Davos: Demonstrationen verfälschen den Blick auf Davos

Davos: Demonstrationen verfälschen den Blick auf Davos

von Roland Tichy

Das Weltwirtschafsforum ist eröffnet. 2.600 Personen, darunter 40 Staatschef, besuchen den Schweizer Kurort. Sie werden über die drängenden Wirtschaftsfragen der Zeit debattieren. Doch die Kernthemen des Treffens werden immer weniger wahrgenommen.

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Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forum (WEF), vor der Eröffnung

Davos liegt in einem Hochtal – eine Polizeikette am Eingang reicht aus, um Demonstranten fernzuhalten. Und doch drängt die weltweite Protestbewegung in den historischen Lungenkurort und droht die Party zu sprengen oder zumindest in der medialen Darstellung zu prägen; Protest-Iglus sind geplant, auch wenn das Klima deutlich kälter ist als in Frankfurt oder New York. Bislang ging die Schweizer Polizei durchaus robust gegen die wenigen Demonstranten vor, die es zudem kaum bis in das abgeriegelte Herz des Treffens schafften und etwa am Bahnhof ihre Fahnen schwenken mussten.

Klima in den Medien kühlt ab

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Auch das Klima in den Medien kühlt ab. Mit der Berichterstattung über das 42. World Economic Forum (WEF) in den internationalen Medien hat sich das Medienforschungsinstitut Media Tenor beschäftigt und kürzlich eine Auswertung vorgelegt. Fazit: Obwohl die Organisatoren des WEFs dieses Jahr mit beeindruckenden Superlativen in Sachen Teilnehmerzahlen aufwarten können  (mehr als 2.600 „Meinungsbildner aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft“, darunter rund 40 Staatschefs reisen in den Schweizer Kurort), werfen die angekündigten Demonstrationen einen Schatten über das Forum.

Das Wiederaufleben der Proteste, die es in vergangenen Jahren immer wieder gab, tangiert das Welttreffen der Wirtschaftselite nach Analyse von Media Tenor auf zwei Arten: Die Themen Demonstrationen und Sicherheit stehen wieder auf der Agenda und den kritischen Stimmen wird in den Medien mehr Raum eingeräumt. Leitmedien machen sich schon  vor dem Start über das illustre Treffen lustig; die bislang achtungsvolle Berichterstattung wird durch eine zunehmend kritische überschattet. Schon wird befürchtet, dass aus den edlen Absichten in der medialen Darstellung ein „Treffen der Reichen“ wird, die sich kaum den tatsächlichen Problemen annehmen.

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Kaum positive Resonanz auf Absichtserklärungen

Nach wie vor dominiert Forums-Gründer Klaus Schwab die Berichterstattung im Vorfeld, aber seine jährlich wiederholten hehren Absichtserklärungen zur Weltverbesserung stoßen bei den Medien immer weniger auf positive Resonanz. Ergebnisse zählen – doch die sind eher rar. Denn das Gipfeltreffen ist nicht für Memoranden oder Entscheidungen angelegt, sondern als unverbindlich diskutierendes Intellektuellen-Forum. 

Die durch die Finanzkrise verschärfte globale Vertrauenskrise springt auf Davos über: Die Journalisten finden nur wenig in Sachen Vertrauen und Werte zu berichten, so die erste Auswertung. Einzig Peter Brabeck-Letmathe, Präsident des Verwaltungsrates von Nestlé, ist es gelungen, sich mit seinem Kernthema im Umfeld von Davos in den Medien zu platzieren: mit dem wachsenden Bedarf an Trinkwasser.

Ganz an der Spitze der Aufmerksamkeit rangiert die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber auch sie lässt sich auf Diskussionen nicht ein: Sie will nach ihrer Eröffnungsrede sofort wieder abreisen. Genau das aber widerspricht dem Geist von Davos, der sich bislang durch regen Gedankenaustausch über Grenzen hinweg immer wieder neu befruchten konnte. 

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