Foto:Keystone/Laurent Gillieron/AP/dapd) Quelle: dapd

Das Ziel ist klar - Britannien als Treiber von Reformen, für die man sich notfalls aus der Union heraustreiben lässt. So geschickt erfolgte der Vorstoß, dass sowohl Angela Merkel als auch Mario Monti schwach dagegen aussahen, Repräsentanten eines verknöcherten Kontinents eben, so der gewollte Eindruck auf einer Märchenbühne mit prachtvoller Winterkulisse, in der der Schein schnell für Sein genommen wird. Das Spiel geht aus zu Gunsten der eloquenten britischen Charmebolzen - und Europa sieht alt aus, sehr alt und zu selbstverliebt und selbstgewiss. Aber der Rest der Welt will dabei immer weniger mitmachen, folgt der eigenen Tagesordnung.

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